Schwache Konjunktur, starre Arbeitszeiten, bedrohte Freiheit: IW-Direktor Michael Hüther spricht im Interview über die strukturellen Probleme des Wirtschaftsstandorts Deutschland, mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit – und darüber, warum Demokratie und Marktwirtschaft zusammengehören.
„Wir brauchen eine Investitionsoffensive“
Herr Professor Hüther, die deutsche Wirtschaft kommt konjunkturell kaum vom Fleck. Was muss jetzt geschehen, damit sie wieder spürbar wächst?
Der entscheidende Hebel ist die Stärkung des Wachstumspotenzials. Deutschland leidet derzeit nicht unter einer schwachen Konjunktur, sondern an strukturellen Problemen: Mehrere gleichzeitig stattfindende disruptive Brüche – von der Geopolitik über den China-Schock 2.0, die Energiepreise bis hin zur Transformation – hemmen viele Unternehmen beim Investieren, denn sie wissen nicht, wohin die Reise geht. Dazu kommen Standortnachteile wie hohe Arbeitskosten und steuerliche Belastung von Unternehmenserträgen, eine überbordende Bürokratie und ein weiterhin bestehender Fachkräftemangel. Das zeigen zahlreiche Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Deshalb reicht es nicht, auf eine konjunkturelle Erholung zu hoffen. Wir brauchen eine Investitionsoffensive – privat wie öffentlich. Unternehmen investieren nur dann wieder stärker, wenn die Standortbedingungen stimmen und Erwartungsbildung möglich ist. Gleichzeitig muss der Staat bei Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung deutlich besser und schneller werden. Wachstum entsteht nicht durch einzelne Förderprogramme, sondern durch bessere Angebotsbedingungen für Innovation, Investitionen und Beschäftigung. Wenn es gelingt, die Angebotsseite der Wirtschaft zu stärken, kann Deutschland wieder auf einen höheren Wachstumspfad zurückkehren.
„Wachstum entsteht nicht durch einzelne Förderprogramme, sondern durch bessere Angebotsbedingungen für Innovation, Investitionen und Beschäftigung.”
Sie haben zuletzt eine Wochenarbeitszeit befürwortet und betont, dass es dabei nicht um längere Arbeitszeiten geht, sondern um eine andere Verteilung von Arbeit. Wie kann mehr Flexibilität gelingen, ohne dass Beschäftigte sie als zusätzlichen Druck erleben?
Die Debatte wird häufig missverstanden. Es geht hierbei nicht darum, Beschäftigte zu mehr Arbeit zu verpflichten, sondern darum, mehr Flexibilität zu ermöglichen. Das heutige Arbeitszeitrecht stammt im Kern aus einer Zeit, in der Arbeit deutlich starrer organisiert war als heute. Viele Beschäftigte und Betriebe wünschen sich mehr Flexibilität: Wird an einem Tag mal länger gearbeitet, kann dies an anderen Tagen durch kürzere Arbeitszeiten oder zusätzliche zusammenhängende Freizeit ausgeglichen werden. Dies eröffnet Spielräume für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf. Eine Wochenhöchstarbeitszeit würde genau das ermöglichen, ohne die Schutzfunktionen des Arbeitsrechts aufzugeben. Die europäische Arbeitszeitrichtlinie setzt weiterhin klare Grenzen. Für Unternehmen bedeutet dies mehr Möglichkeiten, Arbeitszeiten an betriebliche Erfordernisse anzupassen und damit die Produktivität zu erhöhen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann Flexibilität helfen, Beschäftigung attraktiver zu machen und zusätzliche Arbeitskräfte zu gewinnen oder zu halten. Der Schlüssel ist dabei Freiwilligkeit und eine vertrauensvolle betriebliche Ausgestaltung; Tarifvorbehalte sind der falsche Weg.
„Die Sicherung und Stärkung der freiheitlichen demokratischen Ordnung ist eine Voraussetzung für die offene, flexible und nachhaltige marktwirtschaftliche Ordnung.”
Unser Sommerfest steht unter dem Motto „Freiheit, Fortschritt, Fachkräfte“. Welche Freiheit braucht die Wirtschaft heute am dringendsten, um Fortschritt zu ermöglichen und Fachkräfte zu gewinnen?
Demokratie und Marktwirtschaft sind beide gleichermaßen Ausdruck der Selbstermächtigung des Menschen in der modernen Freiheitsgesellschaft. Die Freiheitsberechtigung der Menschen spiegelt sich in der Freiheitsverpflichtung des Staates. Wer eine der beiden Institutionen infrage stellt und gefährdet, der attackiert zugleich die jeweils andere. Deshalb sind die Sicherung und Stärkung der freiheitlichen demokratischen Ordnung eine Voraussetzung für die offene, flexible und nachhaltige marktwirtschaftliche Ordnung. Wir erleben derzeit in vielen Ländern, dass sie bedroht ist. Politik und Unternehmen müssen an einem Strang ziehen, um die Wirksamkeit der Demokratie immer wieder neu mit Leben zu füllen – beispielsweise, indem wir unnötige, nicht mehr verständliche Regelungen und Bürokratien abschaffen und verschlanken, indem wir die Daseinsvorsorge verlässlich bereitstellen und dem Einzelnen Freiheit garantieren und Eigenverantwortung zutrauen.
Zum Interview auf ihk.de
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