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Gutachten 20. März 2025 Tillman Hönig / Benita Zink Die Stahlindustrie in Duisburg: Bedeutung und Perspektiven

Duisburg ist der größte Stahlstandort Europas und spielt sowohl national als auch international eine Schlüsselrolle in der Stahlindustrie. Die Stadt ist eng mit wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Bauwirtschaft verknüpft und hat sich aufgrund ihrer Lage mit Zugang zu Kohlevorkommen und Wasserwegen seit dem 19. Jahrhundert zu einem Stahlzentrum entwickelt.

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Die Stahlindustrie in Duisburg: Bedeutung und Perspektiven
Gutachten 20. März 2025 Tillman Hönig / Benita Zink

Die Stahlindustrie in Duisburg: Bedeutung und Perspektiven

Studie für die Stadt Duisburg

Tillman Hönig / Benita Zink Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Duisburg ist der größte Stahlstandort Europas und spielt sowohl national als auch international eine Schlüsselrolle in der Stahlindustrie. Die Stadt ist eng mit wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Bauwirtschaft verknüpft und hat sich aufgrund ihrer Lage mit Zugang zu Kohlevorkommen und Wasserwegen seit dem 19. Jahrhundert zu einem Stahlzentrum entwickelt.

Wirtschaftliche Bedeutung der Stahlindustrie in Duisburg

Auch heute bleibt die Stahlindustrie ein zentraler Wirtschaftssektor:

  • In Duisburg wird mit rund 16 Millionen Tonnen Rohstahl jährlich etwa 43 Prozent der gesamten Stahlproduktion in Deutschland erzeugt.
  • Mit einem BIP von rund 2,2 Milliarden Euro (10,4 Prozent des Duisburger BIPs) erzielt die Stahlindustrie die höchste Wertschöpfung unter allen Branchen in Duisburg. Auch nach der Beschäftigung gehört die Stahlindustrie mit rund 17.800 Erwerbstätigen (7,6 Prozent der Duisburger Beschäftigten) zu den größten Wirtschaftszweigen der Stadt.
  • Darüber hinaus zeichnet sich die Duisburger Stahlindustrie durch eine außergewöhnlich hohe Produktivität aus. Mit einem BIP je Erwerbstätigen von rund 122.000 Euro liegt die Produktivität nahezu 40 Prozent über dem Durchschnitt von Duisburg (89.000 Euro) und übersteigt die bundesweite Produktivität der Stahlindustrie (100.000 Euro) um mehr als 20 Prozent.
  • Relativ betrachtet ist die Stahlindustrie in Duisburg besonders bedeutend. Sie trägt mit einem knapp 47-mal höheren Wertschöpfungsanteil zum BIP bei als im deutschen Durchschnitt. Diese Konzentration macht Duisburg überdurchschnittlich abhängig von der Branche, sodass Veränderungen besonders starke Auswirkungen auf die Stadt haben können.

Neben den direkten wirtschaftlichen Effekten entstehen durch die enge Vernetzung der Duisburger Stahlindustrie mit anderen Branchen weitere positive Effekte in der Stadt und im übrigen Deutschland:

  • Auf jeden Euro BIP, der direkt durch die Duisburger Stahlindustrie erwirtschaftet wird, kommen weitere 1,47 Euro durch indirekte und induzierte Effekte in der restlichen deutschen Wirtschaft. Insgesamt generiert die Duisburger Stahlproduktion deutschlandweit etwa 5,3 Milliarden Euro BIP bei einem Produktionswert von 19,5 Milliarden Euro und 51.700 Arbeitsplätzen.
  • Der in der vorgelagerten Wertschöpfungskette angestoßene (indirekte) Effekt überwiegt mit 2,6 Milliarden Euro BIP dabei den induzierten Konsumeffekt (0,6 Milliarden Euro BIP). Über die Hälfte der indirekten Wertschöpfung entfällt auf Nordrhein-Westfalen (NRW), wobei davon wiederum die Hälfte direkt in Duisburg bleibt. Der größte Teil des indirekten BIP (knapp 300 Millionen Euro) entsteht in der Energieversorgung, weil die Stahlherstellung sehr energieintensiv ist.
  • In der nachgelagerten Wertschöpfungskette beliefert die Duisburger Stahlindustrie vor allem die Metallerzeugung und -bearbeitung (3,9 Milliarden Euro), gefolgt von der Automobilindustrie (1,3 Milliarden Euro), der Herstellung von Metallerzeugnissen (824 Millionen Euro) und dem Maschinenbau (733 Millionen Euro).
  • Die Stahlindustrie trägt zudem erheblich zu öffentlichen Kassen bei: Sie ist insgesamt für Steuereinnahmen in Höhe von 931 Millionen Euro und Sozialversicherungsbeiträge von knapp 1,3 Milliarden Euro verantwortlich. Davon gehen 237 Millionen Euro Steuerzahlungen auf die Duisburger Stahlunternehmen selbst zurück. Auf jeden direkt gezahlten Euro Steuern kommen rund zwei weitere Euro Steuerzahlungen der Zulieferer; in der vorgelagerten Wertschöpfungskette fallen insgesamt 552 Millionen Euro Steuerzahlungen an. Der induzierte fiskalische Effekt durch Konsumausgaben der Beschäftigten beläuft sich schließlich auf 106 Millionen Euro. Über 60 Millionen Euro der Steuerzahlungen verbleiben in Duisburg, während der größte Teil mit 413 Millionen Euro an den Bund fließt, 223 Millionen Euro an das Land NRW und 232 Millionen Euro an restliche Gemeinden und Länder.

Zukunftsszenarien der Stahlindustrie in Duisburg

Die Stahlindustrie in Deutschland und insbesondere in Duisburg steht vor erheblichen Herausforderungen. Hohe Energiepreise, Fachkräftemangel und bürokratische Hürden beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit. Die Transformation hin zu klimaneutraler Stahlproduktion erfordert massive Investitionen, da die Umstellung auf eine wasserstoffbasierte Produktion mit deutlich höheren Kosten verbunden ist. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Beschäftigungsentwicklung wider: Seit 2019 ist die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Stahlindustrie um 7,9 Prozent gesunken, in Duisburg sogar um 10,5 Prozent. Aktuelle Entwicklungen bei großen Unternehmen verdeutlichen diese Trends: die thyssenkrupp AG plant den weiteren Abbau von 5.000 Stellen und die Auslagerung von 6.000 Arbeitsplätzen, während mit 3.000 Arbeitsplätzen im Stahl und zusätzlichen 1.500 Arbeitsplätzen in den werksnahen Dienstleistungen den Hüttenwerken Krupp Mannesmann im schlimmsten Fall sogar die Schließung drohen könnte. Durch die Ablehnung der Förderungen für die Elektrolichtbogenöfen für HKM und ArcelorMittal sind weitere Arbeitsplatzverluste nicht auszuschließen.

Vor diesem Hintergrund untersucht die Studie fünf Szenarien, die unterschiedliche Ausmaße des Beschäftigungsrückgangs in der Duisburger Stahlindustrie analysieren. Bereits im Basisszenario, das von einem Rückgang um 1.000 Arbeitsplätze ausgeht, ergeben sich für Deutschland inklusive der indirekten und induzierten Effekte insgesamt geschätzte Verluste von 1,5 Milliarden Euro an Produktion, 0,5 Milliarden Euro beim BIP sowie 5.000 Arbeitsplätzen. Im „Worst-Case“-Szenario, dem Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen in der Duisburger Stahlindustrie, kommt es zu folgenden Effekten:

  • Ein Rückgang der Beschäftigung in der Duisburger Stahlindustrie um 11.000 Beschäftigte und die damit verbundene Reduktion der Produktionskapazitäten führen zu insgesamt geschätzten Verlusten von 16,4 Milliarden Euro an Produktion, 5,6 Milliarden Euro beim BIP und knapp 55.000 Arbeitsplätzen in Deutschland.
  • Davon entfallen 1,1 Milliarden Euro BIP direkt auf die Duisburger Stahlindustrie, weitere 850 Millionen Euro BIP auf die vorgelagerte Wertschöpfungskette und 3,7 Milliarden Euro BIP auf die nachgelagerte Wertschöpfungskette.
  • Besonders groß ist also der Effekt in der nachgelagerten Wertschöpfungskette. Neben der weitergefassten Stahlindustrie erleidet deutschlandweit die Automobilindustrie den größten BIP-Verlust, gefolgt vom Baugewerbe und dem Maschinenbau.
  • Etwa ein Viertel des Gesamteffekts entfällt auf Duisburg. In der Stadt führt der Rückgang zu einem Verlust von 4,6 Milliarden Euro Produktionswert, 1,3 Milliarden Euro BIP und gut 13.000 Arbeitsplätzen. Neben den direkten Effekten berücksichtigt dieser regionale Gesamteffekt auch indirekte und nachgelagerte Effekte.
  • Relativ gesehen ist Duisburg am stärksten betroffen. Der Rückgang der Beschäftigung würde zu einem Rückgang des städtischen BIPs um 6,2 Prozent führen, während der Rückgang in NRW und Deutschland nur 0,1 Prozent beträgt.
  • Der Rückgang der Stahlbeschäftigung in Duisburg führt durch fehlende Steuerzahlungen der Duisburger Stahlindustrie und ihrer vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette zu einem deutschlandweiten jährlichen Verlust von 773 Millionen Euro an Steuereinnahmen. Dieser Verlust verteilt sich auf Duisburg (30 Millionen Euro), das Land NRW (132 Millionen Euro), weitere Gemeinden und Bundesländer (296 Millionen Euro) und den Bund (315 Millionen Euro). Der größte Anteil dieses Rückgangs ist mit 420 Millionen Euro dem Lohnsteueraufkommen zuzuschreiben.

Handlungsempfehlungen

Angesichts dieser Herausforderungen ist es von zentraler Bedeutung, die Stahlindustrie als tragende Säule der lokalen Wirtschaft zu stärken und zugleich eine diversifizierte sowie widerstandsfähige Wirtschaftsstruktur aufzubauen. Die Stahlindustrie bietet auch in Zukunft großes Potenzial, ein unverzichtbarer Bestandteil der Duisburger Wirtschaft zu bleiben und eine bedeutende Rolle im Übergang zur Klimaneutralität zu spielen:

  • Impulsgeber für die grüne Transformation: Als einer der größten Abnehmer von grünem Wasserstoff kann die Branche einen entscheidenden Beitrag zur Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie leisten und den Hochlauf dieser Technologie unterstützen. Eine Umstellung auf wasserstoffbetriebene Hochöfen bis 2030 könnte jährlich rund 17 Millionen Tonnen CO2-Emissionen einsparen, was fast ein Viertel des Klimaziels der Industrie ausmacht (IW et al., 2024). Die Transformation hin zu emissionsarmem Stahl bietet darüber hinaus das Potenzial für einen starken Hebeleffekt für die CO2-Bilanz der Kundenbranchen der Stahlindustrie, etwa im Automobilsektor.
  • Vorreiterrolle in der grünen Stahlproduktion: Die Integration bereits vorhandener klimafreundlicher Produktionsprozesse ermöglicht es Duisburg, eine Vorreiterrolle in der globalen grünen Stahlproduktion zu übernehmen, was der Region einen strategischen Wettbewerbsvorteil verschafft und ihre internationale Position für Exporte sichert. Um diese Chancen zu realisieren, sind jedoch weitergehende staatliche Unterstützungen, etwa durch zeitlich befristete Klimaschutzverträge, und eine planbare und bezahlbare Versorgung mit klimaneutralem Wasserstoff nötig.
  • Die Bedeutung der Stahlproduktion in Duisburg für die Klimaziele: Die Stahlproduktion in Duisburg spielt eine zentrale Rolle für die Erreichung der nationalen Klimaziele Deutschlands. Ohne die Umstellung auf klimaneutralen Stahl könnte Deutschland weiterhin Stahl aus Ländern mit hoher CO2-Emission importieren, was die Gesamt-Emissionen erhöhen würde.

Neben der Förderung der Stahlindustrie ist es ebenso wichtig, eine vielfältige und widerstandsfähige Wirtschaftsstruktur zu entwickeln, um Duisburg langfristig wirtschaftlich stabil zu halten. Das erfordert:

  • Optimale Nutzung freier Industrie- und Gewerbeflächen: Im Zuge der geplanten Produktionsreduzierungen bei großen Stahlherstellern können wertvolle Flächen in Duisburg freigesetzt werden. Diese sollten für potenzielle Investoren systematisch aufbereitet werden und unter regulierungsarmen und pragmatischen Bedingungen genutzt werden können. Dabei können Best-Practice-Beispiele als Orientierung dienen (beispielsweise IPAI in Heilbronn, MARK 51°7 in Bochum).
  • Investitionen und Strukturhilfe der öffentlichen Hand: Zur Finanzierung der erforderlichen Infrastruktur und zur Schaffung optimaler Bedingungen für Unternehmensansiedlungen sollten gezielt Förderprogramme genutzt werden. Ein Beispiel für die erfolgreiche Nutzung solcher Mittel ist MARK 51°7 in Bochum, das 65,1 Millionen Euro aus Landes- und Bundesmitteln erhielt, von insgesamt 160 Millionen Euro an aufgewendeten Investitionen. Um langfristige Investitionen in nachhaltige Infrastrukturen zu sichern und wirtschaftliche Impulse für Duisburg und die Region zu schaffen, ist es entscheidend, dass Bund und Länder diese Förderprogramme weiter ausbauen und niederschwellig zugänglich machen.
  • Best-in-Class-Ansatz bei Neuansiedlungen: Bei der Ansiedlung neuer Unternehmen sollte Duisburg zudem verstärkt auf besonders innovative und produktive Betriebe setzen, die in der Lage sind, den Standort voranzubringen (Best-in-Class-Ansatz). Als Anhaltspunkte für Ansiedlungsentscheidungen könnte ein Kriterienkatalog entwickelt werden, der Kennziffern wie Umsatzrenditen, Innovationskraft, Innovationskooperationen oder die Nutzung bestimmter Technologien enthält.
  • Gezielte Förderung von Start-ups und Netzwerken: Ein weiterer Schlüssel zur wirtschaftlichen Resilienz liegt in der Förderung von Innovationsnetzwerken, die Synergien fördern und so die gesamte Wirtschaftsstruktur stärken. Wichtig dabei ist eine intelligente Spezialisierung, die an bestehenden Stärken ansetzt, wie etwa in der Wasserstofftechnologie, bei der das Zentrum für Brennstoffzellentechnik (ZBT) in Duisburg als wichtiger Anknüpfungspunkt dient. Start-ups sind entscheidend für die Entwicklung neuer Ideen und Technologien. Die Einrichtung von Testfeldern und Reallaboren, in denen sie ihre Innovationen erproben können, ist dabei von großer Bedeutung. Potenzielle Geldgeber sollten über attraktive Fördermodelle identifiziert und gewonnen werden, um diese Initiativen zu unterstützen. Gleichzeitig sollte der Wissensaustausch zwischen Wissenschaft, Industrie und Gründern verstärkt werden, um Kooperationen und die Innovationskraft zu stärken.

Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung Duisburgs wird entscheidend davon abhängen, wie gut es gelingt, die bestehenden industriellen Stärken zu sichern und gleichzeitig innovative, zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen. Nur durch die geschickte Kombination von bewährten Industrien und modernen, nachhaltigen Technologiebereichen kann die Stadt den Herausforderungen der kommenden Jahre erfolgreich begegnen und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.

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