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Im Rahmen des ESS werden seit 2002 alle zwei Jahre länderübergreifend Personen zu ihren Ansichten hinsichtlich religiöser, politischer oder moralischer Fragestellungen interviewt. Ziel der Befragung ist es, Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur, in den Lebensumständen und Einstellungen der Bürger in Europa abzubilden und darüber hinaus aufzuzeigen, wie dieser gesellschaftliche Wandel zustande kommt. An der nunmehr sechsten Befragungswelle des Jahres 2012 haben knapp 55.000 Personen aus rund 30 Ländern teilgenommen.

Unter anderem beschäftigt sich das ESS auch mit der Frage nach der Gewerkschaftszugehörigkeit. Die Fragestellung lautet dabei: „Sind Sie gegenwärtig oder waren Sie früher Mitglied einer Gewerkschaft oder einer ähnlichen Organisation? WENN JA, sind Sie gegenwärtig oder waren Sie früher Mitglied?“. Um die effektive Verankerung der Gewerkschaften in der Arbeitnehmerschaft zu ermitteln, wurde die Personenauswahl auf abhängig Beschäftigte zwischen 15 bis 64 Jahre beschränkt. Hierdurch wird sichergestellt, dass sich der berechnete Organisationsgrad auf aktive Gewerkschaftsmitglieder bezieht, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Die Frage nach der Stellung im Beruf lautet im ESS: „Sind/Waren Sie in Ihrem Hauptberuf oder Ihrer bezahlten Tätigkeit … abhängig beschäftigt, selbstständig, mithelfender Familienangehöriger?“. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass im Organisationsgrad zu einem kleinen Teil auch Personen enthalten sind, die gegenwärtig keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen.

Ein Vergleich der Befragungswellen 2002 und 2012 zeigt (Grafik): Die Neigung, sich gewerkschaftlich zu organisieren, nimmt in vielen Ländern ab. Besonders hoch fällt der Verlust in den osteuropäischen Ländern sowie in Irland, Griechenland und Dänemark aus. Auch in Deutschland ist der Trend rückläufig. Während 2002 noch 19 Prozent der abhängig Beschäftigen einen Gewerkschaftsausweis vorweisen konnten, waren es 2012 nur 14,5 Prozent. Positiv entwickelte sich der Organisationsgrad in Norwegen, Belgien, Finnland und Spanien.

Mit seiner Organisationsneigung bewegt sich Deutschland international betrachtet im unteren Mittelfeld. Faktisch keine Rolle mehr spielen Gewerkschaften in Ungarn und Portugal. Hier bewegte sich der Organisationgrad zuletzt zwischen 5,8 und 5,9 Prozent. Im Norden Europas dagegen haben Gewerkschaften einen wesentlich höheren Stellenwert. So erreichte Dänemark 2012 einen Organisationsgrad von knapp 72 Prozent (2002: 78,5 Prozent), Finnland und Schweden kamen immerhin noch auf Werte von 66 Prozent (2002: 64,7 Prozent) beziehungsweise 61,3 Prozent (2002: 70,3 Prozent). Hier wird die Organisationsneigung nach wie vor dadurch positiv beeinflusst, dass die Gewerkschaften die Arbeitslosenversicherung organisieren (Gent-Länder).

Andere Datenquellen ergeben für Deutschland abweichende Angaben. Aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage (ALLBUS) ergibt sich für 2012 ein Organisationsgrad von 19,3 Prozent und auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2011 ein Wert von 16,9 Prozent. Die Abweichungen beruhen darauf, dass unterschiedliche Personen befragt werden und der Stichprobenumfang beträchtlich streut. Im SOEP waren es knapp 9.300 Personen, im ESS fast 1.900 und im ALLBUS rund 1.500.

Saskia Dieke und Alexander Mayer

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