Nachdem die europäische Bankenunion 2014 beschlossen wurde, hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nun ein neues Projekt vorgeschlagen, das die Finanzmarktintegration in Europa weiter vorantreiben soll: die Kapitalmarktunion. Während sich die Bankenunion auf die Schaffung eines einheitlichen Regelwerks sowie einer zentralen Bankenaufsicht und -abwicklung für den Bankensektor in der Eurozone beschränkt, soll die Kapitalmarktunion Barrieren aus dem Weg räumen, die den Kapitalfluss in der gesamten Europäischen Union bremsen. Im internationalen Vergleich sind Banken in der EU höchst relevant für die Unternehmensfinanzierung. Im Gegensatz dazu finanzieren sich Unternehmen in den USA stärker direkt über Kapitalmärkte und weniger über Banken. Auch wenn die USA kein explizites Vorbild für die Kapitalmarktunion ist, so zeigt sich doch deutlich, dass eine stärkere Rolle der Kapitalmärkte von der Politik favorisiert wird.

Zur Ausweitung und Diversifizierung der Finanzierungsquellen will die Kommission komplementär zum Bankensystem nun den Kapitalmarkt stärken. Nach Schätzungen der Kommission hätten zwischen 2008 und 2013 über 90 Milliarden Euro zur Unternehmensfinanzierung zur Verfügung gestanden, wenn der europäische Kapitalmarkt eine ähnliche Tiefe vorgewiesen hätte wie der US-amerikanische. Zukünftig soll die Kapitalmarktunion EU-Unternehmen ermöglichen, in der gesamten Europäischen Union nahtlos Anleihen zu emittieren und sich somit europaweit Kapital zu beschaffen. Insbesondere soll so die anhaltende Investitionsschwäche angegangen werden, die gleichzeitig als Legitimationsgrundlage für den neugeschaffenen Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI) im Zuge der Juncker’schen Investitionsoffensive herangezogen wird.

Obwohl die Pläne der Kommission noch nicht abschließend fixiert wurden, stehen die verschiedenen Maßnahmen zum Auflösen der Investitionsschwäche bereits in der Kritik. Verschiedene wissenschaftliche Publikationen haben kürzlich in Frage gestellt, inwiefern der derzeitige Forschungsstand bezüglich der Ursachen des Investitionsattentismus den oben beschriebenen Maßnahmenkatalogs rechtfertigen kann. Besonders umstritten ist die Frage, ob die mangelnde Investitionsdynamik in Europa von der Angebots- oder der Nachfrageseite herrührt und ob es sich um ein transitorisches oder um ein strukturelles Problem handelt.

Auch die Autoren des vorliegenden policy papers kommen zum Schluss, dass die Kapitalmarktunion nur von einer ganzheitlichen Warte aus analysiert werden kann: Erst im Zusammenspiel mit Geld- und Wirtschaftspolitik, makroprudenzieller Finanzmarktregulierung sowie staatlicher und privater Schuldentragfähigkeit kann eine weitere Integration der Finanzmärkte auf die europäischen Probleme zielführend sein. Der Vorschlag der Europäischen Kommission zur Kapitalmarktunion benötigt daher noch einige Nachbesserungen. Dazu macht das Policy Paper die nun folgenden Empfehlungen.

IW policy paper

Markus Demary / Matthias Diermeier / Heide Haas: Die Europäische Kapitalmarktunion – Zur Relevanz von Banken und Märkten

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Markus Demary / Matthias Diermeier / Heide Haas: A Capital Markets Union for Europe – The Relevance of Banks and Markets

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Die Schuldenkrise der Euroländer ist zwar noch nicht ausgestanden. Doch einen gemeinsamen Haushalt, wie ihn manche Politiker fordern, braucht die Eurozone deshalb nicht. Der Ruf nach einer solchen Transferunion verkennt, dass viele südeuropäische Länder mittlerweile Reformen umgesetzt haben, die an den zentralen Krisenursachen ansetzen und die Anpassungsfähigkeit dieser Staaten deutlich verbessern. mehr auf iwd.de