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IW-Kurzbericht Nr. 61 7. September 2026 Alexander Burstedde IW-Arbeitsmarktfortschreibung 2029: Beschäftigungspotenziale sinken

Die Zukunft des deutschen Arbeitsmarktes ist stark abhängig von Erwerbszuwanderung, tatsächlichem Renteneintrittsalter, Berufswahlverhalten und den Investitionen in Weiterbildung und Strukturwandel.

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IW-Kurzbericht 61/2026
IW-Kurzbericht Nr. 61 7. September 2026 Alexander Burstedde

IW-Arbeitsmarktfortschreibung 2029: Beschäftigungspotenziale sinken

Alexander Burstedde Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Zukunft des deutschen Arbeitsmarktes ist stark abhängig von Erwerbszuwanderung, tatsächlichem Renteneintrittsalter, Berufswahlverhalten und den Investitionen in Weiterbildung und Strukturwandel.

Die Fachkräftelücke dürfte demografisch bedingt steigen – ihre Höhe hängt wesentlich von politischen Weichenstellungen ab.

Dies ist die dritte Aktualisierung der IW-Arbeitsmarktfortschreibung bis zum Jahr 2029, (vgl. Burstedde, 2023). Basierend auf Daten bis Ende 2024 wird die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes kleinteilig fortgeschrieben bis ins Jahr 2029. Die Fachkräftelücke könnte auf 723.000 steigen (+ 47 Prozent) und die Beschäftigung auf 35 Millionen Personen (+ 5 Prozent). Dies ist keine Prognose, denn die Zukunft ist unsicher und hängt davon ab, was wir heute tun. Die Fortschreibung zeigt auf, was passieren würde, wenn es weiterginge wie bisher. Der Nutzwert ist somit weniger die Vorhersage exakter Werte, sondern vielmehr das Aufzeigen von Trends und Trendänderungen sowie relevanter Stellschrauben, die rechtzeitige Reaktionen ermöglichen.

Die Fortschreibung zeigt immer noch Raum für Beschäftigungswachstum auf, wenn – wie bisher – der tatsächliche Renteneintritt später erfolgen würde und der Wanderungssaldo deutlich positiv bliebe. Doch danach sieht es aktuell leider nicht aus. Die letzte Volkszählung hat gezeigt, dass in Deutschland 1,4 Millionen Menschen weniger leben als gedacht (Destatis, 2024). Das geht im Wesentlichen auf ungemeldete Fortzüge zurück, überwiegend von Ausländern. Zudem geht die Zuwanderung aktuell massiv zurück (Destatis, 2026). Der Zuwanderungssaldo Deutschlands mit der EU war 2024 erstmals seit 2008 negativ und eine Erholung erscheint unwahrscheinlich (Geis-Thöne, 2025). Die Anwerbung aus Drittstaaten sollte deshalb intensiviert werden. Je weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden können, desto schneller führt der Renteneintritt der Babyboomer zu einem Beschäftigungsrückgang. In der Folge wird sich der Fachkräftemangel erhöhen und vielerorts im Alltag noch spürbarer werden. In vielen Bereichen ist Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Beispielsweise in Infrastrukturberufen kam das Beschäftigungswachstum in den letzten Jahren vollständig aus dem Ausland (Burstedde et al., 2025). Wenn das keine Fortsetzung findet, dürfte das neue Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) kaum praktisch umzusetzen sein.

Der vorliegende Kurzbericht fokussiert auf die Trendänderungen bei Beschäftigung und Fachkräftelücke, die im Rückblick auf die bisherigen Fortschreibungen sichtbar werden (Abbildung). Die dunkelblauen Linien zeigen die heute bekannten Ist-Daten. Vor der Corona-Pandemie zeigte die Trendfortschreibung, dass das anhaltende Beschäftigungswachstum und der Fachkräftemangel stetig weiter zunehmen (lila Linien, auf Basis von Daten bis 2019, damals eine Rückrechnung). Der demografische Wandel hätte den Fachkräftemangel beschleunigt, während die Zuwanderung weiterhin Beschäftigungswachstum ermöglicht hätte.

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Die Pandemie war für diese Trends jedoch eine Zäsur. Sie setzte den Arbeitsmarkt auf einen deutlich niedrigeren Wachstumspfad (hellblaue Linien, auf Basis von Daten bis 2021). Der Sommer 2022 war dann geprägt vom Aufbruch nach der Pandemie. Die Menschen konnten und wollten wieder konsumieren, viele Unternehmen stellten neue Beschäftigte ein und die Fachkräftelücke erreichte ihr Allzeithoch seit Beginn der Messungen im Jahr 2010 (grüne Linien, auf Basis von Daten bis 2022).

Der Beginn des Ukraine-Kriegs am 24.02.2022 trübte dann zwar erneut die Stimmung, am Arbeitsmarkt zeigten sich die Auswirkungen jedoch erst später. Das Beschäftigungswachstum kühlte 2023 zwar etwas ab, der Fachkräftemangel blieb jedoch noch auf sehr hohem Niveau (gelbe Linien). Die Exporte stagnierten in dieser Phase jedoch und auch die Investitionen gingen bereits zurück.

Mit den Daten bis Ende 2024 zeigt sich nun eine deutliche Abschwächung der Trends (rote Linen). Die neuesten Daten bis 2025 zeigen nochmals einen deutlichen Rückgang der Fachkräftelücke, der jedoch in der Fortschreibung noch nicht berücksichtigt werden konnte, weil viele andere benötigten Daten erst mit großer Verzögerung erscheinen. Mit der nächsten IW-Arbeitsmarktfortschreibung dürften sich die Trends daher weiter abschwächen. Statt einer vorrübergehenden Konjunkturschwäche sieht es nach strukturellen Standortproblemen aus, die sich verfestigen (vgl. dazu Grömling, 2026).

Auch auf beruflicher Ebene gab es Veränderungen, wie ein Vergleich von erster und aktueller IW-Arbeitsmarktfortschreibung zeigt: Bei der Beschäftigung gab es eine deutliche Trendänderung, gemessen als Differenz von Wachstum von 2024 bis 2029 minus Wachstum von 2021 bis 2026, bei Berufen in Finanzdienstleistung, Rechnungswesen und Steuerberatung (+58.000), Recht und Verwaltung (+52.000) sowie IT-Berufen (+52.000). Die ersten beiden Gruppen waren in der Pandemie sehr gefragt zur Umsetzung von Überbrückungsmaßnahmen. Dadurch wurde der langjährige Rückgang von beschäftigten Bank-Fachkräften unterbrochen, der sich als Abwärtstrend jedoch künftig wieder fortsetzen dürfte, nicht zuletzt wegen des Filialabbaus. Inwiefern der Beschäftigungsaufbau in der Verwaltung weiter geht, hängt davon ab, ob der Staat immer tiefgreifender reguliert, oder wie angekündigt ein umfangreicher Bürokratieabbau einsetzt. Der Digitalisierungsschub durch die Lockdowns erhöhte die Nachfrage nach IT-Berufen zunächst stark; aktuelle Zahlen zeigen jedoch einen noch stärkeren Einbruch (Tiedemann, 2025). Hierbei dürften die aktuelle Investitionsschwäche, viele vorhandene Nachwuchskräfte und für Teilarbeitsmärkte auch künstliche Intelligenz eine Rolle spielen. Angesichts des nach wie vor niedrigen Digitalisierungsstand in Deutschland dürften die mittelfristigen Jobaussichten in IT-Berufen jedoch grundsätzlich weiterhin gut sein, wenn auch nicht mehr so überragend wie vor einigen Jahren.

Die größten Rückgänge beim Beschäftigungstrend der IW-Arbeitsmarktfortschreibung gab es in Berufen für Maschinen- und Fahrzeugtechnik ( 147.000), Verkehr und Logistik ohne Fahrzeugführung (-145.000) sowie Forschung, Entwicklung und Produktionssteuerung (-112.000). Die Entwicklung in Verkehr und Logistik folgt der Konjunktur und dürfte sich erst durch wirtschaftlichen Aufschwung wieder umkehren. Der Rückgang der anderen beiden Berufsfelder ist hingegen der Spiegel einer ausgeprägten Investitionsschwäche in der deutschen Industrie. Auch in Berufen für Rohstoffe, Glas und Keramik oder Kunststoff und Holz gibt es eine relativ ähnliche Trendabschwächung. Die Abschwächung des Trends in all diesen Berufen dürfte auch auf die hohen Energiepreise zurückgehen. Hier ist eine moderne Industriepolitik angezeigt, die langfristig die Wettbewerbsfähigkeit fordert und fördert und dafür zeitlich begrenzt Strukturbrüche abfedert und Wettbewerbsverzerrungen ausgleicht (Hüther et al., 2023)

Die Engpässe in Berufen mit den höchsten Fachkräftelücken erweisen sich im Zeitverlauf als vergleichsweise persistent oder steigen sogar in ihrem Ausmaß. Im Ranking am höchsten geklettert gegenüber der ersten Fortschreibung sind Fachkräfte mit Ausbildung in Mechatronik sowie Maschinenbau- und Betriebstechnik, die jeweils 16 Plätze vorrücken auf die Plätze 10 und 11. Auch Fachkräfte für Kraftfahrzeugtechnik (Platz 7), Elektrische Betriebstechnik (Platz 9), Metallbau (Platz 23) und spanende Metallbearbeitung (Platz 25) rücken vor. In all diesen Industrieberufen ist die fortgeschriebene Fachkräftelücke gestiegen, obwohl die Industriebeschäftigung insgesamt schrumpft und einen negativen Trend in der Arbeitsmarktfortschreibung hat. Das könnte daran liegen, dass die Unternehmen keinen Ersatz für die in Rente gehenden Babyboomer finden – denn diese haben zumeist eine Ausbildung, während der in den Arbeitsmarkt eintretende Nachwuchs häufiger studiert hat. Es könnte aber auch bedeuten, dass die sich derzeit in der Transformation rasant wandelnden Anforderungen in diesen Berufen von den bisherigen Beschäftigten und vorhandenen Arbeitslosen mit formal passender Qualifikation nicht ausreichend erfüllt werden können. In beiden Fällen hilft eine intensivierte Aus- und Weiterbildung, die durch mehr lebensbegleitende Berufsberatung und Förderung beruflicher Bildung unterstützt werden sollte.

DOI: 10.67087/19.21271

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