China nutzt Exporte als strategisches Instrument. Europa muss sich gegen diese unfaire Handelspolitik zur Wehr setzen. Ein Beitrag von IW-Direktor Michael Hüther.
Plädoyer für Ausgleichszölle
Der deutsche Blick auf China ist ambivalent. Die Wohlstandsgewinne der Globalisierungsphase nach 1990 waren stark mit dem chinesischen Markt verbunden. Anders als in den USA, wo der erste Chinaschock nach 2000 zu einem erheblichen Verlust an Industriejobs führte, stärkten der Handel mit China und die Direktinvestitionen dort die deutsche Industrie.
China ist unverändert ein wirtschaftliches Schwergewicht. Auch mit den für das Land enttäuschenden - und fragwürdigen - 4,7 Prozent Wachstum im ersten Halbjahr bewegt sich die Volksrepublik in Dimensionen, von denen viele Industrienationen weit entfernt sind. Doch aus dem Antrieb für Wohlstandsmehrung ist eine Bedrohung auf technologischer Augenhöhe geworden. Während der deutsche Export nach China schwächelt, erreichen die chinesischen Importe bei uns immer neue Höchststände.
Es ist der Chinaschock 2.0.
Was wie überlegene chinesische Wettbewerbsfähigkeit erscheint, beruht in erheblichem Maß auf politischen Verzerrungen. Ausdruck finden sie in Chinas Warenhandelsüberschuss, der 2025 mit rund 1,2 Billionen US-Dollar ein Rekordniveau erreichte. Der Leistungsbilanzüberschuss stieg auf 3,7 Prozent des BIP - das höchste Niveau seit 2010. Die Zahl ist Symptom eines Wirtschaftsmodells, das strukturell unter Druck steht und den Außenhandel strategisch nutzt, weil die Binnenquellen des Wachstums versiegen.
„Wer wie China unlauteren Wettbewerb betreibt, kann sich nicht auf Freihandelsprinzipien berufen”
Wer China verstehen will, muss die politische Dimension des Wirtschaftswachstums begreifen. Die Kommunistische Partei hat seit Deng Xiaopings Führung (1979-1997) einen impliziten gesellschaftlichen Vertrag mit dem Volk geschlossen: Wohlstand gegen Unterwerfung. Dieses Arrangement funktioniert nur, wenn die Wirtschaft wächst. Stagnation ist nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern bedroht auch das politische System. Das erklärt, warum Peking den Wechsel von einem export- und investitionsgetriebenen Wachstum hin zu einem konsumgestützten Modell so lange hinausschiebt. Der Export als Wachstumsmotor ist politisch bequemer.
Das inländische Wachstumsmodell steht auf zwei beschädigten Säulen. Die Immobilienkrise schwelt weiter, ein Ende des Preisverfalls ist nicht absehbar - und da chinesische Haushalte einen sehr hohen Anteil (70 Prozent) ihres Vermögens in Wohneigentum halten, erschüttert jede Preiskorrektur nicht nur Bilanzen, sondern Lebensplanungen. Hinzu kommt eine anhaltend hohe Jugendarbeitslosigkeit. Pekings Antwort - ein Fünfjahresplan mit Konsumzielen von 60 Billionen Yuan bis 2030 - ist ein stumpfes Instrument.
Menschen verändern ihr Verhalten nicht auf Anweisung, sondern in Reaktion auf Anreize und institutionelle Rahmenbedingungen. Solange das Sozialsystem rudimentär bleibt und Immobilienvermögen erodieren, wird kein Plan ausreichend privaten Konsum mobilisieren. Auch demografisch verschärft sich die Lage: Die Erwerbsbevölkerung schrumpft seit 2014, die Geburtenrate liegt historisch niedrig bei 1,0 Kindern pro Frau, in den Metropolen sogar nur bei 0,7.
Yuan rund 30 Prozent unterbewertet
Unter diesen Bedingungen ist der Exportmarkt zum zentralen Ventil für planwirtschaftlich erzeugte Überkapazitäten geworden - ermöglicht durch massive staatliche Subventionen. Nach einer OECD-Studie gehen mehr als die Hälfte der globalen Marktanteilsgewinne Chinas zwischen 2005 und 2023 auf den Subventionseinsatz zurück.
Hinzu kommt die Währungspolitik. Das IW schätzt die Unterbewertung des Yuan auf bis zu 30 Prozent. Ursache ist die Weigerung der chinesischen Regierung, den Wechselkurs auf die massiven Preisdivergenzen seit 2020 reagieren zu lassen. Zwischen Januar 2020 und Januar 2025 haben sich europäische Erzeugerpreise gegenüber chinesischen um über 40 Prozent verteuert - der Yuan hätte aufwerten müssen, hat er aber nicht.
Knapp die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen im Wettbewerb mit China berichtet von Preisunterbietungen um mehr als 30 Prozent. Preisunterschiede dieser Größenordnung tragen zur Deindustrialisierung Europas bei und kosten Deutschland grob geschätzt 400 000 Arbeitsplätze.
Was folgt daraus? Die Antwort lautet: Ausgleichszölle - nicht als protektionistischer Reflex, sondern als ordnungspolitisches Gebot. Wer unlauteren Wettbewerb betreibt, kann sich nicht auf Freihandelsprinzipien berufen. Europa sollte dabei in enger Abstimmung mit den USA vorgehen und die Höhe der Zölle an den nachweisbaren unfairen Vorteilen Chinas orientieren. Die Angst vor Retorsionsmaßnahmen ist kein guter Ratgeber.
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