Die zunehmende Ungleichheit in Deutschland habe zu weniger Wirtschaftswachstum geführt: So lautet das Ergebnis einer OECD-Studie, die in Verteilungsdebatten immer wieder zitiert wird. Doch Replikationen dieser Schätzungen zeigen, dass dieser Befund für Deutschland nicht haltbar ist. Zwar könnte die Ungleichheit einen negativen Einfluss auf das Wachstum haben. Allerdings nicht generell, sondern in Volkswirtschaften mit einem geringen Bruttoinlandsprodukt (BIP) – als Orientierungswert zeigen die Schätzungen ein BIP von 9.000 US-Dollar pro Kopf. Denn in jenen Ländern sind ärmere Bevölkerungsgruppen meist von Bildung ausgeschlossen, und das Gesellschaftssystem insgesamt ist eher instabil. Für Industrienationen wie Deutschland ist der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum hingegen, wenn überhaupt nachweisbar, eher positiv, weil Ungleichheit die Anreize für Unternehmertum und Innovationen steigert. Das gilt zumindest, solange die Ungleichheit nicht überhandnimmt. Ab einem Gini-Koeffizienten von etwa 0,35 wird es wahrscheinlicher, dass Ungleichheit das Wirtschaftswachstum hemmt. In Deutschland liegt der Gini-Koeffizient mit 0,29 weit unter diesem Schwellenwert. Die Ungleichheit legte einzig von 2000 bis 2005 merklich zu, als auch die Wirtschaft schwächelte. Die Ungleichheit taugt also nicht zur Erklärung des langsamen Wirtschaftswachstums, da sie parallel und nicht in der Vorperiode anstieg. Die Ungleichheit führt zudem keineswegs zu einer immer stärker verunsicherten Gesellschaft: Zu kaum einem Zeitpunkt waren die Sorgen um die allgemeine und eigene wirtschaftliche Situation geringer als heute.

IW-Report

Galina Kolev / Judith Niehues: Ist Ungleichheit schlecht für das Wirtschaftswachstum? – Eine Neubewertung des Zusammenhangs für Deutschland

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Gastbeitrag, 4. September 2017

Judith Niehues auf Zeit Online Die Mittelschicht ist stabiler als ihr RufArrow

Im Wahlkampf kommt die Debatte über die Mittelschicht wieder hoch. Ob sie schrumpft, ist eine Frage der Definition, und davon gibt es viele. Halten wir uns an die Fakten. Ein Gastbeitrag von IW-Ökonomin Judith Niehues, erschienen auf Zeit Online. mehr

Ungleichheit: Medienberichte verunsichern Bürger
Pressemitteilung, 1. September 2017

Matthias Diermeier / Henry Goecke / Judith Niehues / Tobias Thomas Ungleichheit: Medienberichte verunsichern BürgerArrow

Die Medien berichten seit einigen Jahren immer häufiger über Ungleichheit, obwohl sich die Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland kaum verändert hat. Das belegt eine gemeinsame Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und von EcoAustria. Die Studie zeigt zudem, dass die Berichterstattung die Menschen verunsichert – zumindest kurzfristig. mehr

IW-Kurzbericht, 1. September 2017

Matthias Diermeier / Henry Goecke / Judith Niehues / Tobias Thomas Verzerrte Wahrnehmung: Wie Berichte über Ungleichheit verunsichernArrow

Wesentliche Maße zur Bestimmung der Ungleichheit haben sich seit längerer Zeit kaum verändert. Trotzdem ist der Anteil der Berichterstattung in deutschen Leitmedien zu Ungleichheitsthemen deutlich angestiegen. Der Kurzbericht zeigt: Eine intensivere Berichterstattung zu Ungleichheit kann die Bürger kurzfristig verunsichern. mehr