Entsprechend stellt sich die Frage, welche Faktoren bei der Entscheidung über den Bildungsweg nach dem Abitur eine Rolle spielen und wie diese optimiert werden könnte. Auswertungen mit den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zeigen, dass neben den Interessen der Jugendlichen die verfügbaren Informationsquellen und der erwartete Nutzen – insbesondere einer Ausbildung – Einfluss auf ihre Bildungsentscheidung haben. Beispielsweise entscheiden sich Jugendliche mit künstlerischen Interessen eher für ein Studium als für eine Ausbildung. Umgekehrt entscheiden sich Abiturienten eher für eine Ausbildung, wenn sie damit eine sichere und prestigeträchtige Berufstätigkeit verbinden. Zudem spielt die Berufsorientierung eine wichtige Rolle. Um Informationsdefiziten entgegenzuwirken und eine fundierte Bildungsentscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium zu ermöglichen, sollten weiterführende Schulen und eine Berufsberatung in der Oberstufe künftig ausgewogener über Ausbildung und Studium informieren, für alle Interessen und Neigungen die passenden Informationen bereitstellen und insgesamt praxisnäher informieren.

Die Bildungsentscheidung von Jugendlichen nach dem Schulabschluss ist ein entscheidender Schritt für ihren beruflichen Werdegang. Infolge steigender Abiturientenzahlen sind auch die Studienanfängerzahlen stark gewachsen. Gleichzeitig bricht mittlerweile fast jeder dritte Studienanfänger sein Studium ab. Daher ist eine passgenaue Berufsorientierung für Abiturienten sowohl für ihre persönliche Entwicklung als auch für die Fachkräftesicherung der Wirtschaft von zentraler Bedeutung.

Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass sich Abiturienten, die ein Studium aufnehmen, von solchen, die eine Ausbildung beginnen, in ihren Interessen und ihren Einschätzungen zu den Karriereperspektiven der verschiedenen Bildungswege unterscheiden. Letzteres hängt nicht zuletzt mit der Informiertheit über die verschiedenen Alternativen zusammen. Jugendliche nutzen und bewerten Berufsberatungsangebote ganz unterschiedlich, allerdings steigt der subjektiv empfundene Informationsstand, wenn sie Informationsangebote nutzen. Die Ergebnisse zeigen insgesamt deutliche Informationslücken bei Abiturienten auf, die zu selten Angebote zur Berufsorientierung wahrnehmen, was auch an den fehlenden Angeboten vieler Gymnasien liegt.

Es ist daher wichtig, die Berufsberatung in der gymnasialen Oberstufe deutlich zu intensivieren und nicht einseitig auf das Studium auszurichten. Hier sind die Länder gehalten, Berufs- und Studienorientierung an Gymnasien als Standard zu verankern und deren Umsetzung stärker zu kontrollieren. Für Unternehmen bietet dies Chancen, Abiturienten die Karriereperspektiven dualer Ausbildungen aufzuzeigen. Es zeigt sich, dass Abiturienten, die einen Betriebsbesuch hilfreich fanden, eine signifikant größere Wahrscheinlichkeit aufweisen, eine Ausbildung aufzunehmen. Allerdings haben nur 43 Prozent aller befragten Abiturienten das Angebot einer Betriebsbesichtigung überhaupt wahrgenommen – ein deutlich zu niedriger Wert.

Die Untersuchungen zeigen zudem, dass viele Abiturienten die mit einer Ausbildung verbundenen Berufschancen nicht als gleichwertig mit denjenigen eines Studienabschlusses ansehen (Risius et al., 2017). Dass auch eine Ausbildung gute Perspektiven bietet und zudem den Weg für diverse Aufstiegsfortbildungen ebnen kann, die zu einem großen Teil Zugang zu – im Vergleich zu einem Studium – gleichwertigen Einkommens- und Karriereperspektiven eröffnen (Flake et al., 2016), dürfte vielen nicht bekannt sein. Dies verdeutlicht, dass einer praxisnäheren Information und ausgewogeneren Darstellung der Karrierepfade von Ausbildung und Studium hohe Relevanz zukommt. Es gilt für Berufsberater, Lehrer und Eltern, den Jugendlichen ein realistisches Bild von der Wertigkeit und den Chancen einer Berufsausbildung als auch eines Studiums zu zeichnen, denn die Perspektiven unterscheiden sich vor allem zwischen den Berufsfeldern und Fachrichtungen.

Gleichzeitig sind die Unternehmen gefragt, Jugendlichen die Ausbildung näher zu bringen. Sie können im Rahmen der Berufsorientierung Berufsbilder veranschaulichen und dabei auf Zusatzqualifikationen oder Auslandsaufenthalte während der Ausbildung hinweisen. So könnten auch verstärkt Jugendliche mit künstlerisch-sprachlichen Interessen und leistungsstärkere Abiturienten für eine Ausbildung gewonnen werden.