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Gemeinsame Auslöser von Verschuldung und Armut sind oft einschneidende Ereignisse wie Trennung oder eine längere Arbeitslosigkeit. Eine Anti-Armutspolitik, die die regionalen Wirtschaftsstrukturen stärkt, aber auch den Abbau von Arbeitslosigkeit, bessere Bildungsangebote und einen Ausbau der Kinderbetreuung in den Blick nimmt, dürfte daher auch die Schuldenproblematik verringern.

Im Jahr 2016 nahm die Anzahl der verschuldeten Personen und Haushalte in Deutschland trotz der günstigen Wirtschaftsentwicklung leicht zu; die Überschuldungsquote bezogen auf die volljährige Bevölkerung überschritt nach Berechnungen von Creditreform mit 10,06 Prozent – nach 9,92 Prozent im Jahr 2015 – erstmals seit 2008 knapp die 10-Prozent-Marke. Positiver fällt die Bewertung der Wirtschaftsauskunftei SCHUFA aus, der fast 800 Millionen Informationen zu über 66 Millionen Privatpersonen vorliegen. Das SCHUFA-Risikomodell zeigt im Gegensatz zu Creditreform zwischen 2013 und 2015 eine Konstanz des Anteils kritisch verschuldeter Personen.

Wegen der höheren Aktualität wird hier auf die Creditreform-Daten zurückgegriffen, um den Zusammenhang zwischen regionaler Armut und Verschuldung zu analysieren. Dabei führt das IW Köln zur Analyse der regionalen Armut in Deutschland eine Preisbereinigung der verfügbaren Einkommen durch, um die regionale Kaufkraft realistisch abzubilden (Röhl und Schröder, 2017). Nachfolgend wird untersucht, inwieweit regionale Muster der Überschuldung und Armut deckungsgleich sind. Dann könnten wirksame Maßnahmen zur Armutsbekämpfung über eine Stärkung regionaler Strukturen auch die Verschuldungsfälle reduzieren.

Insgesamt wiesen laut Creditreform 6,85 Millionen über 18-Jährige in 3,37 Millionen Haushalten Überschuldungsmerkmale auf. Zu diesen zählen „weiche Negativmerkmale“ wie verspätete Zahlungen und offene Mahnungen und „harte Negativmerkmale“, die juristische Sachverhalte wie Haftanordnungen und Privatinsolvenzen umfassen. Letztere betreffen sechs von zehn Überschuldeten. Männer weisen mit 12,7 Prozent eine höhere Überschuldung auf als Frauen (7,6 Prozent). Besonders hoch ist die Überschuldungsquote mit 14,5 Prozent bei den unter 30-jährigen, während Senioren nur sehr selten verschuldet sind: Ein wichtiger Befund, denn im Rentenalter greifen chancenorientierte Aktivierungsmaßnahmen nicht mehr.

Diverse Gründe können Überschuldung herbeiführen. Hierzu zählen die bewusste Nichtzahlung wegen (anfänglich) geringer Sanktionen, ein Leben über den eigenen Verhältnissen aufgrund unzureichender Finanzbildung und fehlende Mittel aufgrund von Einkommensausfällen. Mangelnde Ressourcen aufgrund von Niedrigeinkommen oder Arbeitslosigkeit stellt Creditreform (2016, S. 34) als besonders relevant heraus, solche Mangelsituationen können bei einem unerwarteten Ereignis oder schleichend zur Überschuldung führen (Loibl, 2016, S. 45).

Diese Sichtweise wird durch den Vergleich der räumlichen Muster der Überschuldung in Deutschland mit jenen der Einkommens- und Kaufkraftarmut gestützt (vgl. Röhl/Schröder, 2017). Die räumliche Verteilung der Armutsgefährdung in Deutschland zeigt ausgeprägte regionale Muster. Kriterium ist der Anteil der Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens erzielen. Betrachtet wird dabei das haushaltsbezogene Individualeinkommen oder „Äquivalenzeinkommen“, das heißt ein Zweipersonenhaushalt benötigt weniger als das doppelte Einkommen als ein Einpersonenhaushalt, um die Armutsschwelle zu überwinden.

Stark von Einkommensarmut betroffen sind die östlichen Bundesländer, aber auch westdeutsche Stadtregionen mit Strukturproblemen (Röhl/Schröder, 2016). Bereinigt man die regionalen Einkommen um die jeweilige Kaufkraft, so verschieben sich die räumlichen Muster erheblich: die Armutsinzidenz in Ostdeutschland sinkt von 19,1 auf 16,8 Prozent, während Städte aufgrund ihrer höheren Preisniveaus eine größere Betroffenheit zeigen.

Im Süden Deutschlands, vor allem in Bayern, ist die Überschuldungsbetroffenheit ebenso wie die Armutsbetroffenheit sehr gering. Besonders hoch ist die Überschuldungsquote dagegen in Nordrhein-Westfalen. Das Ruhrgebiet hat den Strukturwandel bis heute nicht gemeistert (Röhl/Schröder, 2017, 63), es bleibt „ein ‚Hotspot‘ sozialer Problemlagen“ (Creditreform, 19); Einkommensarmut aufgrund von (Langzeit-)arbeitslosigkeit ist stark ausgeprägt. Mit Gelsenkirchen (17,7 Prozent), Herne (17,6 Prozent), Duisburg (16,6 Prozent) und Hagen (16,1 Prozent) gibt es vier Ruhrgebietsstädte mit sehr hoher Überschuldungsquote, die auch eine hohe Armutsbetroffenheit aufweisen. Auf dem letzten Rang befindet sich mit 20,8 Prozent allerdings Bremerhaven – die Stadt mit der höchsten Kaufkraftarmut Deutschlands.

Im Osten gibt es leichte Abweichungen zwischen den am stärksten betroffenen Regionen: Während die Überschuldungsquote in Sachsen-Anhalt mit 12,7 Prozent am höchsten ist, ist die Kaufkraftarmut im östlichen Mecklenburg-Vorpommern am stärksten ausgeprägt. Bei der Einkommensarmut ist allerdings auch Sachsen-Anhalt stark betroffen.

Auch bei den Regionen mit geringer Armuts- und Überschuldungsinzidenz ist die Übereinstimmung hoch, denn die zehn süddeutschen Landkreise mit einer besonders niedrigen Schuldnerquote von unter 6 Prozent – angeführt von den Kreisen Eichstädt (3,8 Prozent), Erlangen-Höchstadt (4,9 Prozent) und Schweinfurt (5,1 Prozent) – zählen ebenfalls zu den Regionen mit der niedrigsten Kaufkraftarmutsquote. Insgesamt ergibt sich ein hoher Korrelationskoeffizient zwischen Schuldnerquote und Einkommensarmut: 0,605 bei der Einkommensarmut ohne Preisbereinigung und ein leicht höherer Wert von 0,618 bei der Kaufkraftarmut.

Vergleicht man die regionalen Muster und die hohe Korrelation zwischen den Armutsindikatoren und der Verschuldung, so spricht vieles dafür, dass eine wirksamere Anti-Armutspolitik auch zu einer Senkung der Schuldnerquote beitragen könnte. Kern einer solchen Politik sollte eine chancensteigernde Hilfe zur Selbsthilfe sein: Wird beispielsweise Alleinerziehenden die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf durch eine qualifizierte Ganztagsbetreuung erleichtert, erhöht dies die Möglichkeiten zur Arbeitsmarktpartizipation und mindert zugleich deutlich die Gefahr finanzieller Engpässe.

Bildungsdefizite sind ein weiterer häufiger Grund für Arbeitslosigkeit und Niedrigeinkommen. Arbeitsmarktorientierte (Weiter-)Bildungsangebote sind deshalb ein wirksames Instrument zur Armutsbekämpfung, aber auch zur Reduktion von Verschuldungsrisiken. Auch eine Regionalpolitik, die stärker auf städtische Problemlagen eingeht und durch die Förderung von Gründungen und kleinen und mittleren Unternehmen neue Einkommensperspektiven eröffnet, könnte neue wirtschaftliche Potenziale zur Entfaltung bringen und so die Armutsgefährdung reduzieren und Überschuldungen vermeiden helfen.

IW-Kurzbericht

Klaus-Heiner Röhl / Christoph Schröder: Regionale Verschuldungssituation und Armutsgefährdung

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