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Jan Büchel / Christian Rusche IW-Kurzbericht Nr. 62 18. Juli 2022 Wo Tankstellen-Oligopole in Deutschland zu finden sind

Die Diskussion darüber, wie viel vom sogenannten Tankrabatt an die Verbraucher weitergegeben wurde, hat die Situation auf dem Tankstellenmarkt in den Fokus gerückt. Eine Analyse offenbart nun, wo in Deutschland tatsächlich Marktbeherrschung vorliegt.

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Diskussion darüber, wie viel vom sogenannten Tankrabatt an die Verbraucher weitergegeben wurde, hat die Situation auf dem Tankstellenmarkt in den Fokus gerückt. Eine Analyse offenbart nun, wo in Deutschland tatsächlich Marktbeherrschung vorliegt.

Wettbewerb ist ein bedeutender Faktor für niedrige Preise, bessere Qualität, Innovationen sowie Versorgungssicherheit. Falls ein Marktteilnehmer unzufriedene Kunden zurücklässt, können diese zu konkurrierenden Unternehmen wechseln. Der Markt für Kraftstoffe wird durch viele Akteure entlang einer Wertschöpfungskette gebildet. Sie erstreckt sich von den zum Teil staatlichen Ölförderunternehmen über Unternehmen, wie Raffinerien, die das Rohöl weiterverarbeiten, bis zu jeder einzelnen Tankstelle. Einzelne Unternehmen sind entlang der gesamten Kette aktiv.

Insbesondere das Bundeskartellamt hat bei seiner Analyse der Preiseffekte in Folge der Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel zum 01.06.2022 festgestellt, dass der Abstand zwischen dem Tankstellenpreis ohne Steuer und dem Rohölpreis zum 1. Juni gestiegen ist (Bundeskartellamt, 2022a, 4). Anhand der Daten des Bundeskartellamts wird jedoch deutlich, dass dies insbesondere auf einen Anstieg des Abstands zwischen Rohölpreis und Raffinerieabgabepreis beziehungsweise Großhandelspreis ohne Energiesteuer (Ebenda, 5) zurückzuführen ist. Mit Blick auf die Tankstellen kommt das Bundeskartellamt folglich zum Schluss: „Eine auffällige Vergrößerung des Abstandes von Tankstellenpreisen und Raffinerieabgabepreisen um den 1. Juni lässt sich dagegen nicht erkennen.“ (Ebenda, 6).

Die Analyse legt nahe, dass der Wettbewerb auf der Ebene der Tankstellen durchaus funktioniert, da der Abstand zwischen Großhandelspreis und Tankstellenpreis relativ konstant geblieben ist: Preisimpulse wurden lediglich weitergegeben. Das Bundeskartellamt (2022a) stellte außerdem fest, dass die Preissenkung nach der Energiesteueranpassung regional unterschiedlich schnell erfolgte. Zudem unterscheide sich das Preisniveau generell in verschiedenen Regionen Deutschlands. Als möglichen Grund dieser regionalen Unterschiede nennt das Bundeskartellamt unter anderem unterschiedliche wettbewerbliche Verhältnisse. Aus diesem Grund soll in dem vorliegenden Kurzbericht die Wettbewerbssituation auf dem deutschen Tankstellenmarkt näher beleuchtet werden.

Die Grundlage der Analyse bilden aktuelle Daten zu Tankstelleninformationen, die vom Anbieter Tankerkönig (2022) bereitgestellt werden und aus der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) des Bundeskartellamts stammen. In den Daten sind Einträge zu 15.442 meldenden Tankstellen in Deutschland enthalten. In der folgenden Analyse werden insbesondere Informationen zum Standort der Tankstelle und zur Tankstellenmarke verwendet.

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Unter den 15.442 Tankstellen zählen circa 15 Prozent zu ARAL, 13 Prozent zu Shell, jeweils sieben Prozent zu ESSO und TOTAL und fünf Prozent zu AVIA. Die Unternehmen, die diese und weitere Konzernmarken führen, sind jeweils unabhängig voneinander und stellen die größten Wettbewerber dar.  

Dabei ist zu beachten, dass es sich beim Tankstellenmarkt in Deutschland nicht um einen einheitlichen Markt handelt. Beispielsweise ist für eine Person in Kiel eine Tankstelle in Freiburg (Breisgau) keine Ausweichmöglichkeit zu Tankstellen in Kiel und damit nicht in ein und demselben räumlichen Markt. Eine Analyse des Bundeskartellamts (2022b) zeigt, dass Tankstellen in einem Umkreis von einer 20- bis 30 minütigen Fahrzeit den räumlich relevanten Markt ausmachen. Dabei wurde festgestellt, dass 75 Prozent der Umsätze an einer Tankstelle mit einer Fahrtzeit von maximal 19 Minuten seitens der Kunden verbunden sind. Daran anknüpfend werden im Folgenden die 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland jeweils als eigenständige, räumliche Märkte aufgefasst. Die im jeweiligen Markt, das heißt im jeweiligen Kreis, aktiven Tankstellen werden somit aus Sicht eines Einwohners als erreichbare Substitute aufgefasst.

Die Marktanteile in den jeweiligen Kreisen werden auf Basis der Anzahl an Tankstellen eines Unternehmens bestimmt. Somit wird darauf verzichtet, die Umsätze oder Abgabemengen heranzuziehen. Dies ist ein konservativer Ansatz und kann als Mindestgrenze verstanden werden. Beispielsweise zeigen sich bei Verwendung der Absatzmengen zumindest auf Deutschlandebene weitaus größere Marktanteile der großen Anbieter als bei Verwendung der Tankstellenanzahl (statista, 2021, 7; Bundeskartellamt, 2011, 164). Außerdem kann es sachlogisch dadurch gerechtfertigt werden, dass die Existenz einer kleinen, unabhängigen Tankstelle einen Wettbewerbsdruck auf größere Wettbewerber ausübt, weil die Verbraucher zu dieser wechseln können.

Zur Einschätzung, ob Marktbeherrschung vorliegt, werden die Grenzwerte des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) herangezogen. In § 18 Absatz 6 Nr. 1 und Nr. 2 wird festgelegt, dass eine Gesamtheit an Unternehmen als marktbeherrschend gilt, wenn drei oder weniger Unternehmen einen Marktanteil von mindestens 50 Prozent erreichen (Nr. 1) oder fünf oder weniger mindestens zwei Drittel des Marktes auf sich vereinen (Nr. 2). Im Folgenden wird angenommen, dass es sich um ein Oligopol handelt, welches den jeweiligen Markt beherrscht, wenn mindestens eine der beiden Bedingungen des § 18 Absatz 6 GWB erfüllt ist.  Dazu wird die Gesamtzahl an Tankstellen im lokalen Markt betrachtet und die Marktanteile der jeweils drei beziehungswese fünf größten Wettbewerber zur Analyse herangezogen. Auf Basis dieses Vorgehens kann in einer Mehrheit von 229 Kreisen und kreisfreien Städten von einer marktbeherrschenden Situation ausgegangen werden (Abbildung). Diese Gebiete sind in der Abbildung dunkelblau dargestellt.

Die Oligopolmärkte verteilen sich dabei über ganz Deutschland. Im Bereich um Saarland und Rheinland-Pfalz sowie im Süden von Nordrhein-Westfalen ist eine auffällige Häufung festzustellen. Weitere Kreise mit Oligopolstruktur sind im Nordosten, im Zentrum Deutschlands sowie an den Grenzgebieten im Süden zu finden. Die geringe Wettbewerbsintensität in den Grenzregionen kann darin begründet sein, dass die Tankstellenpreise im Ausland aufgrund niedrigerer Steuersätze geringer sind. Nur wenige, meist größere Anbieter auf deutscher Seite konnten hier dem Wettbewerb standhalten. Betroffen sind vor allem die Regionen an der Grenze zu Polen, Tschechien und Luxemburg. Generell lässt sich aber auch in den letzten Jahrzehnten ein langfristiger Konzentrationsprozess feststellen: Von den bundesweit etwa 46.000 Tankstellen in 1970 ist heute nur noch etwa ein Drittel übrig (statista, 2021).

Weitere Ursachen für eine Konzentration können die Bevölkerungsdichte des jeweiligen Kreises, der Verlauf von Bundesautobahnen oder die historische Entwicklung sein. Gerade der Südwesten weist eine räumliche Nähe zu den Hauptsitzen der Mineralölkonzerne hinter den Marken TOTAL (Frankreich), Aral (Großbritannien) und Shell (Niederlande) auf, was die hohe Präsenz dieser Marken in den Regionen erklären kann. Im Osten fiel nach der Wiedervereinigung das vormalige Monopol-Tankstellennetz der Marke Minol in der DDR fast vollständig in die Hand des französischen Konzerns Elf Aquitaine, der später zu TOTAL wurde (Pollmer, 2019). Als Resultat zeigt sich eine besonders hohe Konzentration von TOTAL im Osten und im Südwesten nahe der Grenze zu Frankreich (TotalEnergies, 2022).    

Fazit  

Werden die gesetzlichen Schwellenwerte herangezogen, muss festgestellt werden, dass in mehr als der Hälfte der Kreise und kreisfreien Städte eine marktbeherrschende Stellung vorliegt. In diesen lokalen Märkten kann es infolgedessen zu überhöhten Preisen oder anderen negativen Konsequenzen wie begrenzten Öffnungszeiten kommen, falls die Oligopolisten die Marktmacht ausnutzen. Dass die Gefahr von Marktmachtmissbrauch besteht, ist jedoch keine neue Erkenntnis. Anders ist die Gründung der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe nicht zu erklären. Tatsächlich hat die Gründung und die dadurch erhöhte Transparenz im Tankstellenmarkt seit 2013 für mehr Wettbewerb gesorgt (vgl. Haucap et al., 2017). Folglich können die freien Tankstellen und die erlangte Transparenz für Wettbewerbsdruck sorgen, der auch das oben genannte Ergebnis des Bundeskartellamts erklärt.

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