In 24 der 25 untersuchten EU-Staaten werden die Interessen der Beschäftigten in Tarifverhandlungen durch mehrere Gewerkschaften vertreten. Besonders ausgeprägt ist der Gewerkschaftspluralismus in Italien und Dänemark mit 19 und 18 unterschiedlichen Arbeitnehmerorganisationen. Lediglich in der Slowakei besteht ein „Gewerkschaftsmonopol“. In der Regel überschneidet sich die Klientel, aus der die einzelnen Gewerkschaften in einem Land Mitglieder werben. Daher besteht in den meisten Mitgliedsstaaten ein intensiver Wettbewerb zwischen den verschiedenen Arbeitnehmerorganisationen.

Verglichen mit anderen Dienstleistungsbranchen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad unter den Beschäftigten im Krankenhaussektor auch relativ hoch. Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass neben einem privaten Krankenhausbereich in den meisten Ländern auch ein öffentliches Krankenhauswesen existiert. In acht Ländern reklamieren die Gewerkschaften, dass sie mindestens die Hälfte der potenziell organisierbaren Beschäftigten als Mitglieder gewonnen haben. Dazu gehört auch Deutschland, wo der Marburger Bund nach Eigenangaben die Interessen von 77 Prozent der Ärzte an den Krankenhäusern vertritt. Manche Arbeitnehmerorganisationen haben jedoch nur wenige Hundert oder sogar weniger als einhundert Mitglieder unter den Krankenhausbelegschaften geworben. Da sie jedoch auch die Beschäftigten anderer Wirtschaftszweige oder Berufsgruppen organisieren, sind die Gesamtzahl der Mitglieder und der Organisationsgrad bezogen auf alle infrage kommenden Arbeitnehmergruppen häufig deutlich höher als in der Tabelle ausgewiesen.

In 18 der 25 untersuchten EU-Staaten werden Tarifverträge vorwiegend oder ausschließlich auf Branchenebene ausgehandelt. Zudem wird in neun Ländern durch eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung dafür gesorgt, dass die Tarifregelungen auch für Krankenhausbetreiber gelten, die nicht tarifgebunden sind. Der Deckungsgrad von Tarifverträgen liegt daher in 18 Ländern über 70 Prozent. In Westdeutschland unterliegen die Arbeitsverhältnisse von mehr als der Hälfte aller Beschäftigten an den Krankenhäusern einem Tarifvertrag, in Ostdeutschland sind es etwas weniger. Einzig in Ungarn und Portugal spielen Tarifverträge für die Bestimmung von Löhnen, Arbeitzeiten und sonstigen Arbeitsbedingungen faktisch keine Rolle.

www.eurofound.europa.eu/eiro/studies/tn0802017s/index.htm

Dr. Oliver Stettes