Dass sich der Bildungsstand der Eltern stark auf den Erfolg junger Menschen im deutschen Bildungssystem auswirkt, ist seit längerem bekannt (vgl. Geis/Fischer 2013). Weit weniger klar ist allerdings, welche Wirkzusammenhänge diesen Effekt verursachen. Einige neue und zum Teil auch überraschende Erkenntnisse hierzu können die seit einigen Jahren im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels durchgeführten Mutter-Kind-Befragungen liefern, die für diesen Kurzbericht vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln ausgewertet wurden.

Ein erster Aspekt betrifft die Bildungsaspirationen der Eltern, also welchen Bildungsweg sie für ihre Kinder anstreben. Indem diese für die Kinder Ziel- bzw. Orientierungspunkte liefern, können sie einen starken Einfluss auf deren tatsächliche Bildungskarrieren haben. Allerdings sollten sie, um eine valide Aussage treffen zu können, möglichst früh im Leben der Kinder erfasst werden. Mit fortschreitendem Bildungsweg muss nämlich davon ausgegangen werden, dass die Antworten zunehmend von den tatsächlichen schulischen Leistungen der Kinder bestimmt werden. Im SOEP wird eine entsprechende Frage Müttern erstmalig gestellt, wenn die Kinder sieben bis acht Jahre alt sind, also noch zu Beginn der Grundschulzeit. Zudem wird neben der Idealvorstellung auch erfragt, welchen Bildungsweg die Mütter für wahrscheinlich halten, sodass noch klarer wird, dass es bei der Frage tatsächlich um die Bildungsaspirationen geht.

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Wie die Abbildung zeigt, hängen die Antworten stark vom Bildungsstand der Mütter ab. So ist das Abitur die Idealvorstellung von 86 Prozent der Mütter mit Hochschulabschluss aber nur von jeweils 65 Prozent der Mütter mit beruflichem und ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Hingegen wäre für 56 bzw. 57 Prozent dieser Mütter (auch) ein Realschulabschluss ideal – die Befragungsweise lässt mehrere ideale Abschlüsse zu –, während das nur auf 29 Prozent der Akademikerinnen zutrifft. Spiegelbildlich stellt sich die Lage beim Hauptschulabschluss dar. Diesen empfinden 83 Prozent der Akademikerinnen, aber nur 58 Prozent der beruflich qualifizierten Frauen und 50 Prozent der Frauen ohne berufsqualifizierenden Abschluss als überhaupt nicht ideal.

Wenn Akademikerinnen so deutlich höhere Bildungsaspirationen haben, wäre es naheliegend, dass sie ihre Kinder auch bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffs stärker unterstützen. Dem ist aber nicht so, wie die Antworten auf eine Frage zur Hausaufgabenbetreuung zeigen, die im SOEP Müttern mit neun- bis zehnjährigen Kindern gestellt wird, also in der Regel kurz vor dem Übergang in die weiterführenden Schulen. Betrachtet man zunächst alle Mütter, so geben 45 Prozent an, ihr Kind täglich bei den Hausaufgaben zu unterstützen (Stand 2015). Das bedeutet zu erklären, zu kontrollieren und / oder dabeizusitzen. Mehrmals wöchentlich tun dies sogar 68 Prozent. Bei den Akademikerinnen liegen die Anteile mit 34 Prozent täglich und 54 Prozent mehrmals wöchentlich viel niedriger. Hingegen liegen sie bei beruflich qualifizierten Müttern mit 51 Prozent und 76 Prozent wesentlich höher. Bei Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss liegen die Anteile mit 41 Prozent, die ihre Kinder täglich, und 64 Prozent, die sie mehrmals wöchentlich unterstützen, zwar niedriger als bei den beruflich qualifizierten Frauen aber noch immer deutlich höher als bei den Akademikerinnen.

Dass die Bildung der Kinder auch niedrigqualifizierten Eltern sehr am Herzen liegt, macht zudem ein weiterer Befund deutlich. So werden im SOEP die Elf- bis Zwölfjährigen selbst gefragt, wie stark sich ihre Eltern für ihre Leistungen in der Schule interessieren. 64 Prozent aller Kinder geben hierauf sehr stark an (Stand 2015); fast alle anderen ziemlich stark. Bei den Kindern von Müttern ohne berufsqualifizierenden Abschluss liegt der Anteil sogar bei 70 Prozent, wohingegen es bei den Kindern von Akademikermüttern nur 54 Prozent sind. Die Kinder von Müttern mit beruflichem Abschluss liegen mit 62 Prozent in der Mitte.

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Auch wenn niedrig und beruflich qualifizierte Mütter niedrigere Bildungsaspirationen für ihre Kinder haben als Akademikermütter, lässt sich damit klar sagen, dass sie sich deshalb nicht weniger, um den Bildungserfolg ihrer Kinder kümmern. Vielmehr nehmen sie sich sogar mehr Zeit, um ihren Kindern bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffes zu helfen. Allerdings ist hierzu anzumerken, dass viele der Kinder von Akademikermüttern, die diese Unterstützung nicht bekommen, sie auch gar nicht brauchen dürften, da sie den Schulstoff gut alleine bewältigen können.

Zudem lässt sich aus diesen Ergebnissen auch nicht darauf schließen, wie lernfördernd die Eltern das Entwicklungsumfeld für ihre Kinder gestalten. Hier weisen die im SOEP Müttern mit fünf- bis sechsjährigen Kindern gestellten Fragen zu gemeinsamen Aktivitäten mit dem Kind auf deutliche Unterschiede hin. So geben 75 Prozent der Akademikermütter an, ihren Kindern in den letzten 14 Tagen täglich Geschichten auf Deutsch vorgelesen oder erzählt zu haben (Stand 2015), wohingegen das nur auf 33 Prozent der Mütter ohne berufsqualifizierenden Abschluss zutrifft. Bei den beruflich qualifizierten Müttern liegt der Anteil bei 60 Prozent. Dieser Wert resultiert auch für alle Mütter.

Betrachtet man hingegen, die Frage, ob die Mütter in den letzten zwei Wochen mit ihren Kindern zusammen Fernsehen oder Videos geschaut haben, ergibt sich das umgekehrte Bild. Dies haben 49 Prozent der Mütter ohne berufsqualifizierenden Abschluss, aber nur 27 Prozent der Akademikerinnen täglich getan. Bei den beruflich qualifizierten Müttern liegt der Anteil bei 34 Prozent und bei allen Müttern bei 33 Prozent.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, ob die Mütter mit ihren Kindern PC- und Internetspiele gespielt haben. Dies haben 29 Prozent der Mütter ohne berufsqualifizierenden Abschluss, aber nur 8 Prozent der Mütter mit Hochschulabschluss mehrmals wöchentlich getan. Für Mütter mit beruflichem Abschluss und für alle Mütter resultieren jeweils Anteile von 14 Prozent. Bei der Bewertung dieser Zahlen gilt es unbedingt zu beachten, dass die betrachteten Kinder mit fünf bis sechs Jahren erst am Ende der Kindergartenzeit stehen und in diesem Alter die digitalen Techniken Kinder noch überfordern können, während bei älteren Grundschulkindern eine Heranführung an Computer und Internet sowie der Einsatz digitaler Lernspiele sehr sinnvoll sind.

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Insgesamt legt die Auswertung der Mütter-Kind-Befragungen im SOEP den Schluss nahe, dass sich niedriger qualifizierte Mütter im Schnitt nicht weniger um den Bildungserfolg ihrer Kinder sorgen und kümmern als höher qualifizierte, ihnen aber dennoch nicht ein in gleichem Maße lernförderndes Entwicklungsumfeld bieten können und sie mit niedrigeren Bildungsaspirationen weniger stark zu einer höheren Bildung hinlenken. Um die Chancen von Kindern aus niedrigqualifizierten Elternhäusern zu verbessern, wäre es vor diesem Hintergrund sinnvoll, die Elternberatung vor Ort (z.B. an Kitas und Kindergärten) weiter auszubauen. Zudem sollten die Betreuungseinrichtungen kompensatorisch wirken, wenn Eltern ihren Kindern kein lernförderndes Umfeld bieten können, da sie etwa selbst nicht gut lesen können.

IW-Kurzbericht

Wido Geis: Auch niedrigqualifizierte Mütter fördern ihre Kinder

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