Multiple Belastungsfaktoren

Die Corona-Pandemie hat seit fünf Monaten die Weltwirtschaft fest im Griff. Im Gegensatz zu früheren Rezessionen, die durch einen spezifischen Schock, etwa eine Finanzmarktkrise, ausgelöst wurden, wirkt die Corona-Pandemie als eine Kombination von Angebots- und Nachfrageschocks:

  • Der gesundheitspolitische Lockdown beeinträchtigt die Produktionsprozesse. Mitarbeiter fehlen oder sind nur eingeschränkt einsatzfähig, Vorleistungslieferungen bleiben produktions- und transportbedingt aus und damit stocken zeitlich eng getaktete Produktionsnetzwerke. Während gut funktionierende Vorleistungsverbünde die Produktivität steigern, wird sie durch zulieferbedingte Stockungen in den Produktionsabläufen vermindert.
  • Die Lockdown-Maßnahmen beeinträchtigen auch die Nachfrageseite der Volkswirtschaften. Der Konsum bricht weltweit in bislang ungekannter Weise ein. Beschäftigungs- und Einkommenssorgen verstärken dies. Infolge der hohen regionalen Synchronizität dämpft dies – zusätzlich zu den Vorleistungsstockungen – den Außenhandel.

Standen am Anfang der Corona-Krise noch die in internationalen Produktionsnetzwerken auftretenden Vorleistungsausfälle im Vordergrund – vor allem mit Blick auf China –, so haben sich im Zeitverlauf mehr und mehr die globalen Nachfragerisiken im Urteil der deutschen Unternehmen manifestiert.

In dem folgenden Beitrag wird aufgezeigt, wie sich die Einschätzung der für den Zeitraum 2020 bis 2021 erwarteten angebotsseitigen Restriktionen entwickelt hat. Dazu wurden im Rahmen der regelmäßigen Konjunktur­umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) von Anfang März bis Ende Juni die Auswirkungen der Epidemie auf die Geschäftsabläufe der deutschen Unternehmen ermittelt (Bardt/Grömling, 2020). Dabei wurde nach den Gesamteffekten im Frühjahr/Sommer 2020 und im Zeitraum 2020/2021 gefragt. Die Unternehmen konnten jeweils starke, schwache oder keine Auswirkungen nennen. Zudem wurde die Relevanz von unterschiedlichen Ursachen und Wirkungsmechanismen der Corona-Pandemie beleuchtet. Die Ergebnisse wurden nach Kalenderwochen ausgewertet – ab Mitte Mai in einem Zwei-Wochen-Rhythmus. An den 14 Befragungswellen nahmen jeweils im Durchschnitt rund 500 Firmen teil.

Mittelfristige Gefahren für Lieferketten

Schon früh wurden im Gefolge der Virus-Erkrankungen akute Störungen in den internationalen Lieferketten befürchtet (Grömling, 2020). Die für das Frühjahr 2020 erwarteten angebotsseitigen Restriktionen haben allerdings von Anfang März bis Ende Juni im Urteil der vom IW befragten Firmen deutlich an Bedeutung verloren: Erwarteten Mitte März noch 35 Prozent der Firmen starke Störungen ihrer Geschäftsabläufe durch das Ausbleiben ausländischer Vorleistungen, so halbierte sich dieser Anteil bis Ende Juni auf 17 Prozent. Das Fehlen inländischer Vorleistungen wurde Mitte März von 22 Prozent als starke Beeinträchtigung im Frühjahr/Sommer 2020 bewertet. Ende Juni gaben noch 11 Prozent der Firmen dies als ein akut starkes Problem an.

Im Folgenden liegt der Fokus auf den mittelfristig erwarteten Beeinträchtigungen der Lieferketten. Die Abbildung zeigt, wie die Zuverlässigkeit der Vorleistungslieferungen für den Zeitraum 2020 und 2021 von Anfang März bis Ende Juni bewertet wurde.