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Michael Hüther im Tagesspiegel Interview 25. März 2022

„Ein Embargo gefährdete Millionen deutsche Arbeitsplätze”

Warum Deutschlands Industrie weiter auf russische Gaslieferungen angewiesen ist, erklärt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit dem Tagesspiegel.

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Herr Hüther, der Ökonom Rüdiger Bachmann sagt, Deutschland könnte ein Gas-Embargo gegen Russland wirtschaftlich verkraften. Das Bruttoinlandsprodukt würde nach seinen Berechnungen um höchstens drei Prozent sinken, was sich mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen abfangen ließe. Sie widersprechen. Warum?       

Sich nur die modellbasierte Reduktion des BIP anzusehen, greift zu kurz. Wir können im Augenblick überhaupt nicht überschauen, wie stark sich ein Embargo über die Lieferketten auf die deutsche Wirtschaft auswirken würde. Was wir allerdings wissen, ist, dass die Flexibilität beim Gas sehr gering ist. Es gibt Gaskraftwerke, die sind für die Chemieproduktion zwingend notwendig. Fallen sie aus, gefährden wir damit die Grundstoffproduktion, nicht nur in der Chemie, sondern auch bei Nahrungsmitteln, Papier, Glas und Stahl.

Bachmann argumentiert, die Industrie könne sich ihre Grundstoffe und Vorprodukte auch im Ausland beschaffen.

So kann man nur denken, wenn man mit der Sicht herangeht, wir hätten eine friktionsfreie Welt, in der man alles immer bekommt. Aber so ist die Welt leider nicht. Die hiesige Grundstoffproduktion ist eng mit den weiteren industriellen Produktionsketten verquickt. Deswegen dürfen wir sie nicht gefährden. Wenn wir die Chemiebranche für eineinhalb Jahre stilllegen, wie es bei einem Gas-Embargo der Fall wäre, dann ist das nichts anderes als der Abschied von der Grundstoffproduktion in Deutschland. Werden in der Chemie bestimmte Dinge heruntergefahren, ist die ganze Kette gestört. Das hätte weitreichende Folgen beispielsweise auch für die Automobilproduktion in Deutschland, die dann irgendwann nicht mehr produzieren kann, weil die Vorleistungen fehlen.

Selbst wenn der Staat den betroffenen Branchen finanziell unter die Arme greift wie in der Pandemie?

Chemie- und Autoproduktion rechnen sich dann am Standort Deutschland einfach nicht mehr. Das können sie mit Subventionen niemals ausgleichen. Der Vergleich mit der Pandemie ist ohnehin irreführend. Einen Lockdown in der Produktion hatten wir nur im April 2020, für fünf oder sechs Wochen, und sektoral sehr begrenzt. Abgesehen davon waren von längeren Schließungen nur Sektoren des privaten Konsums betroffen, die nicht vernetzt sind: Hotels, Restaurants, Veranstaltungen, Theater und Museen. Aber jetzt reden wir über eine spezialisierte Prozesskette mit viel größerer Vernetzung. Das mit den Corona-Lockdowns zu vergleichen, verkennt die Arbeitsteilung und Spezialisierung in unserer industriellen Welt. 

Wie viele Arbeitsplätze wären in Deutschland durch ein Gas-Embargo gefährdet?

Geht man von der Grundstoffindustrie und der daran hängenden Automobilindustrie aus und orientiert sich an der Kurzarbeit während der Pandemie als Untergrenze, sind zweieinhalb bis vier Millionen nicht unrealistisch.

Aber die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine machen den Ausstieg aus russischer Energie doch fast unausweichlich.

Eine Moral, die Handlungen auslöst, die weder durchhaltbar noch wirksam sind, überzeugt nicht. Natürlich müssen wir unabhängig von Russland werden, das ist gar keine Frage. Aber wir sollten dort anfangen, wo es praktikabel ist, bei der Steinkohle. Das ginge bis Jahresende, wir haben Alternativen, zum Beispiel aus Venezuela. Beim Rohöl ist es schon etwas schwieriger, aber auch das bekommen wir auf Jahressicht hin, wenn wir uns über Rostock aus Richtung Norden versorgen. Beim Gas brauchen wir hingegen in jedem Fall einen Vorlauf von zwei bis zweieinhalb Jahren. Es gäbe zwar genug Gas in den USA, aber dort und hierzulande fehlen die für die Umwandlung nötigen Anlagen, um es nutzen zu können.

Am Mittwoch gab Putin bekannt, sich sein Gas nur noch in Rubel bezahlen zu lassen. Hat er damit nicht längst einseitig einen Lieferstopp eingeleitet?

Mein Eindruck ist, dass das eher ein politischer Schachzug ist, den Putin nicht wird durchhalten können. Das werden ihm seine Leute auch irgendwann sagen. Russland kann die Förderung nicht einfach abdrehen, das Gas sprudelt weiter aus dem Boden und muss irgendwohin. Es nach China zu verkaufen ist keine Option, weil dorthin die Pipelines zumindest auf absehbare Zeit fehlen. Insofern ist das Abstellen der Gasversorgung nur eine Drohkulisse. Ich würde eher argumentieren, dass das Ganze in erster Linie der Versuch eines Rubel-Recyclings ist.

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