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Klaus-Heiner Röhl IW-Kurzbericht Nr. 81 5. Dezember 2016 Regionale Wirtschaftsstrukturen und Armutsgefährdung

Armutsgefährdung hängt stark von regionalen Wirtschaftsstrukturen und Lebensverhältnissen ab, wie die Analyse der einkommensbezogenen Armutsquote und des Abschneidens im Regionalranking der IW Consult für die 402 deutschen Kreise zeigt. Eine Anti-Armutspolitik setzt deshalb am besten auf eine Kombination personenbezogener und regionalpolitischer Maßnahmen.

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Klaus-Heiner Röhl IW-Kurzbericht Nr. 81 5. Dezember 2016

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Armutsgefährdung hängt stark von regionalen Wirtschaftsstrukturen und Lebensverhältnissen ab, wie die Analyse der einkommensbezogenen Armutsquote und des Abschneidens im Regionalranking der IW Consult für die 402 deutschen Kreise zeigt. Eine Anti-Armutspolitik setzt deshalb am besten auf eine Kombination personenbezogener und regionalpolitischer Maßnahmen.

Oft wird Armutsgefährdung als ein soziales Problem aufgefasst, das ausschließlich mit den Mitteln der umverteilenden Sozialpolitik zu bekämpfen sei. Doch eine Ausweitung von Sozialleistungen kostet nicht nur viel Geld, sie führt auch zu einer Verfestigung der Abhängigkeit vom Staat, die eher Teil des (Armuts-)Problems als Teil seiner Lösung ist. Zielführender erscheint es, betroffene Menschen in die Lage zu versetzen, durch eigene Tätigkeit ihre wirtschaftliche und damit auch soziale Situation zu verbessern. Dies kann nachhaltig nur unter Berücksichtigung der ökonomischen Verhältnisse in ihrer Lebensregion gelingen. Wie sehr die Armut mit der wirtschaftlichen Lage vor Ort zusammenhängt, wird hier in einem Vergleich der einkommensbezogenen Armutsquote und des Abschneidens im Regionalranking der IW Consult für die 402 deutschen Kreise untersucht.

Eine Analyse der Zusammenhänge zwischen regionaler Wirtschaftsstruktur und Armutsbetroffenheit ist hilfreich, um effiziente Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf Ebene der hauptbetroffenen Gruppen – Alleinerziehende, Arbeitslose und Migranten – mit regionalpolitischen Instrumenten zu verknüpfen. Denn die räumliche Verteilung der Armutsgefährdung in Deutschland zeigt ausgeprägte regionale Muster, wenn man als Kriterium den Anteil der Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens erzielen, heranzieht. Betrachtet wird dabei das haushaltsbezogene Individualeinkommen oder „Äquivalenzeinkommen“, d.h. ein Zweipersonenhaushalt benötigt weniger als das doppelte Einkommen als ein Einpersonenhaushalt, um die Armutsschwelle zu überwinden.

Zu den besonders von Einkommensarmut betroffenen Gebieten zählen die östlichen Bundesländer, aber auch städtische Regionen mit Strukturproblemen in Westdeutschland (Röhl/Schröder, 2016). Bereinigt man die regional erzielten Einkommen um die jeweilige Kaufkraft, so verschieben sich die räumlichen Muster: die Armutsinzidenz in den östlichen Bundesländern verringert sich spürbar – von 19,1 auf 16,8 Prozent –, während städtische Regionen mit ihren höheren Preisniveaus eine größere Armutsbetroffenheit aufweisen. Selbst wirtschaftsstarke Städte wie Köln und Frankfurt weisen mit Quoten von 26,2 und 23,6 Prozent erhebliche Kaufkraftarmut auf. Der größte Ballungsraum mit flächendeckend hoher Armutsinzidenz ist das Ruhrgebiet, die Stadt mit der höchsten Kaufkraftarmut ist aber Bremerhaven mit einer Quote von 28,5 Prozent (Röhl/Schröder, 2017). Insgesamt erhöht sich die Armutsgefährdungsquote der rein städtischen Regionen um 2,7 Prozentpunkte auf annähernd 21,4 Prozent der Bevölkerung (Röhl/Schröder, 2017).

Das Regionalranking der IW Consult verdichtet ein Indikatorenset zur regionalen Lage zu einem Gesamtindikator. Dieser spiegelt den wirtschaftlichen Erfolg und die Teilhabe der Menschen daran für alle 402 Kreise Deutschlands wider (IW Consult, 2016). Im Ranking werden Indikatoren berücksichtigt, die in einem multiplen Regressionsmodell statistisch einen Einfluss auf diese Erfolgsfaktoren haben. Diese lassen sich den Bereichen Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität zuordnen, die auf Basis ihres Erklärungsgehalts unterschiedliche Gewichte in die Gesamtbewertung erhielten.​

Die oben stehende Abbildung gibt die Korrelationen zwischen der regionalen Einkommensarmut sowie der Kaufkraftarmut mit dem Gesamtscore des IW Regionalrankings sowie den jeweiligen Werten für die Bereiche Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität wieder. Einbezogen sind die 402 deutschen Kreise, wobei die Armutsquoten auf Basis regionaler „Anpassungsschichten“ ermittelt wurden, die außer im Falle vieler Großstädte jeweils mehrere Kreise umfassen. Die Kreise innerhalb einer solchen Region weisen dann den gleichen Wert für die Einkommens- bzw. Kaufkraftarmutsquote auf, während die Werte des IW Regionalrankings vollständig kreisscharf sind.

Die regionale Verteilung der Einkommensarmut zeigt eine hohe Korrelation zum Gesamtindikator des IW Consult Regionalrankings: Der Korrelationskoeffizient beträgt -0,71, d.h., ein hoher Punktwert im Ranking geht üblicherweise mit einer niedrigen Armutsquote einher. Korreliert man stattdessen die Kaufkraftarmut mit dem Gesamtindikator, sinkt der Koeffizient auf -0,49. Hier wirkt sich das hohe Preisniveau vieler städtischer Regionen aus, die trotz guter Wirtschaftsstruktur zum Teil eine relativ hohe kaufkraftbereinigte Armut aufweisen. Treibend wirkt in den Städten für beide Armutsquoten auch der große Anteil an Haushalten aus Risikogruppen wie Migranten und Alleinerziehende und generell der hohe Anteil Alleinstehender (Röhl/Schröder, 2017).

Betrachtet man die Teilindikatoren des IW Consult Regionalrankings für die Bereiche Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität, so fällt zunächst die hohe Übereinstimmung zwischen dem Indikator der Lebensqualität und der Einkommensarmutsquote in Höhe von -0,73 auf, während der Arbeitsmarktindikator mit -0,23 nur schwach mit der Armutsgefährdung korreliert ist. Der Teilindikator zur regionalen Wirtschaftsstruktur zeigt mit einem Koeffizienten von -0,62 eine etwas geringere Korrelation zur Einkommensarmut als die Lebensqualität.

Ersetzt man den Wert für die Einkommensarmut durch die Kaufkraftarmutsquote, so sinkt der Wert der Koeffizienten. Die Preisbereinigung lässt die Armutsgefährdung in wirtschaftlich starken Regionen, insbesondere Großstädten, ansteigen, was die Korrelation zu den wirtschaftsbezogenen Indikatoren des Regionalrankings absenkt. Am geringsten fällt dieser Effekt für den Teilindikator zur Lebensqualität aus, der mit -0,63 weiterhin einen starken Zusammenhang aufzeigt: Ein hoher Punktwert bei der Lebensqualität geht mit einer niedrigen Kaufkraftarmut einher. Zu den Indikatoren des Bereichs Lebensqualität gehört auch der Anteil der überschuldeten Erwachsenen, was zur hohen Korrelation mit den Armutsindikatoren beitragen dürfte. Enthalten sind zudem der Wanderungssaldo und die Baugenehmigungen: Regionen mit wirtschaftlichen und sozialen Problemlagen sind eher Abwanderungsregionen und damit oft von Wohnungsleerstand und entsprechend geringen Bauaktivitäten geprägt. In den Bereich Wirtschaftsstruktur gingen der Saldo der Gewerbeanmeldungen, die Steuerkraft (auf Gemeindeebene) sowie die Gewerbesteuerhebesätze und der Anteil der wissensintensiven Dienstleistungen als besonders erfolgsrelevante Faktoren ein.

 

Der Vergleich der wirtschaftlichen Stärke und Struktur einer Region, gemessen durch das Regionalranking der IW Consult, und der regionalen Armutsinzidenz zeigt eine hohe Korrelation, die allerdings durch eine Berücksichtigung der Kaufkraft in der Armutsquote etwas verringert wird. Arme gibt es jedoch nicht nur in Regionen, die im Regionalranking schlecht abschneiden. Dies spricht für eine Kombination zielgruppenspezifischer und regionalpolitischer Maßnahmen: Eine qualifizierte Ganztagsbetreuung zur Erleichterung der Erwerbsbeteiligung von Alleinerziehenden und arbeitsmarktnahe Schulungen für Arbeitslose und Migranten mit Qualifikationseinschränkungen schaffen für diese besonders von Armut betroffenen Gruppen die Voraussetzungen, um durch eigenes Einkommen der Armutsgefährdung zu entkommen (Röhl/Schröder, 2017). Eine Regionalpolitik mit einem stärkeren Augenmerk auf städtischen Regionen mit Problemen in der Bewältigung des Strukturwandels, hoher Arbeitslosigkeit und einer Ballung weiterer armutsbetroffener Gruppen erleichtert es dann wiederum den Betroffenen, auch tatsächlich ein (höheres) Einkommen am Markt zu erzielen.

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