Acht Minuten für zehn Eier
Ob Amaranth-Müsli oder Zahnpasta für Allergiker: Die Warenwelt ist in den vergangenen 50 Jahren nicht nur deutlich bunter geworden, wir können uns im Schnitt auch mehr leisten als früher. Denn die Kaufkraft der Nettoverdienste ist seit den frühen Wirtschaftswunderjahren enorm gestiegen. Im Schnitt muss man heute nur ein Drittel so lange arbeiten, um den gleichen Warenkorb erwerben zu können wie 1960.
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Wer sich Bilder von VW-Käfern mit Brezelfenstern auf leeren Autobahnen vor Augen führt, dem dürfte nach einem Anflug von Nostalgie schnell auch etwas anderes klar sein: Heute geht es uns in puncto Wohlstand deutlich besser als vor 50 Jahren. Zwar hört man immer mal wieder vor allem ältere Zeitgenossen schwärmen, dass früher die Preise viel niedriger waren und die Brötchen weniger als einen Groschen kosteten – und tatsächlich haben sich die Verbraucherpreise seit 1960 fast vervierfacht.
Aber auch unser Einkommen ist in diesem Zeitraum gestiegen. Die Verdienste kletterten trotz höherer Steuern und Sozialabgaben nämlich deutlich schneller nach oben als das Preisniveau. Teilt man das Nettojahresgehalt einschließlich aller Sonderzahlungen durch die tatsächlich geleistete Arbeitszeit, kommt man heute auf ein durchschnittliches Nettoentgelt in den alten Bundesländern von 14,05 Euro pro Stunde; im Jahr 1960 betrug der Stundenlohn 1,27 Euro, also nur ein Elftel des heutigen Niveaus.
Unterm Strich hat sich die Kaufkraft der Nettoverdienste in den vergangenen 50 Jahren damit annähernd verdreifacht.
Dennoch kann sich heute schon aufgrund der unterschiedlichen Gehälter der Arbeitnehmer nicht jeder Einzelne exakt dreimal so viel leisten wie 1960; hinzu kommt, dass auch die Kaufkraftentwicklung nicht für alle Produkte gleich verlaufen ist (Tabelle):
Themen
Lebensmittel.
Für Brot und Butter müssen Verbraucher deutlich weniger arbeiten als früher: Die Kaufkraft der Nettolohnminute hat sich bei den meisten Nahrungsmitteln rund verzehnfacht. Für ein Pfund Kaffee zum Beispiel musste man anno 1960 etwas mehr als dreieinhalb Stunden arbeiten, heute ist ein Paket des Muntermachers bereits nach 19 Minuten erwirtschaftet.
Nur beim Kabeljau ist alles anders. Bis 1970 war dies eine der am weitesten verbreiteten Fischarten; vor 50 Jahren musste man für ein Kilo Kabeljau umgerechnet 56 Minuten arbeiten, nur fünf Minuten länger als für zehn Eier. Heute ist der Meeresfisch derart knapp, dass er fast schon Delikatessenpreise erzielt – um ein Kilo Kabeljau zu erstehen, sind eine Stunde und sechs Minuten Arbeitseinsatz erforderlich. Dagegen sind zehn Eier heute im Schnitt bereits nach acht Minuten erarbeitet.
Gebrauchsgüter und Energie.
Ob Kleider, Anzüge oder Pumps: Modefreaks haben es gut, denn die Kaufkraft für Bekleidung und Schuhe ist überdurchschnittlich gestiegen – vor allem seit der deutschen Einheit. So kann man sich heute von seinem Nettostundenlohn rund ein Drittel mehr zum Anziehen kaufen als 1991. Gegenüber 1960 hat sich die Kaufkraft für Herrenanzüge und Damenkleider sogar vervierfacht.
Auch bei Energiegütern gibt es deutliche Kaufkraftgewinne. Während Verbraucher für einen Liter Normalbenzin 1960 noch fast eine Viertelstunde zu arbeiten hatten, reichen heute bereits fünf Minuten.
Noch größer ist das Gefälle bei Geräten der Unterhaltungselektronik. Vor 50 Jahren mussten die Westdeutschen für einen einfachen Schwarz-Weiß-Fernseher rund 350 Stunden arbeiten gehen, heute sind es gerade mal 13 Stunden – allerdings bekommen sie dafür auch nur ein Röhrengerät, das in den Regalen der heimischen Elektronikmärkte inzwischen schon ein Schattendasein fristet. Doch selbst einen Flachbild-Fernseher gibt es heute für ein Zehntel des damaligen Arbeitseinsatzes.
Medien und Dienstleistungen.
Ob Tageszeitung oder Friseurbesuch: Für beides muss man heutzutage in etwa so viel Arbeitszeit investieren wie vor 50 Jahren. Kein Wunder: Denn Dienstleister wollen auch am allgemeinen Verdienstzuwachs teilhaben, können ihre Arbeit aber nun mal oft nicht deutlich schneller erledigen als anno dazumal.
*) Christoph Schröder
Wohlstand in Deutschland
IW-Dossier Nr. 2/2010
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iwd - Nr. 20 vom 20. Mai 2010
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