Die industrielle Transformation betrifft in Deutschland einige Regionen stark, viele jedoch kaum oder nur mittelbar.
Lokale Transformationsakzeptanz – Ein Mixed-Method-Ansatz
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die industrielle Transformation betrifft in Deutschland einige Regionen stark, viele jedoch kaum oder nur mittelbar.
Mithilfe hochauflösender Daten lassen sich die anstehenden Infrastrukturmaßnahmen klein-räumig nachzeichnen. Qualitative Fallstudien zeigen auf, welche Faktoren die lokale Akzeptanz beeinflussen und wie Konflikte vermieden werden können.
Damit Deutschland sein Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 erreicht, stehen gerade an Standorten emissionsintensiver Industrien, wie zum Beispiel der Stahl- oder Chemieindustrie, tiefgreifende Umbaumaßnahmen an. Um präzise zu erfassen, in welchen Regionen konkrete Veränderungen anstehen, wurde ein Transformationsinfrastrukturindex entwickelt. Dieser setzt sich aus sieben verschiedenen Indikatoren zusammen. Einbezogen werden Industriestandorte, an denen zukünftig (i) Wasserstoffbedarfe anfallen oder (ii) CO2 abgespalten und abgeleitet werden muss (CCS: Carbon Capture Storage). Zudem wird der Ausbau der leitungsgebundenen Infrastrukturen wie (iii) Wasserstoff-, (iv) CO2- und (v) Strom-Übertragungsnetze sowie der geplante Ausbau erneuerbarer Energien wie (vi) Windkraftanlagen und (vii) Solarparks reflektiert. Mithilfe moderner Datenerhebung (Web Scraping und Georeferenzierung) wurden diese Indikatoren auf Ebene der Postleitzahlgebiete vermessen und, um die unterschiedliche Bevölkerungsdichte zu berücksichtigen, eine Einwohnergewichtung vorgenommen. So lässt sich für alle 8.170 deutschen Postleitzahlgebiete ein Indexwert ausweisen, der zukünftige, transformationsbedingte Infrastrukturveränderungen abbildet.
Weite Teile Deutschlands (50,2 Prozent der Postleitzahlgebiete und 45,4 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger) werden von den bevorstehenden Veränderungen voraussichtlich nicht betroffen sein (Abbildung). Ein Viertel wird nur geringfügige Veränderungen am Wohnort erfahren. Damit lebt ein Viertel der Deutschen in Regionen mit hoher Transformationsrelevanz. Diese finden sich häufig in bevölkerungsreichen Ballungsräumen entlang von Rhein, Ruhr und Main. An vielen der dortigen Industriestandorte doppeln sich Infrastrukturveränderungen wie CCS-Technologien, erhöhte Wasserstoffbedarfe und neue Leitungsinfrastrukturen. Mit Ausnahme des Chemiestandorts Ludwigshafen konzentrieren sich die transformationsrelevantesten Standorte in Nordrhein-Westfalen. Prominenteste Beispiele sind der Duisburger Norden, ein traditioneller Stahlindustriestandort, sowie der chemiegeprägte Kölner Süden (Hürth und Wesseling). Dort erfordert die Umstellung der Produktionsprozesse den Einsatz grundlegend neuer Technologien. Neue Leitungsinfrastrukturen und Übertragungsnetze entlang des Rheins sollen den Aluminiumstandort Neuss und einen dort geplanten Wasserstoffhub versorgen. Eine hohe Transformationsrelevanz wird ebenfalls für Zementindustriestandorte ausgewiesen, zum Beispiel für Beckum. Auch andere Städte in NRW, wie bspw. Hamm, möchten sich über den Aufbau klimaneutraler Produktion als Energie- und Industriestandort etablieren und damit eine Schlüsselrolle für regionale Wertschöpfung und Versorgung übernehmen.
Eine Personenbefragung zeigt: Rund die Hälfte der Befragten steht der industriellen Transformation in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld positiv gegenüber. Ablehnend bewerten diese lediglich 14,2 Prozent. Auch in Regionen mit hoher Transformationsrelevanz liegt der Anteil der kritischen Stimmen bei nur 18,5 Prozent. Auffällig ist dort jedoch die große Gruppe der Unentschiedenen (38,6 Prozent). Diese Unsicherheit dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass sich große Bevölkerungsteile unzureichend über die Transformationsumsetzung informiert fühlen (Diermeier et al., 2026).
Qualitative Fallstudien
Kommunen sind zentrale Orte der Industrietransformation, an denen sich übergeordnete Ziele in konkrete Veränderungen übersetzen und sich zugleich damit verbundene Akzeptanzfragen sowie Beteiligungsmöglichkeiten der betroffenen Bevölkerung bündeln. Basierend auf dem Transformationsinfrastrukturindex wurde deshalb eine qualitative Fallstudienanalyse durchgeführt, um die lokale Akzeptanz industriellen Wandels vertieft zu untersuchen (Espert/Kiyar, 2026). Profile von fünf Schlüsselregionen der Industrietransformation in NRW mit insgesamt sechs Kommunen wurden erstellt und Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern der Kommunen und der ansässigen Unternehmen durchgeführt. Die Analyse erfolgte anhand von zwei Dimensionen:
Verteilungsgerechtigkeit: Wie verteilen sich Kosten und Nutzen der Transformation auf lokale Akteure, beispielsweise durch Auswirkungen auf die lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Umwelt- und Lebensqualität?
Verfahrensgerechtigkeit: Wie sind lokale Entscheidungs- und Beteiligungsprozesse organisiert? Wie werden relevante Akteure eingebunden? Wie ausgeprägt ist das Wissen über Klimaschutz- und Transformationsstrategien sowie das Vertrauen in handelnde Akteure?
Die Analyse zeigt, dass die lokale Akzeptanz der Industrietransformation durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird: Ein Neubau von Anlagen und Infrastrukturen kann etwa über Flächennutzungskonflikte und Veränderungen des Landschaftsbilds Akzeptanzprobleme auslösen. Bei betrieblichen Prozessumstellungen an bestehenden Industriestandorten sind vor allem erwartete und erlebte Auswirkungen auf Beschäftigung und Qualifikationsanforderungen relevant. Hinzukommen sowohl bei Neubauten als auch bei Bestandsmaßnahmen mögliche Belastungen durch Bauarbeiten, Lärm und Verkehrsaufkommen sowie Sorgen vor Leckagen in Pipelines. Das Akzeptanzniveau wird dabei wesentlich durch die zur Verfügung gestellten Informationen zu den geplanten Maßnahmen und Beteiligungsmöglichkeiten beeinflusst.
Die Fallstudien zeigen zudem, dass lokale Akzeptanz vom räumlichen Kontext und der industriellen Prägung einer Region abhängt. In traditionellen Industrieregionen kann eine gewachsene „Industrienähe“ und Erfahrung mit Strukturwandelprozessen die Transformationsbereitschaft unterstützen. In erstmals betroffenen Regionen (bspw. „Durchleitungsregionen“ bei Infrastrukturmaßnahmen) kann es hingegen auch zu kritischeren Bewertungen kommen.
Handlungsempfehlungen
Die verschiedenen Analysestränge liefern konkrete Hinweise zur Gestaltung von Dialog- und Beteiligungsprozessen, mit denen Konflikten vorgebeugt und Transparenz geschaffen werden kann:
- Frühzeitigkeit: Industrieunternehmen sollten bereits zu Beginn von Planungsvorhaben Abstimmungsprozesse mit der Kommune einleiten und frühzeitig die Kommunikation mit der Bevölkerung aufnehmen.
- Ehrlichkeit und Transparenz: Es sollte eine offene Kommunikation auch von möglichen Belastungen stattfinden, ohne kritische Aspekte zu beschönigen. In Regionen mit geringer Betroffenheit wirken entsprechende Informationen entlastend.
- Verständlichkeit: Informationen müssen allgemeinverständlich aufbereitet und frei von Fachjargon sein, um Kommunikationsbarrieren zu minimieren. Gegebenenfalls sollten auch Angebote in unterschiedlichen Sprachen geschaffen werden.
- Gezielte Ansprache: Insbesondere unter Menschen, die sich größere Sorgen um die Transformation machen und absehbar stärker betroffen sind, wirken Informationen über die konkrete Infrastrukturrelevanz ihrer Region entlastend.
- Kontinuität: Ein stetiger Informationsfluss gewährleistet Transparenz über den gesamten Prozessverlauf hinweg und ermöglicht die Einbindung einer breiten Öffentlichkeit. Wiederkehrende Termine verhindern auch den Eindruck reiner Krisenkommunikation.
- Lokale Verankerung: Physische Anlaufstellen, wie etwa ein Nachbarschaftsbüro in der Fußgängerzone, fördern den direkten Draht zur Bevölkerung und senken die Hemmschwelle für den Dialog.
- Vertrauensbildung: Proaktive Beteiligungs- und Kommunikationsstrategien sind von vertrauenswürdigen Institutionen und Personen anzustoßen und umzusetzen. Gegebenenfalls können Allianzen vertrauensvoller Akteure gebildet werden.
Die Analysen weisen darauf hin, dass langfristige und institutionalisierte Strukturen wesentlich zum Vertrauensaufbau beitragen. Ein kontinuierlicher Austausch schafft eine belastbare Basis, auf die in Konfliktfällen zurückgegriffen werden kann. Das Spektrum möglicher Formate für eine kooperative Governance auf der kommunalen Ebene reicht von formellen Gremien wie Klimabeiräten (mit Vertretung von Bürgerinnen/Bürgern und Industrie) und verpflichtenden Beteiligungsprozessen bei Planungsvorhaben bis hin zu eher informellen Angeboten wie Informationsveranstaltungen und Nachbarschaftsdialogen.
DOI: 10.67087/19.21214
Lokale Transformationsakzeptanz – Ein Mixed-Method-Ansatz
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
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IW
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