Die krisenhafte Entwicklung seit 2008 hat verschiedene ökonomische Probleme des Euroraums aufgedeckt und verschärft. Sie betreffen zum einen die Funktionsfähigkeit der Währungsunion im Kontext der Theorie des optimalen Währungsraums. Hier geht es neben einer bislang zu großen Heterogenität der Euroländer vor allem um die mangelnde Reagibilität von Löhnen und Preisen in Südeuropa. Letzteres hat vor der Krise maßgeblich zu den entstandenen ökonomischen Ungleichgewichten und im Gefolge der Krise zu einem sehr starken Anstieg der Arbeitslosigkeit beigetragen. Zum anderen zeigte sich, dass vor allem die südeuropäischen Krisenländer unter strukturellen Wachstumsschwächen litten, die nicht zuletzt im Zusammenhang mit rigiden Märkten stehen. Weitere Probleme dämpfen in kurz- bis mittelfristiger Sicht das Wachstum: So ist es vor der Krise zu einer Fehlallokation von Ressourcen im Sektor nicht handelbarer Güter gekommen, der nun zu korrigieren ist. Zudem erhöhte die globale Finanzkrise die Staatsschulden und die hohen Leistungsbilanzdefizite der meisten Krisenländer führten zu steigenden Schulden im Privatsektor. Strukturreformen in den südeuropäischen Krisenländern adressieren diese Probleme: Sie verringern die Heterogenität der Euroländer, steigern die Flexibilität von Löhnen und Preisen und erleichtern den Strukturwandel. So erhöhen sie die Funktionsfähigkeit der Währungsunion. Zudem verbessern sie Wachstums- und Beschäftigungsperspektiven. Hier wird aufgezeigt, dass die südeuropäischen Euroländer – trotz des verbleibenden Reformbedarfs – deutliche Reformfortschritte erzielt haben:

  • Bei der Beschäftigungsschutzregulierung erreichten Portugal, Griechenland und Spanien zwischen 2008 und 2013 die größten Verbesserungen in der EWU.
  • Bei der Flexibilisierung der Lohnverhandlungssysteme hat vor allem Griechenland große Fortschritte gemacht, deutliche Reformen gab es aber auch in Spanien, Portugal und Italien (in absteigender Reihenfolge).
  • Die Produktmarktliberalisierung haben vor allem Griechenland und Portugal seit 2008 sehr deutlich flexibilisiert, Italien folgt mit einem gewissen Abstand.
  • Besondere Fortschritte sind in allen südeuropäischen Krisenländern bei administrativen Vorschriften für Unternehmensgründungen zu verzeichnen.

Es zeigen sich erste Hinweise, dass die Strukturreformen zu einer größeren Lohnflexibilität und einer besseren Arbeitsmarktperformance beigetragen haben. Zudem hat sich die Heterogenität zwischen den Euroländern deutlich verringert – gemessen als Standardabweichung von Indikatoren zum Beschäftigungsschutz und zur Produktmarktregulierung. Schließlich scheint es so, dass die Reformen beginnen, die erhoffte Wachstumsdividende abzuwerfen, wie die jüngere relativ gute BIP-Entwicklung der vormaligen Krisenstaaten Griechenland, Spanien und Portugal zeigt. Allerdings bleiben Risiken für die weitere Fortführung des Reformkurses.

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Jürgen Matthes: Strukturreformen der Krisenländer – Bestandsaufnahme und Abschätzung der Relevanz für Wachstum und Währungsraum

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Jürgen Matthes: An assessment of structural reforms in the stressed euro area countries and their relevance for growth and for EMU

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In der Falle der niedrigen Zinsen
Gastbeitrag, 27. April 2017

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Die EU nicht dem Handel mit den Briten opfern
Gastbeitrag, 19. April 2017

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Sosehr der Verlust der zweitgrößten europäischen Volkswirtschaft schmerzt, ein Untergang der europäischen Idee ist mit dem Brexit ebenso wenig verbunden wie ein ökonomisches oder gar politisches Desaster für Deutschland. Ein Gastbeitrag von IW-Direktor Michael Hüther in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. mehr