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In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass ein Aufwachsen in Armutsgefährdung einen negativen Effekt auf den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen hat (vgl. Gebel, 2010). Allerdings liegt die Hauptursache hierfür nicht bei den geringen finanziellen Spielräumen der Familien, sondern beim mangelnden Bildungskapitel vieler Eltern mit niedrigem Einkommen und den damit einhergehenden Schwierigkeiten, die Kinder beim Lernen und den Schulaufgaben optimal zu unterstützen. So zeigt sich, dass sich der Bildungshintergrund der Eltern viel stärker auf die Schulzweigwahl auswirkt als das Familieneinkommen, dessen Effekt – wenn man für den Fakt des Sozialleistungsbezugs kontrolliert – weitgehend insignifikant ist (Fischer/Geis, 2013).

Dennoch kann ein negativer Zusammenhang zwischen Armutsgefährdung von Kindern und Schulerfolg nicht nur sozial- sondern auch regionalpolitische Implikationen haben. So kann die Vererbung von Bildungs- und Einkommensarmut dazu führen, dass die Zahl der auf Sozialleistungen angewiesenen Personen in Regionen mit vielen armutsgefährdeten Personen langfristig hoch bleibt und gleichzeitig die regionalen Wachstumsperspektiven eingeschränkt sind. Allerdings ist anzumerken, dass mangelnder Erfolg an den allgemeinbildenden Schulen und ein damit einhergehender Schulabbruch nicht unbedingt mit langfristiger Bildungsarmut gleichzusetzen ist, da viele junge Menschen ihren Abschluss im beruflichen Übergangsystem nachholen

Armutsgefährdung von Minderjährigen im regionalen Vergleich

Die im Folgenden dargestellten Zahlen zur regionalen Armutsgefährdung von Minderjährigen basieren auf einer Auswertung des Mikrozensus durch das IW Köln und spiegeln die Lage im Jahr 2013 wider. Als armutsgefährdet werden Personen gewertet, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen, wobei eine Preisbereinigung nach Region vorgenommen wurde, um den starken Unterschieden bei den Lebenshaltungskosten Rechnung zu tragen (Röhl/Schröder, 2016).

Im Vergleich der Mikrozensus-Regionen, die teilweise mehrere Kreise umfassen, findet sich die höchste Armutsgefährdungsquote in Bremerhaven mit 54,4 Prozent, gefolgt vom Vorpommern (Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald) mit 40,3 Prozent und Gelsenkirchen mit 38,9 Prozent. Am niedrigsten ist der Wert in Oberschwaben (Bodenseekreis, Landkreise Ravensburg und Sigmaringen) mit 6,2 Prozent. An zweiter Stelle liegt das westliche Mittelfranken (Stadt und Landkreis Ansbach, Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim und Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) mit 6,8 Prozent und an Dritter die südliche Oberpfalz (Stadt und Landkreis Regensburg, Landkreis Cham und Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz) mit 8,2 Prozent. Insgesamt sind die Armutsgefährdungsquoten in den größeren Ballungsgebieten in Nord- und Westdeutschland und den neuen Bundesländern besonders hoch und in den ländlichen Gebieten in Süddeutschland besonders niedrig. Unter den Bundesländern ist die Quote in Bremen mit 35,1 Prozent am höchsten und in Bayern mit 12,8 Prozent am niedrigsten (Tabelle).

Schulabbrüche im regionalen Vergleich

Die Zahlen zu den Schulabbrüchen stammen aus der Schulstatistik und beziehen sich auf das Jahr 2014. Als Schulbrecher werden Personen gezählt, die die allgemeinbildenden Schulen verlassen, ohne mindestens einen Hauptschulabschluss erreicht zu haben. Unberücksichtigt bleiben Bildungsangebote an beruflichen Schulen, die zu einem allgemeinbildenden Schulabschluss führen, wie das Berufsvorbereitungsjahr. Bezugsgröße ist die Zahl aller Personen, die im jeweiligen Jahr die allgemeinbildenden Schulen verlassen haben.

Vergleicht man die Stadt- und Landkreise in Deutschland, ist der Anteil der Schulabbrecher mit einem Wert von 14,4 Prozent im Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt) am höchsten, gefolgt vom Landkreis Uckermark (Brandenburg) mit 12,9 Prozent und vom Landkreis Stendal (Sachsen-Anhalt) mit 12,8 Prozent. Am niedrigsten ist er mit 1,1 Prozent in der kreisfreien Stadt Ansbach (Bayern), gefolgt vom den Landkreisen Südwestpfalz (Rheinland-Pfalz) mit 1,3 Prozent und Cham (Bayern) mit 1,8 Prozent (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2016). Die Anteile unterscheiden sich zwischen den einzelnen Kreisen also um mehr als den Faktor 10. Dabei bestehen auch große Unterschiede zwischen den Bundesländern. So weist Sachsen-Anhalt mit 10,0 Prozent den höchsten und Bayern mit 4,4 Prozent den niedrigsten Anteil an Schulabbrechern auf (Tabelle).

Gegenüberstellung beider Größen

In Regionen mit hoher Armutsgefährdung von Kindern kommt es auch verstärkt zu Schulabbrüchen. Dies zeigt der stark positive Zusammenhang zwischen beiden Größen für die Mikrozensusregionen (Korrelationskoeffizient 0,49). Allerdings können hierbei Unterschiede zwischen den Bundesländern zum Tragen kommen, die ihren Ursprung in den jeweiligen Bildungspolitiken und nicht den Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen haben. Daher wurde in einer Regressionsanalyse für bundesländerspezifische Effekte kontrolliert. Mit diesen Kontrollen ergibt sich ein noch immer hochsignifikanter aber leicht schwächerer Zusammenhang. Die Ergebnisse zeigen also einen deutlichen regionalen Zusammenhang zwischen Armutsgefährdung von Kindern und Schulabbrüchen.

Auch wenn ein Schulabschluss nach Verlassen der allgemeinbildenden Schulen nachgeholt werden kann, muss für Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten und anderweitigen ungünstigen Lebensverhältnissen ein Lernumfeld geschaffen werden, dass es ihnen leichter macht, in den Schulen erfolgreich zu sein. Neben gezielten Unterstützungsangeboten – etwa für Kinder, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, – ist eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung von zentraler Bedeutung (Anger/Orth, 2016). Auch Ganztagsschulen mit qualifizierter Hausaufgabenbetreuung können der Vererbung von Bildungsarmut entgegenwirken. Denn rund ein Drittel der 17-Jährigen, die maximal einen Hauptschlussabschluss erreicht haben oder anstreben, haben von den Eltern keine Unterstützung beim Lernen und den Hausaufgaben erhalten (Esselmann/Geis, 2014). Gelingt es, die Rahmenbedingungen an den genannten Stellen deutlich zu verbessern, können die Nachteile, die sich aus den ungünstigen Verhältnissen zuhause ergeben, zumindest teilweise kompensiert werden (Anger/Orth, 2016).

Höchste Armutsgefährdungsquote in Bremerhaven

Anteil der armutsgefährdeten Personen unter 18 (preisbereinigt)

Stand 2013. Quelle: Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Mikrozensus 2013, BBSR; eigene Berechnungen

Bayern bleiben in der Schule

Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss

Stand 2014. Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2016; eigene Berechnungen

IW-Kurzbericht

Wido Geis / Christoph Schröder: Armutsgefährdete Kinder und Schulabbrüche im regionalen Vergleich

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Literatur

Anger, Christina / Orth, Anja Katrin, 2016, Bildungsgerechtigkeit in Deutschland – Eine Analyse der Entwicklung seit dem Jahr 2000, Gutachten, Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin

Esselmann, Ina / Geis, Wido, 2014- Bildungsverlierer – Kurzstudie auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels und PISA-Daten, Kurzgutachten im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Köln

Fischer, Mira / Geis, Wido, 2013. Bestimmungsgrößen der Bildungsmobilität in Deutschland, IW-Trends Nr. 40 Heft 1, S. 3 – 17

Gebel, Michael, 2010, Familiäre Einkommensarmut und kindlicher Bildungserfolg, in Berger, Peter A. / Hank, Karsten / Tölke, Angelika (Hrsg.): Reproduktion von Ungleichheit durch Arbeit und Familie, VS Verlag, Wiesbaden, S. 259 – 278.

Röhl, Klaus-Heiner / Schröder, Christoph, 2016, Regionale Armut: Welche Regionen sind in Deutschland besonders von Armut betroffen?, IW-Kurzbericht Nr. 44, Köln

Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2016, Regionaldatenbank Deutschland – Bildung und Kultur – Allgemeinbildende und berufliche Schulen

Ansprechpartner

„Politik muss Arbeit schaffen”
Interview, 26. April 2017

Christoph Schröder auf WDR 5 „Politik muss Arbeit schaffen”Arrow

Soziale Gerechtigkeit zielt in erster Linie darauf, Armut zu mildern und Chancen zu verbessern. Der Armutsforscher Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln erklärt im WDR 5-Interview, was die Politik gegen Armut tun sollte. mehr

5. April 2017

Bildung Der Trend geht zum AkademikerArrow

Schon seit Jahrzehnten gibt es in Deutschland einen Trend zu höheren Bildungsabschlüssen. Durch die Flüchtlingsmigration steigt zwar derzeit der Anteil der Geringqualifizierten, doch in den kommenden Jahren dürften viele Flüchtlingskinder ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern erreichen. mehr auf iwd.de

Regionale Armut in Deutschland
IW-Analyse, 3. März 2017

Klaus-Heiner Röhl / Christoph Schröder Regionale Armut in DeutschlandArrow

Die IW-Analyse untersucht, wo Handlungsbedarf zur Bekämpfung der Armut in Deutschland besteht, welchen Gruppen wie am besten zu helfen ist und welche Regionen in Deutschland am meisten von Armut und Einkommensungleichheit betroffen sind. mehr