Zunächst wird eine definitorische Abgrenzung des Begriffs „Fachkräftemangel“ vorgestellt. Anschließend wird seine Operationalisierung diskutiert. Im Ergebnis werden Arbeitsangebot und -nachfrage gegenübergestellt, indem Arbeitslose als Indikator für ungenutztes Arbeitsangebot und offene Stellen als ungedeckte Arbeitsnachfrage herangezogen werden. Für die konkrete Berechnung der Kennzahlen stellt die Arbeitslosen- und Stellenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) die zentrale Datengrundlage dar, da diese Daten in großen Fallzahlen und nach den 1.286 Berufsgattungen der KldB (Klassifikation der Berufe von 2010) vorliegen. Die feine berufliche Differenzierung ist zentral für die Aussagekraft der Ergebnisse.

Bei den gemeldeten offenen Stellen aus der BA-Stellenstatistik ist es wichtig, Unterschiede im Meldeverhalten zu berücksichtigen. Das betrifft zum einen die Besonderheiten im Meldeverhalten von Unternehmen der Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Da es Hinweise für eine Übererfassung realwirtschaftlicher Nachfrage durch die Zeitarbeitsstellen in der BA-Stellenstatistik gibt, wird ein Gewichtungsfaktor eingeführt, der diese korrigiert und eine Überzeichnung der Arbeitsnachfrage verhindert.

Zum anderen zeigen sich Unterschiede im Meldeverhalten in Abhängigkeit des Qualifikationsniveaus der zu besetzenden Stelle. Es zeigt sich, dass insbesondere Stellen für Hochqualifizierte seltener an die Arbeitsagenturen gemeldet werden als Stellen für Fachkräfte mit einem Ausbildungsabschluss. Aus der IAB-Stellenerhebung sind Meldequoten bekannt, die zwischen den vier Anforderungsniveaus der KldB differenzieren und somit für eine Hochrechnung der Arbeitsnachfrage verwendet werden können. Um eine zulässige Hochrechnung zu erhalten, wird diese in einem mehrschrittigen Verfahren durchgeführt, sodass methodische Unterschiede der BA-Stellenstatistik und IAB-Stellenerhebung berücksichtigt werden. Die vorgestellte Methodik führt dazu, dass Veränderungen der Meldequoten erstmals laufend bei der Messung des Fachkräftemangels berücksichtigt werden.

Die in diesem Report vorgestellte Methodik stellt im Vergleich zur bisherigen Methodik zur Berechnung von Fachkräfteengpässen einen deutlichen Fortschritt dar. So lassen sich mit ihr insbesondere die Engpässe bei Akademikern mit einem Masterabschluss oder vergleichbarem Abschluss deutlich besser erfassen. Gleichzeitig wird die Gefahr, Fachkräfteengpässe in Bereichen zu überzeichnen, in denen Zeitarbeit eine große Rolle spielt, reduziert.

Nach Implementierung dieser Methodik in der IW-Fachkräftedatenbank können fortlaufend zentrale Indikatoren wie die Fachkräftelücke, die Stellenüberhangsquote, die Engpassrelation und die Engpassquote berechnet werden. Aktuelle Ergebnisse zum Datenstand 30.06.2020 werden vorgestellt. Da die Berechnungen auf Basis von gleitenden Jahresdurchschnitten erfolgen, sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie erst teilweise enthalten.

Einleitung

Seit zwei Jahrzehnten gewinnen Analysen der Fachkräftesituation an Relevanz, auch wenn es bislang keinen allgemeinen Arbeitskräftemangel in Deutschland gibt. Die demografische Entwicklung, der Strukturwandel und andere Faktoren führen zu einem zunehmenden Fachkräftemangel in einigen Arbeitsmarktbereichen. Ein weiterer Grund für die wachsenden Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung war der bis 2019 andauernde wirtschaftliche Aufschwung, der zu einer steigenden Arbeitskräftenachfrage führte. Im Ergebnis ist die Arbeitskräftenachfrage heute – trotz Corona-Pandemie – immer noch größer als beispielsweise im Jahr 2010 nach der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Fachkräfteversorgung ist von zentraler Bedeutung für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Deshalb braucht es kontinuierlich valide Erkenntnisse über die Entwicklung der Fachkräftesituation, auf deren Basis Handlungsempfehlungen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abgeleitet werden können.

Bislang gibt es keinen Konsens darüber, in welchen Arbeitsmarktbereichen ein Fachkräftemangel besteht, denn in der Wissenschaft wird die Methodik zur Bestimmung und Quantifizierung des Fachkräftemangels sehr kontrovers diskutiert. Der vorliegende IW-Report hat daher zum Ziel, basierend auf bestehenden Ansätzen und deren Vor- und Nachteilen, eine neue, genauere Methodik zur Messung des Fachkräftemangels zu entwickeln. Diese nutzt eine Kombination verfügbarer Daten für eine – unter den gegebenen Datenrestriktionen – bestmögliche Berechnung von Fachkräftelücken auf Ebene der 1.286 Berufsgattungen.

Der vorliegende Methodenreport stellt zunächst die bestehenden Ansätze dar, diskutiert ihre Vor- und Nachteile und entwickelt nachfolgend die bisherige Engpass-Methodik des im IW angesiedelten Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) weiter. Die neue Methodik quantifiziert zum einen die Arbeitsnachfrage dergestalt, dass sie mit der IAB-Stellenerhebung vereinbar ist, und ermöglicht zum anderen die Berechnung von Fachkräftelücken bis auf die Ebene der Berufsgattungen. Die neue Methodik kann rückwirkend bis ins Jahr 2010 angewandt werden. Da die Berechnung robust gegenüber saisonalen Schwankungen ist, können aussagekräftige Trends der Fachkräftesituation in Deutschland abgebildet werden.

Im vorliegenden IW-Report wird zunächst eine Begriffsdefinition vorgenommen (Kapitel 2.1). Im Folgenden werden konstituierende Faktoren wie die Notwendigkeit der Gegenüberstellung von Arbeitsangebot und -nachfrage sowie die Operationalisierung der beiden Marktseiten herausgearbeitet (Kapitel 2.2). Es folgt ein Überblick über die Datenbasis, die aus der Arbeitslosen- und Stellenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) besteht sowie eine Erläuterung der Herausforderungen in der Arbeit mit diesen Quellen (Kapitel 3). Nachfolgend wird die neue Methodik zur Berechnung von Fachkräftelücken und zur Bestimmung von Engpassberufen in mehreren Teilschritten beschrieben (Kapitel 4). Anschließend werden die Fachkräftelücken als Ergebnis der Methodikrevision vorgestellt (Kapitel 5) und abschließend in Fazit und Ausblick diskutiert (Kapitel 6).