Einsamkeit in der gesellschaftlichen Debatte

Es gibt zahlreiche Medienberichte über das Phänomen Einsamkeit und auch die Politik interessiert sich zunehmend für das Thema. Einen deutlichen Anschub erfuhr die Einsamkeitsdebatte in Deutschland durch umfangreiche Maßnahmen in Großbritannien. Dort wurde im Jahr 2018 eine Ministerin für Einsamkeit ernannt. Mehr Beachtung für das Problem der Einsamkeit ist zu begrüßen, jedoch wird die Debatte häufig unsachlich geführt. Wenig belastbare Daten und hoch-emotionalisierte Argumente führen dazu, dass eine strukturierte Analyse und Meinungsbildung nur schwer durchzuführen sind. Hinzukommt, dass Einsamkeit per Definition – ähnlich wie Lebenszufriedenheit – ein subjektiver Zustand ist.

Messung von Einsamkeit und Datengrundlage

Wissenschaftlich definiert wird Einsamkeit als ein Gefühl, welches eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen beschreibt (Peplau/Perlmann, 1982). Eine konkrete Anzahl von sozialen Kontakten oder eine bestimmte Kontakthäufigkeit können nicht genannt werden, da dies individuell unterschiedlich ist. Menschen, die allein leben oder nur wenige Freunde haben, fühlen sich nicht zwangsläufig einsam. Umgekehrt können sich stark sozial eingebundene Personen durchaus einsam fühlen. Objektive Daten, wie die Anzahl der Single-Haushalte oder die Häufigkeit von Umzügen, die in der Debatte häufig herangezogen werden, sind daher nur wenig aussagekräftig.

Besser eigenen sich Befragungsdaten. Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Langzeitbefragung in Deutschland, bei der jährlich ca. 30.000 Personen in 15.000 Haushalten befragt werden. Im Jahr 2013 wurden auch erstmals Fragen zur Einsamkeit gestellt. Die aktuellen Daten aus dem Jahr 2017 sind seit Anfang des Jahres 2019 verfügbar. Die folgenden Ergebnisse basieren auf der Frage, wie häufig die Befragten das Gefühl haben, die Gesellschaft anderer fehle ihnen. Eine genaue Beschreibung der Datengrundlage und Methodik ist im IW Report 22/19 nachzulesen, in dem auch weitere Befunde skizziert sind.

Leichter Rückgang der Einsamkeit

Ein Vergleich der Daten von 2013 und 2017 zeigt, dass der Anteil derjenigen, die angeben, sehr oft oder oft einsam zu sein, kleiner geworden ist. 2013 gaben 10,5 Prozent an, einsam zu sein, vier Jahre später sind es 9,5 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung personenbezogen – also wie sich die jeweiligen Antworten der einzelnen Personen von 2013 auf 2017 verändert haben – zeigt sich: Ein Viertel der Befragten gibt in 2017 einen schlechteren Wert an als 2013, fast ein Drittel gibt einen besseren Wert an. Etwa 44 Prozent geben 2013 und 2017 dieselbe Antwort. Von dieser Gruppe gehörte die überwiegende Mehrheit (61 Prozent) in beiden Jahren zu denjenigen, die nur selten oder nie einsam sind. Das bedeutet, dass die meisten ohne Veränderung eher nicht einsam sind.

Die Abbildung zeigt detailliert, wie hoch die Anteile der einzelnen Personen mit den jeweiligen Antwortkombinationen in 2013 und 2017 waren. Die gelben Kreise zeigen die Anteile derjenigen, für die sich keine Veränderung ergeben hat. Die roten Kreise zeigen diejenigen an, deren Einsamkeit sich von 2013 bis 2017 verstärkt hat und die grünen Kreise diejenigen, deren Einsamkeit sich verringert hat. Es zeigt sich, dass die meisten Personen, die sich verschlechtert haben (9,3 Prozent), von der Kategorie „selten“ in 2013 in die Kategorie „manchmal” in 2017 gewechselt sind. Extreme Verschlechterungen von den Kategorien „selten” und „nie“ auf „sehr oft” und „oft” trafen auf insgesamt nur 2 Prozent der Befragten zu (Summe der vier Kreise in der unteren rechten Ecke).

Häufigste Zunahme der Einsamkeit bei den Jüngeren

Auffällig ist, dass der Anteil der einsamer Gewordenen in der Gruppe der im Jahr 2017 20- bis 29-Jährigen am höchsten ist. Hier geben 29 Prozent einen schlechteren Wert an als 2013. Damit ist die Entwicklung hier stärker als bei den über 60-Jährigen, bei denen 26 Prozent eine Verschlechterung angeben. Für die Zunahme der Einsamkeit in dieser Altersklasse gibt es zahlreiche theoretische Erklärungen: Beispielsweise finden in diesem Alter häufiger einschneidende Veränderungen wie der Auszug aus dem Elternhaus, ein Umzug, oder die Aufnahme einer Ausbildung oder eines Studiums statt. Diese Wechsel machen es notwendig, neue soziale Kontakte aufzubauen.

Vielschichtiges Problem mit zahlreichen Zusammenhängen

Diese Entwicklung zeigt, dass von einer drastischen Zunahme des Problems im betrachteten Zeitraum keine Rede sein kann. Andere Studien bestätigen ebenfalls, dass die am stärksten bedrohte Gruppe – ältere Menschen – nicht einsamer oder sozial isolierter geworden ist (BMFSFJ, 2019). Dennoch ist es notwendig, dieses gesellschaftliche Problem zu beobachten und Maßnahmen zu entwickeln, die vorbeugend gegen Einsamkeit wirken. Weiterführende Auswertungen (IW Report) und vorherige Studien zeigen, dass ein guter Gesundheitszustand, Erwerbstätigkeit sowie die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Freizeitaktivitäten mit geringerer Einsamkeit einhergehen. Maßnahmen, die diese Bereiche stärken, können daher indirekt gegen das Problem wirken. Wichtig ist, dass die Maßnahmengestaltung auch jüngere Altersgruppen im Blick hat, da diese weniger mit Einsamkeit assoziiert werden als Ältere.

Insgesamt erfordern die Individualität des Gefühls sowie die Vielschichtigkeit der einsamkeitsauslösenden Faktoren es, differenzierte Maßnahmen umzusetzen. Beispielsweise sind Personen mit direktem Migrationshintergrund eher von Einsamkeit betroffen. Ihr Risiko sinkt aber deutlich, wenn sie erwerbstätig sind. Viele Maßnahmen sind nur in Kombination oder in bestimmten Lebensabschnitten effektiv. Daher bedarf es für Deutschland weiterer Forschung für ein klareres Verständnis des Phänomens Einsamkeit. Auf politischer Ebene ist es hilfreich, wenn ressortübergreifend enger zusammengearbeitet wird. Denn eine Abteilung, die für eine besonders von Einsamkeit betroffene Risikogruppe zuständig ist, hat nicht unbedingt auch Einfluss auf die diversen Faktoren, die Einsamkeit entgegenwirken.