Die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) werden teilweise mit der sogenannten Modernisierungsverliererhypothese erklärt – Menschen, die durch den mit der Globalisierung einhergehenden Strukturwandel wirtschaftlich abgehängt werden, würden in besonderem Maße zur AfD tendieren. Aus Untersuchungen auf Basis von Mikrodatensätzen ist jedoch bekannt, dass die Einkommen der AfD-Anhänger über dem Medianeinkommen liegen und die Partei zwar überdurchschnittlich viele arbeitslose Sympathisanten aufweist, diese aber nicht ausreichen, die Wahlergebnisse zu erklären (Niedermayer und Hofrichter, 2016; vgl. zudem Lengfeld 2017). Vielmehr stimmen diejenigen für die Partei, die besonders pessimistisch in die Zukunft schauen und den Eindruck haben, ihre Situation nicht positiv beeinflussen zu können (Bergmann/Diermeier/Niehues, 2017 a).

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Traditionell kommt der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen besondere Bedeutung zu, insbesondere wenn sie im Vorfeld einer Bundestagswahl terminiert ist. Ob des anhaltenden Strukturwandels in NRW, der mancherorts daraus resultierenden sozialen Probleme und der starken Zuwanderung wurde im Vorfeld des Urnengangs vom 13. Mai 2017 zeitweilig angenommen, die AfD könne dort besonders gut abschneiden. Die Partei lag in Umfragen streckenweise im zweistelligen Prozentbereich, wobei der ihre Anhänger stark umtreibende Themenkomplex „Migration/Flüchtlinge/Asylpolitik“ mit 42 Prozent als das wichtigste politische Problem benannt wurde (infratest dimap: Nordrhein-WestfalenTREND, dokumentiert in: Neu, 2017). Umso mehr blieb das Ergebnis mit 7,4 Prozent unter den Erwartungen.

Eine Regressionsanalyse der 53 Landkreise und kreisfreien Städten in NRW ergibt, dass bei dieser Wahl der Effekt der Arbeitslosenquote dominierte. Eine um einen Prozentpunkt höhere Arbeitslosenquote innerhalb eines Kreises geht – unter sonst gleichen Bedingungen – mit einem um 0,63 Prozentpunkte besserem Abschneiden der AfD einher. Der Effekt ist statistisch hoch signifikant. Für Variablen wie die Bevölkerungsdichte, das durchschnittliche Einkommen, das Preis- und Bildungsniveau sowie den Ausländeranteil, die sich in anderen Bundesländern als wichtige Determinanten des AfD-Wahlerfolges herausgestellt hatten (Bergmann/Diermeier/Niehues, 2017 a), kann hingegen kein statistisch signifikanter Effekt nachgewiesen werden. Besonders an NRW ist, dass in keinem anderen Bundesland die Arbeitslosenquote zwischen den Kreisen derart stark differiert. Während sie im Landkreis Coesfeld bei nur 3 Prozent liegt, sind es in Gelsenkirchen 14,7 Prozent. Entsprechend der Regressionsanalyse konnte die AfD dort mit 14,6 Prozent ihr bestes Ergebnis erzielen, während sie in Coesfeld lediglich bei 4,5 Prozent landete – nur in Münster fiel die Zustimmung zur AfD noch niedriger aus.

Diese Befunde ließen sich bei oberflächlicher Betrachtung zugunsten der Modernisierungsverliererthese interpretieren, zumal sich überdurchschnittlich viele Arbeitslose an der Wahlurne für die AfD entschieden. Allerdings ist diese Gruppe zu klein, um das Abschneiden der Partei zu erklären – obwohl sich gemäß der Wahltagsbefragung von infratest dimap immerhin 12 Prozent der arbeitslosen Wähler für die AfD entschieden. Sie fallen aber nicht besonders stark ins Gewicht: Im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland leben 0,55 Mio. Arbeitslose – selbst wenn sie alle wahlberechtigt sein sollten und zudem für die AfD gestimmt hätten, wäre die Partei damit lediglich auf 6,4 Prozent gekommen. Überträgt man diese Überlegung auf die größten Bevölkerungsgruppen in NRW – Angestellte (4,9 Mio.), Rentner (2 Mio.) und Arbeiter (1,8 Mio.) – und unterstellt, dass die Wahlbeteiligung in allen Gruppen den tatsächlichen 65,2 Prozent entspräche, machte die Gruppe der Arbeitslosen nur knapp 7 Prozent der AfD-Wähler aus (siehe Abbildung).

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Dieser Anteil schrumpfte noch, berücksichtigte man, dass sozial Schwache normalerweise unterdurchschnittlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Tatsächlich zeigte sich auch bei der NRW-Landtagswahl, dass je wirtschaftlich schwächer und sozial prekärer die Milieustruktur in einem Stimmbezirk ist, desto geringer war die Wahlbeteiligung (Vehrkamp und Tillmann, 2017). Gegen die Modernisierungsverliererhypothese spricht zudem, dass die AfD am 13. Mai am besten unter denjenigen Wählern mit mittlerem Bildungsniveau abgeschnitten hat. So haben etwa 9 Prozent der Wähler mit mittlerem Schulabschluss für die AfD gestimmt; die AfD-Wahlneigung von Wählern mit mindestens Hochschulreife lag bei 6 Prozent und somit nur geringfügig über den 7 Prozent der Wähler mit niedriger Bildung (infratest dimap, dokumentiert in: Neu, 2017).

AfD-Sympathisanten unterscheiden sich weniger durch ihre sozio-demographischen Merkmale von den Anhängern anderer Parteien, sondern vielmehr durch ihre extremen Ansichten (Bergmann, Diermeier, Niehues, 2017 b). Das galt in NRW vor allem hinsichtlich der Priorisierung politischer Aufgaben. Während die den etablierten Parteien Zuneigenden mit großen Abstand die Bildungspolitik als das drängendste Thema angaben, priorisierten die AfD-Sympathisanten die Themen Flüchtlingspolitik und Innere Sicherheit. Ihre Unzufriedenheit und die Vehemenz, mit der sie einen Regierungswechsel fordern, hebt sie von allen anderen Wählergruppen ab (Neu, 2017).

Hinsichtlich der Modernisierungsverliererhypothese ist die Frage nach der wirtschaftlichen Zufriedenheit bedeutsam, wobei wiederum die absolute Größe der Gruppe berücksichtigt werden muss. Zwar fand die AfD überproportional viel Zuspruch bei denjenigen, die angeben, unzufrieden mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage zu sein; mit 14 Prozent weisen sie eine mehr als doppelt so hohe Wahlneigung zur AfD auf als die wirtschaftlich zufriedenen Wähler (6 Prozent). Allerdings zeigen Auswertungen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels, dass sich in den letzten Jahren weniger als ein Fünftel der NRW-Bürger große Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation machten. Andere Befragungen deuten sogar auf einen noch geringeren Anteil wirtschaftlich Unzufriedener. Trotz der überdurchschnittlichen Wahlneigung zur AfD dürften die wirtschaftlich unzufriedenen Wähler somit nur den weitaus geringeren Anteil des AfD-Elektorats ausmachen.

Kurz gefasst: Das Wahlergebnis der AfD in NRW wird regional von der Arbeitslosenquote determiniert, aber es sind nicht die Arbeitslosen selbst, die für das Resultat gesorgt haben, sondern eine sozio-demographisch heterogene Gruppe, die nicht als rein prekär charakterisiert werden kann. Ein weiteres Mal kann die These der Modernisierungsverlierer das Wahlergebnis keineswegs vollständig erklären.