Kommentar zur Mietpreisregulierung Image

In ersten Kommentierungen zur Einführung der Mietpreisbremse in Berlin wurde vom Mieterschutzbund beklagt, dass sich scheinbar viele Vermieter nicht an die Mietpreisbremse halten und sich auch nur wenige Mieter bislang beschweren. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, doch wer sich einmal mit dem Wohnungsmarkt von Österreichs Hauptstadt Wien beschäftigt hat, wird kaum überrascht sein. Die Erfahrungen, die dort gemacht wurden, sollten sich auch deutsche Politiker vergegenwärtigen.

In Österreich gibt es Mietpreisregulierungen seit fast 100 Jahren. Nach der Novelle im Jahr 1994 gilt die so genannte Richtwertmiete. Für Wien beträgt die Richtwertmiete 5,39 Euro pro Quadratmeter, es gibt aber Zuschläge für die Lage, Ausstattungen und Alter der Wohnungen, wodurch die Systematik vergleichbar ist mit den Mietspiegeln in Deutschland. Allerdings sind die Zuschläge oftmals ebenso wenig transparent wie die Tabellen in den Mietspiegeln, sodass unter Mietern und privaten Vermietern große Unsicherheiten bestehen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die Richtwertmieten in Wien etwa 20 Prozent unter dem Marktniveau liegen. Noch deutlicher darunter liegen oftmals Mieten, die vor 1994 fixiert worden sind. Dann gilt eine Höchstgrenze von 3,42 EUR pro Quadratmeter, auch für attraktive Altbauten in bester Lage. Wer so günstige Wohnungen bekommt, gibt sie nicht wieder her. Die Folge ist, dass oftmals gerade ältere Singles in sehr großen Wohnungen leben, während Familien häufig sehr beengt wohnen und dafür einen höheren Mietpreis pro Quadratmeter zahlen müssen. Vielfach werden solche sehr günstigen Wohnungen unter Verwandten und Freunden weitergegeben, was mietrechtlich erlaubt ist, sodass es gerade Zugezogene schwer haben, Zugang zu diesen Wohnungen zu finden. Für Vermieter bedeutet dies, dass Instandsetzungen auf das Notwendigste reduziert werden, um keine Verluste verbuchen zu müssen. Schließlich beträgt die Mietrendite aktuell nur 1,1 Prozent. Außerdem ist der Leerstand gestiegen, weil viele Vermieter ihre Wohnungen nicht mehr vermieten und die Wohnung lieber vorhalten für einen eventuellen Eigenbedarf oder die eigenen Kinder. Nicht zuletzt haben viele Vermieter den Markt verlassen und die Wohnungen an Selbstnutzer verkauft, so dass der Mietwohnungsmarkt in Wien immer kleiner wird. Schließlich gibt es eine zunehmende Zahl von Vermietern und Mietern, die sich um die Regulierungen nicht mehr kümmern und einfach die Miete frei aushandeln – letztlich zum Vorteil beider Seiten.

Das Beispiel Wien zeigt, dass eine Festsetzung der Mieten unter dem Marktniveau weitreichende Folgen haben kann. Um dies in Deutschland zu verhindern, müssen die Mietspiegel dringend reformiert werden. Bei derzeitigem Stand wirkt die Mietpreisbremse wie ein Mietstopp, wie eine Untersuchung des IW Köln für Köln und Berlin gezeigt hat. Wichtig ist, dass der Mietspiegel ein realistisches und aktuelles Bild des Mietwohnungsmarktes zeigt und dabei transparent und nachvollziehbar bleibt. Ansonsten ist davon auszugehen, dass so wie in Wien vor allem Rechtsanwälte von der Regulierung profitieren werden.

Ansprechpartner

22. August 2017

Berit Schmiedendorf Alleine leben ist Standard Arrow

Alleine zu leben ist nicht bedauernswert, sondern in weiten teilen Europas ganz normal. In Deutschland werden rund vier von zehn Wohnungen von Singles genutzt. In einer ganzen Reihe von nordeuropäischen Ländern ist der Singlehaushalt mittlerweile der am häufigsten vertretene Haushaltstyp. mehr auf iwd.de

Three Risks for the German Residential Property Market
IW-Report, 21. August 2017

Michael Voigtländer Three Risks for the German Residential Property MarketArrow

With prices in the housing market surging since 2010, concerns about a possible speculative bubble are rising in Germany. In major cities such as Berlin, Hamburg and Munich, prices have gone up by more than 50 percent since 2010. This study shows, which parts of the residential property markets should be regarded with more caution. mehr

28. Juli 2017

Andreas Wodok Bald 2.000 Euro Miete?Arrow

Wohnen wird in Deutschland immer teurer, vor allem in den Städten. Wie es dazu kommen konnte, weiß Michael Voigtländer, der im Institut der deutschen Wirtschaft Köln seit mehr als zehn Jahren den Immobilienmarkt erforscht. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Luxusgut Wohnen“ macht er verständlich, wie der Wohnungsmarkt tickt, was gegen Wohnungsnot hilft – und welche Wege der Wohnungspolitik ganz sicher in die Irre führen. mehr auf iwd.de