In einer alternden Bevölkerung steigt die Anzahl der Pflegebedürftigen. Deren Versorgung bedarf nicht nur zusätzlicher Pflegekräfte. Gleichzeitig muss auch eine geeignete Pflegeinfrastruktur in ausreichendem Umfang bereitgestellt werden. Bis 2030 müssen bundesweit bis zu 220.000 Plätze allein in der stationären Dauerpflege zusätzlich angeboten werden. Dabei stehen die einzelnen Bundesländer aufgrund ihrer spezifischen Bevölkerungsentwicklung und Ausgangsausstattung vor unterschiedlichen Herausforderungen. Sie alle müssen jedoch frühzeitig die Weichen für die Entwicklung einer bedarfs- und präferenzgerechten Pflegeinfrastruktur stellen.

Herausforderung Pflege

Die Bevölkerungsalterung stellt die Gesellschaft besonders bei dem Thema Pflege vor vielfältige Herausforderungen. Denn mit einem höheren Alter steigt normalerweise auch das Pflegefallrisiko. Ein höherer Pflegebedarf wirft aber nicht nur Fragen bezüglich der Finanzierung auf. Auch die Bereitstellung einer für die Versorgung der Pflegebedürftigen notwendigen Infrastruktur stellt eine große Aufgabe dar.

In diesem Zusammenhang werden in der Öffentlichkeit vor allem zwei Aspekte diskutiert: zum einen die Rekrutierung notwendiger Pflegefachkräfte, zum anderen das Umfeld, in dem Pflege künftig organisiert werden soll. Hoch im Kurs stehen derzeit ambulante Pflegearrangements im heimischen Wohnumfeld. Davon verspricht sich die Politik eine kostengünstige und präferenzgerechte Versorgung. Vergleichsweise wenig Beachtung findet dagegen die notwendige Pflegeinfrastruktur und der damit verbundene Investitionsbedarf.

Da das Vorhalten einer ausreichenden und wirtschaftlichen Versorgungsstruktur in Deutschland in der Verantwortung der Bundesländer liegt (§9 SGB XI), stellt sich die Frage, ob die Weichen für eine bedarfsgerechte Entwicklung der Pflegeinfrastruktur bereits gestellt sind. In dem folgenden Beitrag wird dazu für jedes Bundesland die Entwicklung der Pflegefallzahlen und daraus abgeleitet der Bedarf an Pflegeinfrastruktur geschätzt, um Ansatzpunkte für die Gestaltung der Pflegepolitik zu gewinnen.

Ausgangssituation in den Bundesländern

Bundesweit waren im Jahr 2013 insgesamt 2,6 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinn der gesetzlichen Pflegeversicherung. Hinzu kamen weitere 109.000 Menschen, die nach der aktuellen Rechtslage nicht als pflege​bedürftig im engeren Sinn gelten, denen aber eine „erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz“ zugesprochen wird (Statistisches Bundesamt, 2015a, 7). Diese Gruppe erhält im Status quo ebenfalls Leistungen aus der Pflegeversicherung, wenn auch in einem geringeren Umfang als jene Personen, die nach den Kriterien für die Pflegestufen I bis III vor allem unter körperlichen Beeinträchtigungen leiden. In Zukunft soll ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff den Bedarf der Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz systematisch abbilden (Bundesregierung, 2015).

Der Pflegebedarf tritt allerdings regional differenziert auf. Zwar gibt es in bevölkerungsreichen Ländern in der Regel absolut mehr Pflegefälle. Ihr Anteil an der jeweiligen Bevölkerung variiert aber deutlich (Tabelle 1). Demnach weisen vor allem die ostdeutschen Flächenländer erhöhte Pflegequoten auf. Mögliche Erklärungen hierfür liefern eine ältere Bevölkerungsstruktur und ein höherer Frauenanteil, da diese häufiger pflegebedürftig sind als Männer des gleichen Alters (Kochskämper/Pimpertz, 2014, 7). Werden aber die länderspezifischen Prävalenzen – der Anteil der Pflegebedürftigen an allen Personen der jeweiligen Altersgruppe – verglichen, sind die Unterschiede kaum allein auf diese Faktoren zurückzuführen. Beispielsweise liegt die Prävalenz in der Gruppe der 85- bis​ 89-jährigen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern bei 56 Prozent, in Bayern hingegen nur bei 37 Prozent. Ob medizinische und sozialstrukturelle Gründe (Rothgang et al., 2014, 72) oder Unterschiede in der Begutachtungspraxis ausschlaggebend hierfür sind, muss an dieser Stelle offenbleiben.

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Weitere Unterschiede treten im Nachfrageverhalten auf (Abbildung 1). In den meisten Bundesländern überwiegt die Pflege durch professionelle Anbieter. Allerdings reicht deren Anteil von 50 Prozent in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bis zu 61 Prozent in Hamburg und Schleswig-Holstein. Dagegen werden in Berlin und Hessen in weniger als der Hälfte der Fälle professionelle Dienste hinzugezogen.

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Während sich auf Bundesebene ein leichter Trend zugunsten einer weiteren Professionalisierung der Pflege abzeichnet, weisen die Länder unterschiedliche Entwicklungen auf. Seit 1999 ist der Anteil derjenigen, die ausschließlich durch Angehörige versorgt werden und deshalb lediglich Pflegegeld beziehen, bundesweit von gut 51 auf rund 47 Prozent gesunken. Allerdings lag der Anteil der reinen Pflegegeldempfänger in Berlin im Jahr 2013 um knapp 3 Prozentpunkte über dem Anteil des Jahres 1999 (Abbildung 2). In Baden-Württemberg und Hessen blieb er weitgehend stabil, während Bayern, Sachsen-Anhalt und Sachsen eine deutliche Zunahme der professionellen Pflege aufwiesen und damit den Bundestrend prägten.

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Annahmen und Schätzung des künftigen Pflegebedarfs

Die Entwicklung der Pflegefallzahlen ist ausschlaggebend für die Anforderungen an die künftige Pflegeinfrastruktur. Exakt prognostizieren lassen sich die Pflegefallzahlen allerdings nicht. Denn die Veränderungen des Bedarfs hängen nicht allein von der Bevölkerungsalterung ab. Unklar ist beispielsweise auch, wie sich die Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen auf das Nachfrageverhalten auswirken. Deshalb beschränkt sich die Untersuchung auf eine Status-quo-Projektion der Pflegefallzahlen, die ausschließlich den Einfluss der demografischen Entwicklung simuliert. Dieses Vorgehen vermeidet eine auf Hypothesen gestützte Modellierung von Einflussfaktoren, die empirisch nicht hinreichend abgesichert ist.

Auf Basis der amtlichen Pflegestatistik werden zunächst länderspezifische Pflegeprävalenzen differenziert nach Alter und Geschlecht berechnet. Anschließend wird die Bevölkerung der einzelnen Länder auf Basis der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung in der Variante Kontinuität bei schwächerer Zuwanderung fortgeschrieben. Da die Pflegestatistik Daten nach Altersgruppen lediglich in Fünfjahresintervallen ausweist, die Prävalenz für die Fortschreibung jedoch auf Jahresbasis modelliert werden muss, wird die beobachtete Pflegefallhäufigkeit für jedes Bundesland mittels einer Exponentialfunktion geschätzt. Weil die Prävalenz bis zu einem Alter von 54 Jahren in den Bundesländern in der Regel unter 1 Prozent liegt und dabei kaum variiert, wird für die jüngere Bevölkerung auf eine Differenzierung nach Altersjahren verzichtet. Für alle Personen ab 55 Jahren liefert die Schätzfunktion Werte für jedes Alter. Die Simulation berücksichtigt sowohl die Pflegebedürftigen der Pflegestufen I bis III als auch die in der Pflegestufe 0 ausgewiesenen Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz. Mögliche Verschiebungen, die sich infolge eines reformierten Begriffs der Pflegebedürftigkeit ergeben, bleiben derzeit unberücksichtigt. Durch die Übertragung der Pflegeprävalenzen auf die jeweilige Bevölkerungsentwicklung lässt sich die Entwicklung der Pflegefallzahlen simulieren.

Dabei berücksichtigt die Simulation, dass das altersbezogene Pflegefallrisiko durch eine steigende Lebenserwartung beeinflusst werden kann. Lag beispielsweise die Restlebenserwartung einer im Jahr 2011 lebenden 65-jährigen Frau bei gut 21 Jahren, wird sie für eine gleichaltrige Frau in 2030 auf über 22 Jahre und im Jahr 2060 auf 24 Jahre geschätzt (Statistisches Bundesamt, 2011). Darüber, wie sich eine steigende Lebenserwartung auf das Pflegerisiko auswirkt, existieren widerstreitende Hypothesen (Kochskämper/Pimpertz, 2014, 10 ff.):

  • Vertreter der Medikalisierungsthese gehen davon aus, dass sich das altersspezifische Pflegefallrisiko nicht ändert, die Menschen also die gewonnenen Lebensjahre in Pflegebedürftigkeit verbringen.
  • Vertreter der Kompressionsthese sind dagegen der Meinung, dass bei einer steigenden Lebenserwartung auch der Eintritt des Pflegefalls später erfolgt und folglich die Anzahl der Jahre, die in Pflegebedürftigkeit verbracht werden, konstant bleibt oder sogar zurückgeht.
  • Einen Kompromiss der beiden Thesen bietet die Bi-Modalitätsthese. Sie geht davon aus, dass zwar die Mehrheit der Menschen mit zunehmendem Lebensalter gesünder lebt, ein Teil jedoch die gewonnenen Lebensjahre vollständig in Krankheit oder in Pflegebedürftigkeit verbringt.

Angesichts der bislang nicht abschließend vorliegenden empirischen Evidenz wird im Folgenden den möglichen Auswirkungen einer längeren Lebenserwartung in zwei Szenarien Rechnung getragen (Übersicht).

Die Pflegefallzahlen nehmen in allen Bundesländern bis 2050 deutlich zu (Abbildung 3). Auch unter der Annahme, dass die im Zuge einer steigenden Lebenserwartung gewonnenen Lebensjahre gesund verbracht werden (optimistisches Szenario), sorgt die zunehmend stärkere Besetzung der älteren Jahrgänge für einen steigenden Pflegebedarf. In der Simulation wird dieser Effekt bereits bis 2030 deutlich spürbar. Relativ zum Ausgangsniveau fällt der Zuwachs in Berlin mit annähernd 38 Prozent und in Brandenburg mit 33 Prozent besonders hoch aus. Das Saarland scheint mit knapp 15 Prozent relativ günstig durch den demografischen Wandel zu steuern. Im Basisszenario liegen die Zuwächse für alle Bundesländer um etwa 5 bis 6,5 Prozentpunkte höher.

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Auch nach 2030 steigt die Anzahl der Pflegefälle weiter, weil die Mitglieder der geburtenstarken Jahrgänge nach und nach die Altersstufen der Hochbetagten mit besonders hohem Pflegefallrisiko erreichen. Je nach Szenario müssen deshalb bis 2050 über alle Bundesländer verteilt zwischen 1,5 und 1,9 Millionen zusätzliche Pflegefälle versorgt werden.

Einflüsse auf die Struktur der Versorgung

Um mögliche Anforderungen an die Pflegeinfrastruktur aufzuzeigen, wird in den beiden Szenarien weiter nach den verschiedenen Versorgungsarten unterschieden. Für die künftige Nachfrage nach professioneller Pflege ist die Entwicklung des informellen Pflegesektors wichtig. Denn häusliche Pflege lässt sich nur dann realisieren, wenn Angehörige zumindest teilweise Pflege- und/oder Betreuungsleistungen übernehmen. Selbst Pflegebedürftige, die ambulante Pflegedienste beanspruchen, sind oftmals auf die ergänzende Unterstützung der Angehörigen angewiesen (Blinkert/Gräf, 2009, 14; Runde et al., 2009, 13).

Ob jedoch in Zukunft informelle Pflege in dem gleichen Umfang geleistet werden kann, ist unsicher:

  • Die Anzahl der Singlehaushalte hat in der Vergangenheit zugenommen. Zwar umfasst dieser Trend bisher vor allem Personen bis zu einem Alter von 64 Jahren (Statistisches Bundesamt, 2012). Ändert sich dieser Haushaltsstatus im Zeitablauf nicht mehr, entfällt zunehmend die Möglichkeit, im Alter durch einen Partner gepflegt zu werden.
  • Auch die Gruppe der Kinderlosen wächst. Im Jahr 2012 lag der Anteil der Frauen ohne Kinder in der Gruppe der 65- bis 75-Jährigen bei 12 Prozent, der in der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen hingegen schon bei 19 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2013). In Zukunft kann daher eine größere Gruppe von Älteren im Pflegefall nicht mehr auf die Hilfe der eigenen Kinder hoffen. Dabei sind jedoch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sowie zwischen Stadt- und Flächenstaaten erkennbar. Lag der Anteil kinderloser Frauen in der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen im Jahr 2012 in Bremen bei einem Drittel, waren in Sachsen nur gut 8 Prozent der gleichaltrigen Frauen ohne eigene Kinder.
  • Darüber hinaus ist bisher nicht empirisch abgesichert, ob und wie sich eine steigende Erwerbsbeteiligung besonders von Frauen auf den Anteil informeller Pflege auswirken wird. Zwar hat der Anteil derjenigen, die Pflege leisten und gleichzeitig erwerbsfähig sind, in der Vergangenheit zugenommen (Runde et al., 2009, 17; Greyer/Schulz, 2014, 297). Geringfügig Beschäftigte leisten durchschnittlich 2,8 Stunden Pflege, Vollzeitbeschäftigte lediglich 1,7 Stunden pro Tag (Greyer/Schulz, 2014, 297). Bereits für die Pflegestufe II wird jedoch ein Pflegebedarf von zwei Stunden pro Tag zu drei unterschiedlichen Zeiten angesetzt. Für die Pflegestufe III sind es fünf Stunden, die jederzeit erbracht werden müssen.
  • Dass ein sinkendes Pflegepotenzial durch Partner und Kinder in dem gleichen Umfang durch die weitere Verwandtschaft, Freunde und Bekannte oder ehrenamtliche Helfer ersetzt werden kann, ist gegenwärtig nicht abzusehen.

Steigender Bedarf in der stationären Versorgung

Im Folgenden wird auf eine annahmenbasierte Modellierung dieser Faktoren verzichtet. In den weiteren Berechnungen werden die nach Geschlecht und Alter differenzierten Anteile der Versorgungsarten im Zeitablauf konstant gehalten. Auf der Basis dieser Annahmen gibt Tabelle 2 einen Überblick über die Simulationsergebnisse bezüglich der künftig erforderlichen Pflegeinfrastruktur.

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Die Simulation verdeutlicht, dass sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich ein deutlicher Nachrüstungsbedarf besteht, um die gegenüber dem Jahr 2013 höhere Nachfrage zu decken. Dabei basieren die Ergebnisse ausschließlich auf der Bevölkerungsalterung. Ein abnehmender Anteil an informeller Pflege würde die Nachfrage nach stationär und ambulant erbrachten Leistungen professioneller Anbieter zusätzlich erhöhen.

Um den künftigen Bedarf an Pflegeheimplätzen für die stationäre Dauerpflege berechnen zu können, sind weitere Annahmen zum Auslastungsgrad der jeweiligen Einrichtungen zu treffen. Üblicherweise legen die Kostenträger bei den Entgeltverhandlungen mit den Pflegeheimen bestimmte Werte für die durchschnittliche Belegung der Bettenkapazitäten zugrunde (Roth, 2007, 34). Teilweise sind die Auslastungsgrade auch von einzelnen Bundesländern festgeschrieben. Bisher unterscheiden sich die tatsächlich beobachteten Auslastungsgrade deutlich von Bundesland zu Bundesland (Tabelle 3). Im Jahr 2013 lag der Auslastungsgrad in Bayern mit durchschnittlich 81 Prozent am niedrigsten. Den höchsten Wert erreichte Mecklenburg-Vorpommern mit 97 Prozent.

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In der Simulation wird unterstellt, dass im Jahr 2030 ein extremer Auslastungsgrad von durchschnittlich 98 Prozent an allen Standorten erzielt werden wird. Dies soll die Frage beantworten, ob eine nahezu volle Auslastung der Pflegeheime den erhöhten Bedarf an Heimplätzen decken könnte. Es zeigt sich aber, dass selbst unter dieser extremen Annahme die derzeit vorhandene Anzahl an Pflegeheimplätzen in keinem Bundesland ausreichen wird (Tabelle 3).

Bundesweit ergibt sich bis zum Jahr 2030 im optimistischen Szenario ein zusätzlicher Bedarf von knapp 180.000 Betten für die stationäre Dauerpflege, im Basisszenario sogar ein Bedarf von 220.000 Betten. Auch hiervon wären die Bundesländer unterschiedlich betroffen: Sachsen-Anhalt müsste im Basisszenario den existierenden Bestand von 2013 bis 2030 um rund die Hälfte erhöhen, das Saarland hingegen lediglich um knapp 9 Prozent, da es über bislang relativ gering ausgelastete Kapazitäten verfügt.

Um den Bedarf an Pflegeheimplätzen künftig decken zu können, sind über den Aufbau zusätzlicher Kapazitäten hinaus auch bestandserhaltende Investitionen erforderlich. In welchem Umfang die bestehende Infrastruktur erneuert werden muss, lässt sich aber nicht zuverlässig schätzen, weil Daten über deren Zustand fehlen. Auf der Basis eines sehr einfachen Ansatzes ließe sich bei einer unterstellten Nutzungsdauer von 30 Jahren (Heiden et al., 2012, 48) und unter der Annahme, dass der aktuelle Bestand neuwertig ist und der Verzehr linear erfolgt, ein Reinvestitionsbedarf von etwa der Hälfte der bestehenden Infrastruktur bis zum Jahr 2030 ableiten. Diese überschlägige Rechnung lässt aber viele Fragen offen: zum Beispiel, ob Gebäude grundlegend erneuert werden müssen oder nur deren Ausstattung. Nicht zuletzt deshalb kommt eine Expertenbefragung zu der deutlich moderateren Einschätzung, dass bundesweit gut ein Drittel der Bestandskapazitäten den in der Branche üblichen Qualitätsanforderungen nicht mehr entspricht, wobei Pflegeheime in Ostdeutschland im Durchschnitt einen vergleichsweise guten Zustand aufweisen (Lennartz/Kersel, 2011, 26). Aufgrund der unbefriedigenden Datenlage wird deshalb auf eine Quantifizierung des Ersatzbedarfs verzichtet.

Investitionsbedarf in der ambulanten Versorgung

Über den Bedarf an Infrastruktur, der in der ambulanten Pflege entstehen wird, herrscht noch große Unsicherheit. Einerseits benötigen die ambulanten Pflegeeinrichtungen Ausstattung und Personal. Andererseits muss auch das private Wohnumfeld adäquat ausgerüstet werden. Die Datenlage hierzu ist unzureichend. Immerhin lässt sich der künftige Personalbedarf für die ambulante Versorgung simulieren, sodass der Bedarf an zusätzlichen Kapazitäten zumindest in der Tendenz erkennbar wird.

Für den anstehenden Personalbedarf ist neben der Entwicklung der Anzahl der Pflegebedürftigen auch der Produktivitätsfortschritt relevant. Allerdings ist davon auszugehen, dass die ambulante Pflege personalintensiv bleiben wird und im Vergleich zur Gesamtwirtschaft lediglich geringe Effizienzgewinne erzielt werden können. Gleichwohl wird im Folgenden mit zwei Alternativen gerechnet: Die erste Variante unterstellt einen Produktivitätsfortschritt von null. Die zweite, optimistische Variante geht in Analogie zu den Schätzungen über den Produktivitätsfortschritt im Krankenhaussektor von einem jährlichen Produktivitätsfortschritt von 0,4 Prozent aus (Schneider et al., 2013, 15). Für die ambulante Pflege dürfte dieser Wert zu hoch angesetzt sein, da technische Veränderungen im Krankenhausbereich einen höheren Stellenwert einnehmen. Ein Produktivitätsfortschritt von 0,4 Prozent repräsentiert das Maximalszenario. Doch auch in diesem Fall ergibt sich bis zum Jahr 2030 ein zusätzlicher Personalbedarf in der ambulanten Pflege von bis zu knapp 53.000 Vollzeitäquivalenten (Tabelle 4).

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Weichen richtig stellen

Die Bevölkerungsalterung lässt einen starken Anstieg der Pflegefallzahlen erwarten, verbunden mit einem erhöhten Bedarf an Pflegeinfrastruktur. Der Zuwachs erfolgt stetig –bis 2030 müssen deutschlandweit zusätzlich jedes Jahr zwischen gut 10.000 und 13.000 Pflegeheimplätze in der Dauerpflege bereitgestellt werden. Dabei tritt der Bedarf in den einzelnen Bundesländern mit unterschiedlicher Dringlichkeit zutage. Die Simulationsrechnungen verdeutlichen, dass allerorts Handlungsbedarf besteht. Skepsis ist besonders gegenüber der Hoffnung angebracht, dass der zusätzliche Bedarf im Rahmen ambulanter Versorgungskapazitäten gedeckt werden könnte. Dagegen sprechen nicht nur sozio-demografische Trends wie ein steigender Anteil an Single-Haushalten, sondern auch, dass in der ambulanten Pflege Ausrüstungsinvestitionen notwendig werden.

Vor diesem Hintergrund gilt es, die Weichen frühzeitig richtig zu stellen, denn der notwendige Ausbau der Infrastruktur benötigt Zeit. Neben dem Kapitalbedarf ist unternehmerisches Engagement gefordert, um bedarfsgerechte Angebote vor Ort zu entwickeln. Das wird nicht zuletzt durch die mittelständische Struktur der Pflegeheimkapazitäten verstärkt. Die stationären Einrichtungen betreuen im bundesweiten Durchschnitt nicht mehr als 63 Pflegebedürftige pro Haus (Statistisches Bundesamt, 2015e). Hier sind die Bundesländer gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu setzen, damit sich das unternehmerische Wagnis auch in Zukunft lohnt. Es müssen sich nicht nur Kapitalgeber, sondern auch Personen in der Altenpflege engagieren.

In einigen Ländern werden die Anreize allerdings zugunsten der ambulanten Pflege und auf Kosten der stationären Pflege gestärkt. Damit wird die Hoffnung auf eine kostengünstigere Versorgung verbunden, ist doch die Personalintensität im stationären Bereich im Bundesdurchschnitt mit 0,6 Personen pro Pflegefall fast doppelt so hoch wie im ambulanten Bereich mit 0,3 Personen. Gleichzeitig scheint es dem Wunsch vieler Menschen zu entsprechen, im Pflegefall in den eigenen vier Wänden versorgt zu werden. Diese Überlegung kann aber in die Irre führen: Zum einen ist nicht sichergestellt, dass der informelle Pflegesektor auch in Zukunft im gleichen Ausmaß zur Versorgung beitragen wird. Auch in den ambulant betreuten Wohngruppen kann der Pflegebedarf kaum ohne informelle Pflege aufgefangen werden. Zum anderen ist offen, wie sich ein geringerer Fachkräfte-Personalschlüssel in ambulanten Einrichtungen für schwere Pflegefälle auswirken wird.

Die Politik sollte deshalb keine Versorgungsart bevorzugen. Stattdessen sollten die Länder ihre Gesetze so gestalten, dass sich Investitionen in alle Versorgungsarten gleichermaßen lohnen. Zu enge Regeln bis hin zur Zimmerausstattung sind dabei ebenfalls kontraproduktiv, denn sie schrecken dringend benötigte Inves-​toren eher ab. Die Bundesländer sind daher gefordert, ihre Pflegepolitik auf den Prüfstand zu stellen. Nur unter konstanten, anreizneutralen Rahmenbedingungen wird es gelingen, dass sich das Angebot an erforderlicher Infrastruktur an dem künftigen Pflegebedarf ausrichtet.

IW-Trends

Susanna Kochskämper / Jochen Pimpertz: Herausforderungen an die Pflegeinfrastruktur

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Literatur

Blinkert, Baldo / Gräf, Bernhard, 2009, Deutsche Pflegeversicherung vor massiven Herausforderungen, Deutsche Bank Research (Hrsg.), Aktuelle Themen, Nr. 422, Frankfurt am Main

Bundesregierung, 2015, Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Stärkung der pflegerischen Versorgung und zur Änderung weiterer Vorschriften, Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit, Stand: 22.06.2015

Greyer, Johannes / Schulz, Erika, 2014, Who cares? Die Bedeutung der informellen Pflege durch Erwerbstätige in Deutschland, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 14, S. 294–301

Heiden, Iris an der / Meyrahn, Frank / Schweitzer, Melanie / Großmann, Anett / Stöver, Britta / Ulrich, Philip / Wolter, Ingo, 2012, Demografischer Wandel – Auswirkungen auf die Bauwirtschaft durch steigenden Bedarf an stationären und ambulanten Altenpflegeplätzen, Abschlussbericht, im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, 2hm & Associates GmbH und GWS mbH – Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (Hrsg.)

Kochskämper, Susanna / Pimpertz, Jochen, 2014, Finanzierung des Pflegefallrisikos, IW-Analysen, 
Nr. 99, Köln

Lennartz, Peter / Kersel, Hans, 2011, Stationärer Pflegemarkt im Wandel. Gewinner und Verlierer 2020, hrsg von Ernst&Young,

Roth, Thomas, 2007, Entgeltverhandlungen, Verordnete Auslastung, in: Altenheim, Nr. 10, S. 34–37

Rothgang, Heinz / Müller, Rolf / Mundhenk, Rebecca / Unger, Rainer, 2014, BARMER GEK Pflegereport 2013, Barmer GEK (Hrsg.), Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Nr. 29, Siegburg

Runde, Peter / Giese, Reinhard / Kaphengst, Claudia / Hess, Julius, 2009, AOK-Trendbericht Pflege II. Entwicklungen in der häuslichen Pflege seit Einführung der Pflegeversicherung, Arbeitsstelle Rehabilitations- und Präventionsforschung, Universität Hamburg, Hamburg

Schneider, Markus / Hofmann, Uwe / Krauss, Thomas / Köse, Aynur / Karmann, Alexander / Werblow, Andreas / Rösel, Felix / Braeseke, Grit / Richter, Tobias, 2013, Messung der Produktivitätsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft, Kurzfassung, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie / Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.), Berlin

Statistisches Bundesamt, 2001, Pflegestatistik über die Pflegeversicherung, Z 1 Pflegebedürftige am 15.12.1999, Z 1.1 Pflegebedürftige am 15.12.1999 nach Pflegestufen, Altersgruppen und Leistungsarten sowie nach dem Geschlecht, Tabellen 00 bis 16, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2011, Generationensterbetafeln für Deutschland. Modellrechnungen für die Geburtsjahrgänge 1896–2009, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2012, Alleinlebende in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2011, Ergänzende Tabellen zur Pressekonferenz am 11.7.2012 in Berlin, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2013, Daten zu Geburten, Kinderlosigkeit und Familien, Ergebnisse des Mikrozensus 2012, Tabellen zur Pressekonferenz am 7. November 2013 in Berlin, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2015a, Pflegestatistik 2013 – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung, Deutschlandergebnisse

Statistisches Bundesamt, 2015b, Pflegestatistik über die Pflegeversicherung, Z 1 Pflegebedürftige am 15.12.2013, Z 1.1 Pflegebedürftige am 15.12.2013 nach Pflegestufen, Altersgruppen und Leistungsarten sowie nach dem Geschlecht, Tabellen 01 bis 16, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2015c, Bevölkerung: Bundesländer, Stichtag, Geschlecht, Altersjahre, Fortschreibung des Bevölkerungsstandes, Bevölkerungsstand (Anzahl), 31.12.2013, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2015d, Entwicklung der Bevölkerung von 2014 bis 2060, 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Basis: 31.12.2013, Variante 1: Kontinuität bei schwacher Zuwanderung, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2015e, Zusatzauswertungen zur Pflegestatistik 2013 – Pflegeheime, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2015f, Zusatzauswertungen zur Pflegestatistik 2013 – ambulante Pflegedienste, Wiesbaden

Ansprechpartner

Pflegebedarf: Realitätscheck für die Politik
Pressemitteilung, Nr. 53 vom 28. September 2015

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Die Gesellschaft wird immer älter, damit steigt auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen. Doch während über die steigenden Kosten und den Bedarf an Pflegekräften diskutiert wird, fällt ein Thema unter den Tisch: Wie steht es eigentlich um die erforderliche Pflegeinfrastruktur? Nicht gut, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt. mehr

iwd, Nr. 41 vom 8. Oktober 2015

Pflege-Infrastruktur Höchste Zeit, aktiv zu werdenArrow

Aufgrund der alternden Bevölkerung müssen die Weichen für eine geeignete Pflege-Infrastruktur möglichst schnell gestellt werden. Nach IW-Berechnungen braucht Deutschland bis 2030 allein in der stationären Dauerpflege bis zu 220.000 zusätzliche Plätze. Dabei stehen die einzelnen Bundesländer aufgrund ihrer spezifischen Bevölkerungsentwicklung und ihrer bisherigen Ausstattung vor unterschiedlichen Herausforderungen. mehr