Begünstigte der derzeitigen Regelungen befürchten, Privilegien zu verlieren und beispielsweise länger arbeiten zu müssen oder geringere Renteneinkünfte zu haben. Im internationalen Vergleich hat Frankreich ein teures System. Die staatlichen Rentenausgaben hatten zuletzt (2017) einen Anteil von 13,4 Prozent des BIP. Die Länder des Euroraums kommen im Durchschnitt auf einen Wert von 10,7 Prozent (Eurostat, 2019).

Streiks haben eine lange Tradition in Frankreich. So hatte die Bewegung der Gelbwesten für massive Demons­trationen gesorgt, und schon einmal – 1995 – scheiterte eine Rentenreform am Widerstand der Gewerkschaften. Gestreikt wird in Frankreich auch häufiger als in manch anderen EU-Staaten. Während im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2017 in Frankreich 125 Arbeitstage je 1.000 Arbeitnehmer infolge von Arbeitskämpfen ausfielen, waren es in Deutschland 17 (ETUI, 2019).

Die aktuellen Auseinandersetzungen könnten der wirtschaftlichen Entwicklung in Frankreich schaden. Zuletzt hatte sich die französische Wirtschaft vergleichsweise gut entwickelt. Während die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2019 real um 0,2 Prozent geschrumpft war und im dritten Quartal nur ganz leicht um 0,1 Prozent zulegte, konnte unser westlicher Nachbar im zweiten und im dritten Quartal jeweils real um 0,3 Prozent wachsen. Über den gesamten Zeitraum seit Anfang 2018 ist die französische Wirtschaft mehr als doppelt so stark gewachsen wie die deutsche.

Die gute wirtschaftliche Entwicklung hat sich auch am Arbeitsmarkt niedergeschlagen. Die Arbeitslosenquote ist rückläufig und liegt aktuell bei 8,6 Prozent (Abbildung). Der Rückgang hat allerdings schon im zweiten Quartal 2015 begonnen. Insofern wäre es zu kurz gesprungen, wenn man die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt allein auf die Reformen zurückführen wollte, die der 2017 gewählte Präsident Macron initiiert hatte. Mehrere Regierungsverordnungen haben unter anderem für mehr Flexibilität gesorgt, in dem die Regelungsmöglichkeiten auf Unternehmensebene im Vergleich zur Branchenebene gestärkt wurden. Dezentrale Vereinbarungen können zum Teil sektorale Vorgaben ersetzen. Außerdem wurde die Höhe von Abfindungen im Fall von Entlassungen gesetzlich geregelt, was die Zahl von Kündigungsschutzklagen bereits verringert hat (Nikolka/Poutvaara, 2018; Meny/Uterwedde, 2019).