Im Frühjahr 2020 preschten die Einzelmitgliedstaaten der EU mit nationalen Maßnahmen vor. Im März 2020 hatten sich 19 Mitgliedsstaaten des Schengen Abkommens entschlossen, Ihre Grenzen einseitig und unkoordiniert zu schließen. Erst war es der grenzüberschreitende Personenverkehr, dann der Warenverkehr, der zum Erliegen kann. Die EU-Kommission war eher Getriebene als Gestalterin. Deutschland schloss am 16.03.2020 zuerst seine Landesgrenzen, unter anderem zu Österreich, wegen der akuten Pandemielage in Norditalien. Die temporären Einschränkungen, die normalerweise nicht länger als 30 Tage dauern sollten, wurden immer wieder erneuert. So bestanden selbst Anfang Juni 2020 noch vereinzelt Einschränkungen an den deutschen Grenzen.

Problematisch ist, dass obwohl der Binnenmarkt die ureigenste Kompetenz der Kommission ist, die Gesundheitspolitik im Entscheidungsbereich der Mitgliedsstaaten liegt. Somit erleben wir erneut seit November 2020 in einzelnen Mitgliedsstaaten wie Dänemark oder Portugal - aus Angst vor einer Ausbreitung von mutierten Virusvarianten - eine Wiedereinführung von Grenzkontrollen in Europa. Auch wenn Lkw-Fahrer und systemrelevante Berufspendler von den Grenzkontrollen in Deutschland offiziell ausgenommen sind, zeigen die Bilder von kilometerlangen Staus die Problematik klar auf.

Ausbleibende Produktionsvorleistungen hatten im Gefolge der Corona-Pandemie für Verunsicherung bei der deutschen Industrie im Jahr 2020 gesorgt. Exportbeschränkungen auf medizinische Güter und Reiseverbote wurden erlassen. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an das Wegbleiben von saisonalen Arbeitskräften in der Landwirtschaft, oder die Werksschließungen aufgrund fehlender Zulieferteile. Dies zeigte, wie abhängig eine moderne Industriegesellschaft von einem reibungslosen Grenzverkehr ist. Eine strategische Rückverlagerung eigener Produktion war für einen Großteil der Unternehmen im März 2020 allerdings noch keine Option (Grömling, 2020).

Das sich die Lieferketten immer noch nicht vollständig erholt haben, zeigt das Beispiel der Chipindustrie. Es gibt hier wiederkehrend Lieferengpässe bei den Herstellern, die zu stillgelegten Bändern in der Autoindustrie in den vergangenen Wochen führten (Hofer et al., 2021). Dabei ist das Problem nicht mangelnde Produktionskapazitäten, sondern fehlende Vorleistungen. Immer wieder wurde somit seitens der Politik gefordert, die Lieferketten resilienter zu machen.