Vor dem Hintergrund einer gestiegenen Übernahmeaktivität durch chinesische Investoren in Europa wird derzeit diskutiert, ob die Eingriffsmöglichkeiten der Politik erweitert werden sollen. Vereinzelt gab es hier schon konkrete Schritte. Von den Befürwortern wird vor allem kritisiert, dass keine Reziprozität herrsche, da der Zugang europäischer Firmen zum chinesischen Markt eingeschränkt sei, in der EU aber sehr weitgehende Kapitalverkehrsfreiheit gelte.

Zudem werden Wettbewerbsverzerrungen für möglich gehalten, da bei den Übernahmen eine indirekte Steuerung und Finanzierung durch den chinesischen Staat vermutet wird. Die Gegner verweisen dagegen auf die vielfältigen Vorteile von Direktinvestitionen und befürchten, dass ausländische Investoren abgeschreckt werden könnten. Dieser Beitrag wägt diese und weitere Argumente beider Seiten ab und fügt der Debatte einen neuen Aspekt hinzu. Demnach könnte es – möglicherweise – durch die chinesischen Übernahmen zu einem in Ausmaß und Tempo problematischen Technologietransfer kommen.

Mit der einschlägigen traditionellen Außenhandelstheorie lässt sich in einem Modell mit einem technologischen hoch und einem weniger entwickelten Land zeigen: Ein rasches technologisches Aufholen des Nachzüglers kann unter bestimmten Bedingungen dazu führen, dass der Vorreiter gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsverluste erleidet (u. a. Samuelson, 2004). Dieser Beitrag versucht, eine erste Einschätzung zu geben, ob und unter welchen Umständen diese Bedingungen erfüllt sein könnten. In den Blick genommen wird vor allem Chinas industriepolitische Strategie, die stark auf einen rapiden Technologietransfer setzt und dies im Rahmen der „Made in China 2025“-Strategie noch mehr tun dürfte. Bei der Bewertung spielt zudem eine Rolle, dass China ein sehr großes und stark aufholendes Land ist, das die Weltmärkte schon seit dem vergangenen Jahrzehnt unter großen Anpassungsdruck gesetzt hat. Darüber hinaus wird dargelegt, dass wichtige im Rahmen der neuen Wachstumstheorie abgeleitete dynamische Vorteile ausländischer Investitionen weniger relevant sein könnten, wenn ein technologisch rückständigeres chinesisches Unternehmen einen europäischen Innovationsvorreiter aufkauft. Schließlich wird diskutiert, ob die Industrieländer ihren Innovationsvorsprung auch in Zukunft weiter halten können. Insgesamt gesehen kann nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden, dass die genannten Bedingungen erfüllt sein könnten.

Ein abschließendes Urteil ist bei derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich, sodass ein Analyseraster, konkrete Fragen und Forschungsbedarf abgeleitet werden. Dazu gehört auch, durch eine Überwachung der Übernahmetätigkeit in Europa eine bessere Datengrundlage zu erhalten. Unabhängig von der hier gestellten ökonomischen Frage müssen die EU-Länder angesichts des anstehenden Strukturwandels ihre Innovations- und Anpassungsfähigkeit weiter stärken.

IW-Report

Jürgen Matthes: Unternehmensübernahmen durch chinesische Firmen in Deutschland und Europa – Unter welchen Bedingungen besteht Handlungsbedarf?

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16. Oktober 2017

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Der afrikanische Kontinent wird von Europäern oft als ein einziges Land wahrgenommen, tatsächlich aber beheimatet er 54 Staaten mit teils sehr unterschiedlichen geografischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Die Prognosen für Afrika reichen von „dauerhafter Krisenkontinent“ bis zur „globalen Wirtschaftsmacht“. Für eine bessere Vorhersage lohnt ein genauerer Blick. mehr auf iwd.de

Die Politik muss bei chinesischen Übernahmen genauer hinsehen
Gastbeitrag, 10. Oktober 2017

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Angesichts zunehmender Übernahmen europäischer Unternehmen durch chinesische Investoren hat die EU-Kommission vorgeschlagen, ausländische Investitionen in Europa künftig genauer zu prüfen. Der Schritt ist sinnvoll, birgt aber Risiken, schreibt IW-Ökonom Jürgen Matthes in einem Gastbeitrag auf Focus Online. mehr

IW-Kurzbericht, 28. August 2017

Christian Rusche Chinesische Investitionen in den deutschen BundesländernArrow

Die Aktivitäten chinesischer Investoren in Deutschland haben seit 2010 deutlich zugenommen. Um Schlüsselindustrien zu schützen, hat die Bundesregierung sogar die Außenwirtschaftsverordnung verschärft. Dabei sind die Bundesländer unterschiedlich stark von chinesischen Übernahmen betroffen. mehr