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Und nicht nur energieintensive Branchen sind betroffen, auch für viele andere Industrieunternehmen stecken Gefahren in der Energiewende.

Ein erstes Anzeichen für die schwierige Situation und das fehlende Vertrauen in die Qualität des Standorts Deutschland ist in den schwachen Nettoinvestitionen der energieintensiven Unternehmen zu sehen. Während bei der sonstigen Industrie die Nettoinvestitionen zwischen +11 und –14 Prozent der Bruttoinvestitionen ausmachten, war dieser Anteil in den energieintensiven Branchen in den Jahren seit 2000 fast durchgängig stark negativ. In diesen Branchen überstiegen die Abschreibungen fast immer die Gesamtinvestitionen. In der Spitze lagen die Nettoinvestitionen im Jahr 2005 bei –27,9 Prozent der Bruttoinvestitionen. Selbst im Boomjahr 2008 lag dieser Quotient gerade mal bei +5,5 Prozent. Über die Jahre ist es kaum zu einem Ersatz der Abschreibungen durch neue Investitionen gekommen. Es findet ein schleichender Desinvestitionsprozess statt, der bei verstärkten Energiekostenbelastungen noch kritischer zu werden droht.

Neben den direkten Wirkungen der Energiewende auf die Unternehmen sind auch indirekte Wirkungen zu erwarten, und zwar über bestehende Wertschöpfungsketten und Netzwerke. Die deutsche Wirtschaft zeichnet sich durch eine breite Industriestruktur und intensive Lieferbeziehungen aus, die einen hohen Grad von Arbeitsteilung ermöglichen. Dies bringt Vorteile durch die Konzentration auf Kernkompetenzen und die Erzielung von Spezialisierungsvorteilen. Sollten wichtige Lieferanten in den Lieferketten wegfallen und Wertschöpfungsketten reißen, sind negative Folgewirkungen für eine Vielzahl verbundener Unternehmen wahrscheinlich.

Mehr als 80 Prozent der Unternehmen geben an, energieintensive Lieferanten zu haben. Die Lieferbeziehungen können demnach als sehr eng betrachtet werden. Auch die Netzwerkverbindungen sind ausgeprägt. Gut 40 Prozent der Unternehmen arbeiten in Netzwerken mit energieintensiven Unternehmen zusammen, die demzufolge nicht nur über Lieferbeziehungen, sondern auch über Netzwerke direkten Einfluss auf das Verarbeitende Gewerbe insgesamt haben.

Ein Abwandern energieintensiver Unternehmen hätte auch negative Auswirkungen auf die anderen Industrieunternehmen. Mehr als ein Drittel der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes befürchtet in solch einem Fall negative Auswirkungen auf den Geschäftserfolg. Knapp 13 Prozent sehen die Fortführung heimischer Netzwerke der Forschung und Entwicklung (FuE) in Gefahr, da energieintensive Unternehmen spezifische Kernfunktionen in den Netzwerken übernehmen. Dies gilt vor allem für die Metallindustrie. Hier erwarten fast 60 Prozent der Unternehmen ein Risiko für den Geschäftserfolg, für gut 35 Prozent wären FuE-Netzwerke gefährdet.

Energieintensive Unternehmen sind für viele andere Unternehmen wichtig, um ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhalten zu können. 70 Prozent der Industrieunternehmen sehen energieintensive Vorlieferer als bedeutsam für die eigene Innovationskraft an. Bei einem Verlust dieser Innovationsleistungen droht ein Sinken der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Besonders betroffen wären die überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmen. Für fast drei Viertel dieser Unternehmen ist die Innovationskraft energieintensiver Unternehmen wichtig.

Hubertus Bardt / Hanno Kempermann
Folgen der Energiewende für die deutsche Industrie
IW-Positionen Nr. 58, Köln 2013, 42 Seiten, 11,80 Euro
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