In der Debatte um die Rentenreform fordern Ökonomen, den abschlagfreien Renteneintritt an 45 Beitragsjahre zu koppeln. Doch das bestehende System belohnt lange Erwerbsbiografien bereits – und das demografische Kernproblem bliebe ungelöst.
Warum die Akademikerrente kein Problem löst
In der Diskussion um die anstehende Rentenreform kursiert die Idee, eine abschlagfreie Rente nicht mehr ab einem festen Alter zu gewähren, sondern erst nach 45 Beitragsjahren. Wer später ins Berufsleben startet – typischerweise Akademiker –, soll auch später in Rente gehen. Das klingt fair, löst aber keines der drängenden Rentenprobleme.
Wer länger arbeitet, bekommt heute schon mehr
Denn das bestehende System honoriert lange Erwerbsbiografien bereits. Die gesetzliche Rente bemisst sich nach Entgeltpunkten: Wer viel verdient und viele Jahre einzahlt, sammelt mehr Punkte – und bekommt mehr Rente. Zahlen der Gesetzlichen Rentenversicherung zeigen: Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren beziehen im Schnitt 26 Prozent mehr Rente als Versicherte mit 35 bis 44 Beitragsjahren. Bei den Rentenzugängen 2024 lag der Abstand sogar bei einem Drittel. Akademiker kommen aber kaum auf diese 45 Jahre: Bei einer Regelaltersgrenze von derzeit rund 66 Jahren hätte ein Ingenieur sein Diplom bereits mit 21 ablegen müssen.
Gegen das Modell sprechen auch praktische Einwände:
- Wer heute erwerbstätig ist und die Rente vor Augen hat, plant seine Altersvorsorge mit Blick auf die geltende Regelaltersgrenze. Betriebliche und private Vorsorge sind darauf abgestimmt, dass die gesetzliche Rente ab einem bestimmten Alter ohne Abschlag fließt. Würde der abschlagfreie Eintritt an Beitragsjahre geknüpft, bliebe älteren Beschäftigten kaum Zeit, entstandene Lücken zu schließen.
- Auch Arbeitsverträge müssten angepasst werden: Üblicherweise endet das Beschäftigungsverhältnis mit Erreichen der Regelaltersgrenze. Arbeitgeber und Beschäftigte müssten künftig für jeden Einzelfall prüfen, ab wann eine abschlagfreie Rente greift.
Das zentrale Problem der Rentenversicherung ist ein anderes: Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Renten. Dieses Ungleichgewicht zwischen Jung und Alt lässt sich nicht beheben, indem man Rentenansprüche innerhalb einer Generation umverteilt – von Akademikern zu Nicht-Akademikern. Statt sich an immer komplizierteren Stellschrauben zu versuchen, müsste die Politik endlich benennen, wofür es keine Wahl mehr gibt: später in Rente für alle – oder niedrigere Bezüge.
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