In der Handelsbilanz mit den USA verbucht die Europäische Union (EU) laut Daten für das Jahr 2015 einen Überschuss von etwa 154 Milliarden Euro. Zwar übersteigen die Warenexporte in die USA die Waren­importe aus den USA bei fast allen EU-Mitgliedstaaten (Abbildung). Doch Deutschland weist mit 54 Milliarden Euro den höchsten Handelsbilanzüberschuss im transatlantischen Handel aus, sodass US-Präsident Trump besonders den deutschen Exportunternehmen mit protektionistischen Maßnahmen wie Zöllen droht. Doch auch andere EU-Mitgliedstaaten wären davon stark betroffen. So übersteigen die Warenexporte Irlands in die USA die Warenimporte aus den USA um 24 Milliarden Euro. In Italien und dem Vereinigten Königreich ist der Überschuss mit entsprechend 22 Milliarden Euro und 19 Milliarden Euro ebenfalls beachtlich. Vor allem Irland sticht mit seinem hohen Handelsbilanzüberschuss heraus, da er fast halb so hoch ist wie der Überschuss Deutschlands, während die irische Wirtschaft gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) fast zwölfmal kleiner ist als die deutsche Wirtschaft.

Wird der Exportüberschuss im Warenhandel mit den USA um die Größe der EU-Mitgliedstaaten bereinigt, belegt Deutschland bei weitem nicht mehr den ersten Platz. Der deutsche Handelsbilanzüberschuss liegt mit 1,8 Prozent des BIP in etwa auf dem Niveau von Schweden, Österreich und Litauen. In Irland beträgt der Überschuss im Warenhandel mit den USA mehr als 9,5 Prozent des BIP, in Dänemark ist er mit 2,6 Prozent ebenfalls wesentlich höher als in Deutschland. Diese Länder würden von neuen protektionistischen Maßnahmen relativ betrachtet mindestens so hart getroffen werden wie Deutschland, denn die Abhängigkeit der Wirtschaft von dem Exportüberschuss mit den USA ist dort ebenfalls sehr stark.

Doch genauso hart wie die Handelspartner dürften auch die US-Wirtschaft und die Verbraucher in Übersee neu eingeführte protektionistische Maßnahmen zu spüren bekommen. Die Produktionskosten würden erheblich steigen, zumal 81 Prozent der deutschen Warenexporte in die USA auf Investitionsgüter und Vorleistungen entfallen. Diese durch günstigere inländische Lieferanten zu ersetzen, ist kurzfristig kaum möglich, weil es sich oft um hochspezialisierte Produkte handelt, deren Herstellung ohne das entsprechende Know-how und den damit verbundenen Forschungsaufwand kaum möglich wäre. Somit werden die Endverbraucher und die Industrie in den USA die Mehrkosten höherer Handelsbarrieren zu tragen haben.

Die oben genannten Zahlen zeigen, wie verzerrt die Debatte um den Handelsbilanzüberschuss Deutschlands ist. Dass der deutsche Überschuss im Warenhandel mit den USA so auffällig hoch ist, liegt unter anderem daran, dass Deutschland die größte Volkswirtschaft in der EU ist. Wird die BIP-Größe berücksichtigt, ist Deutschland bei weitem nicht der Vorreiter beim Handelsbilanzüberschuss mit den USA unter den EU-Mitgliedstaaten. Zwar wird die Debatte um die Exportstärke Deutschlands nicht nur auf Basis von Handelsbilanzdaten geführt. Vielmehr wird die Leistungsbilanz herangezogen, die neben dem Warenhandel auch den Dienstleistungshandel sowie die Salden der Primär- und Sekundäreinkommen umfasst. Im Dienstleistungshandel mit den USA verbuchte Deutschland 2015 einen vergleichsweise geringen Überschuss von etwa 1,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das Vereinigte Königreich wies 2015 einen Überschuss im Dienstleistungsbilanzsaldo mit den USA von über 32 Milliarden Euro aus. Auch die Bilanz der Primäreinkommen ist mit 6,1 Milliarden Euro im Plus, sodass der Leistungsbilanzüberschuss etwas höher ausfällt als der Handelsbilanzüberschuss. Doch protektionistische Maßnahmen wie Zölle und Importbeschränkungen würden hauptsächlich den Warenhandel betreffen und den Dienstleistungshandel und die Einkommenstransfers unberührt lassen.