„Wenn der Oberbürgermeister seine Rede an die Bürger*innen zum Corona-Virus mit "Glück auf!" beendet, weisse, datte im Ruhrpott bis“, heißt es in einem populären Tweet zur Corona-Krise, der auf das häufig bescheinigte besondere „Wir“-Gefühl im Ruhrgebiet hindeutet. Dass das Corona-Virus auch die Menschen im Ruhrgebiet bewegt, zeigt sich bei der Twitter-Kommunikation mit identifizierbarem Ruhrgebiets-Bezug, die im März 2020 um mehr als 20 Prozent höher ausfiel als im Vorjahresmonat. Viele der Ruhrgebiets-Tweets drehen sich um das Thema Corona.

Auch angesichts der aus der Corona-Krise resultierenden Auswirkungen wird dieses „Wir“-Gefühl nun wieder einmal auf die Probe gestellt. Aufgrund seiner anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten steht das Ruhrgebiet seit jeher im Zentrum vieler Regionalstudien (Hüther et al., 2019; Arndt et al., 2015). Seltener als die gut messbaren gesamtwirtschaftlichen Schwierigkeiten werden aufgrund der eingeschränkten Datenverfügbarkeit die subjektiven Empfindungen der Menschen im Ruhrgebiet analysiert. Die vorliegende Untersuchung adressiert diese Schwachstelle, indem sie auf Regionaldaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zurückgreift.

Eine rein deskriptive Auswertung der im SOEP verfügbaren Sorgen-Fragen deutet darauf hin, dass sich die Menschen im Ruhrgebiet in nahezu allen Kategorien bereits vor der Corona-Pandemie häufiger große Sorgen machen als der Gesamtdurchschnitt der Bundesbürger, aber auch gegenüber dem Durchschnitt der übrigen NRW-Bürger. Besonders ausgeprägt sind die Sorgen beim Thema Kriminalität: Machen sich im Bundesdurchschnitt knapp 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung, sind es im Ruhrgebiet beinahe 47 Prozent (NRW ohne Ruhrgebiet: 37,6 Prozent). Große Besorgnis um die Zuwanderung nach Deutschland zeigen im Ruhrgebiet 35,8 Prozent der Menschen, im übrigen NRW 27,4 Prozent. Auch die Verunsicherung bezüglich des sozialen Zusammenhalts, der eigenen Altersversorgung und der eigenen wirtschaftlichen Situation fallen im Jahr 2018 im Ruhrgebiet höher aus. Von den abgefragten Sorgen zeigen sich einzig bei den Themen Umwelt und Klima kaum Unterschiede zwischen dem Ruhrgebiet und dem übrigen NRW, wobei die Menschen sich in NRW im Jahr 2018 merkbar größere Sorgen um das Klima machten als der Bundesdurchschnitt.

Eine Betrachtung der zeitlichen Entwicklung öffnet nochmals eine weitere Perspektive (Abbildung): Die Besorgnis um die eigene wirtschaftliche Entwicklung, die das Ruhrgebiet bis vor der Finanzkrise noch deutlicher geprägt hatte, fällt im letzten Jahrzehnt nicht mehr systematisch höher aus als im übrigen NRW. Bei den Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung zeigt sich hingegen ein eher persistenter Unterschied. Insbesondere während der letzten Jahre ist dies dadurch bedingt, dass der Rückgang der Sorgen nach einem temporären Höhepunkt im Jahr 2016 im Ruhrgebiet schwächer ausfällt. Ähnliches zeigt sich bei den Sorgen um den sozialen Zusammenhalt, die allerdings erst ab 2015 im SOEP abgefragt werden.

Neben den vielfältigen Sorgen ist für das Identitätsgefühl der Region auch das gegenseitige Vertrauen in Mitmenschen von Bedeutung. Mit Blick auf die eigene Region gibt eine überwältigende Mehrheit von 75,7 Prozent der Befragten bei Korte/Dinter an, „den meisten Menschen im Ruhrgebiet kann man trauen“ (2019, 9). Der SOEP-Frage, ob man den Menschen im Allgemeinen vertrauen könne, stimmen im Ruhrgebiet gleichwohl mit rund 61 Prozent erkennbar weniger Menschen zu als im Bundesdurchschnitt (68 Prozent). Mit Blick auf die zu erwartende Solidarität ist die Einschätzung besonders pessimistisch: Im Ruhrgebiet haben nur 39,5 Prozent der Menschen das Gefühl, dass „die Leute die meiste Zeit versuchen, hilfsbereit zu sein“. Die übrigen 61 Prozent teilen eher die Einschätzung, dass „die Leute die meiste Zeit nur ihre eigenen Interessen verfolgen“. Im übrigen NRW teilt sich die Bevölkerung hälftig auf beide Aussagen auf. Im Bundesdurchschnitt haben immerhin 46,9 Prozent der Menschen das Gefühl, die meisten verhielten sich eher hilfsbereit. Ähnlich groß fällt der Unterschied bei der Einschätzung aus, ob die meisten Menschen einen eher ausnutzen würden, als sich fair zu verhalten, falls sie die Möglichkeit dazu hätten.