Stockende Konvergenz

Im ersten Halbjahr 2018 legten Ost- und Westdeutschland mit identischer Schlagzahl zu. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag jeweils um 1,9 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert. Damit setzte sich die in den beiden Vorjahren gezeigte ökonomische Divergenz nicht weiter fort. In den Jahren 2016 und 2017 legte die reale Wirtschaftsleistung im Westen Deutschlands wieder leicht stärker zu als in den ostdeutschen Bundesländern (einschließlich Berlin). Damit öffnete sich auch die Schere zwischen der Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen in West und Ost wieder, nachdem sie sich in den Vorjahren etwas geschlossen hatte. Ungeachtet dieser moderaten Auf- und Abwärtsbewegungen hat sich seit der Jahrtausendwende insgesamt wenig an dieser Produktivitätsdifferenz getan. Die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen ist im Osten mehr oder weniger hartnäckig um rund 14.000 Euro niedriger als im Westen. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob die Zulassungsstockungen von Personenkraftwagen und die damit verbundenen Produktionsrückgänge die westdeutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2018 stärker beeinträchtigt haben als die Unternehmenslandschaft im Osten.

An dem mehr oder weniger stockenden Aufholprozess in Ostdeutschland wird sich voraussichtlich auch im kommenden Jahr wenig ändern. Die Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom Oktober und November 2018 signalisiert für das Jahr 2019 – zumindest bei der Geschäftstätigkeit – eine weiterhin ähnliche wirtschaftliche Schrittfolge in Ost und West. An der aktuellen Umfrage, die das IW bereits seit dem Jahr 1992 in Ostdeutschland und seit 2002 in Westdeutschland durchführt (Grömling, 2018), nahmen 429 Unternehmen im Osten und 1.823 Firmen im Westen teil.

Identische Produktionserwartungen 2019

Das Wachstumstempo hat in Deutschland im Jahresverlauf 2018 deutlich nachgelassen (IW-Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur, 2018). Vor allem im dritten Quartal 2018 gab es einen deutlichen Dämpfer. Der Grund hierfür waren Produktionsrückgänge im Automobilsektor infolge von Zulassungsstockungen. Die Verlangsamung liegt aber auch an der nachlassenden Dynamik der Weltwirtschaft. Der Protektionismus vonseiten der USA, die schwächere Gangart der Schwellenländer, die Ungewissheiten infolge des anstehenden Brexits und der italienischen Regierungsführung belasten die Erwartungshaltung der Unternehmen. Diese gesamtwirtschaftliche Eintrübung spiegelt sich auch in der IW-Konjunkturumfrage vom Herbst 2018 wider. Demnach gehen 38,5 Prozent der insgesamt über 2.250 in Deutschland befragten Unternehmen davon aus, dass ihre Produktion im kommenden Jahr höher ausfallen wird als in diesem Jahr. Dagegen erwarten gut 14 Prozent einen Rückgang. Der Anteil der Optimisten ist im Vergleich zur Frühjahrsumfrage des IW um 13 Prozentpunkte zurückgegangen, der Anteil der Pessimisten um 6 Prozentpunkte gestiegen. Der Saldo aus positiven und negativen Einschätzungen ist zwar nach wie vor deutlich im Plus. Er liegt jedoch erheblich niedriger als im Frühjahr 2018 und auf dem Niveau von früheren Jahren mit schwachem Wachstum.

Der Saldo aus positiven und negativen Produktionserwartungen hat sich sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutschland zurückgebildet. Die Abwärtskorrektur fiel allerdings im Westen erheblich stärker aus. Während dieser Saldo im Osten seit dem Frühjahr 2017 von 37 auf gut 26 Prozentpunkte sank, brach er im Westen von 44,5 auf nur noch gut 24 Prozentpunkte ein. Die Abbildung liefert die zugrunde liegenden Details: Im Herbst 2018 erwarten in Westdeutschland 38 Prozent der Betriebe eine höhere Geschäftstätigkeit im kommenden Jahr, in Ostdeutschland sind es sogar 40 Prozent. Der Anteil der Firmen, die mit einer schwächeren Produktion in 2019 rechnen, steigt in beiden Wirtschaftsräumen auf jeweils rund 14 Prozent an.

Vorwiegend Industriekorrekturen

Die stärksten Korrekturen gab es im ost- und westdeutschen Investitionsgütersektor. Während im Osten der Saldo aus positiven und negativen Produktionserwartungen vom Frühjahr bis Herbst 2018 um 31 Prozentpunkte einbrach, belief sich der Absturz im Westen sogar auf 37 Prozentpunkte. Auch in der westdeutschen Vorleistungs- und Konsumgüterindustrie gab es eine starke Abkühlung der Geschäftserwartungen. Dagegen sind die Einschnitte bei den Dienstleistern relativ moderat. Am wenigsten Korrekturbedarf sah die Bauwirtschaft im Westen. Während es bei den ostdeutschen Baufirmen eine starke Eintrübung gab, waren dort die Abwärtskorrekturen bei den Konsumgüterfirmen und bei den Dienstleistern kaum merklich.