Seit 20 Jahren hilft die Bonusregelung den Wettbewerbsbehörden, Kartelle zu zerschlagen und damit den Wettbewerb sowie die Verbraucher zu schützen. Die Funktionsweise des Bonusprogramms ähnelt dabei sehr stark einer Kronzeugenregelung, weshalb dieser Name sehr oft als Synonym verwendet wird. Aus ökonomischer Sicht handelt es sich bei der Bonusregelung um die wohl prominenteste Anwendung des Gefangenendilemmas im deutschen Recht.

Das Gefangenendilemma in der Spieltheorie kommt durch eine wirkungsvolle Kronzeugenregelung zustande. In der Absicht diese in Anspruch zu nehmen und straffrei zu bleiben, werden sich in einer hypothetischen Situation zwei Verdächtige gegenseitig bei der Polizei beschuldigen und den anderen als Haupttäter darstellen. Dadurch kann den Gefangenen unter Umständen mehr nachgewiesen werden und die Strafe fällt für beide höher aus, als wenn sie geschwiegen hätten. Individuell rationales Verhalten – der Wunsch einer gerechtfertigten Strafe zu entgehen und dem anderen die Tat anzulasten – führt am Ende zu einer höheren Strafe für beide Gefangene.

Aus Sicht der Gesellschaft ist es zu begrüßen, dass die Kronzeugenregelung zur Überführung von Tätern beiträgt. Deshalb ist auch der Einsatz bei der Bekämpfung von Kartellen oder ähnlichen Absprachen und Verhaltensweisen aus Sicht der Konsumenten sinnvoll. In der Tat ähnelt die in Deutschland angewendete Bonusregelung dem theoretischen Vorbild sehr stark. Denn auch beim Bundeskartellamt kann die Strafe erlassen werden, wenn ein am Kartell beteiligtes Unternehmen dieses als erstes meldet und dazu beiträgt, den Wettbewerb wiederherzustellen.

Allerdings gilt beim Bundeskartellamt das sogenannte „Windhundprinzip“ (Bundeskartellamt, 2016, 19). Das heißt, nur das Unternehmen, das ein Kartell zuerst meldet, kann mit dem Erlass der vollen Strafe rechnen. Jedem weiteren Antragssteller können nur maximal 50 Prozent der Strafe erlassen werden. Eine Einschränkung gibt es: Als alleinige Triebkraft eines Kartells kann ein Unternehmen die Bonusregelung nicht in Anspruch nehmen. Letzteres wird jedoch laut Referentenentwurf zur 10. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) aufgrund einer Vorgabe der Europäischen Union gestrichen werden müssen (Bundeskartellamt, 2020, 16).

Insbesondere das Windhundprinzip sollte theoretisch der Wirkung der Bonusregelung nicht entgegenstehen. Dass sich die Bonusregelung aus Sicht der Kartellbehörden als effektiv erwiesen hat, zeigen die Daten zu den Fällen in Deutschland deutlich (Abbildung). Im ersten Jahr nach der Einführung (2001) wurden lediglich zehn Bonusanträge gestellt, welche lediglich zwei Kartellfälle betrafen. Gemessen an allen Kartellverfahren in Deutschland (nach §1 und 2 GWB sowie entsprechenden EU-Regelungen) entsprachen diese zwei Fälle lediglich rund drei Prozent. Bis 2005 stieg dieser Anteil bis auf 13 Prozent. Allerdings wurde in diesem Jahr mit 69 Bonusanträgen eine außergewöhnlich hohe Anzahl verzeichnet. Diese Anträge betrafen jedoch „nur“ 13 Fälle. Im Jahr 2006 wurde die Bonusregelung formalisiert und präzisiert, um die Rechtssicherheit für die Antragssteller zu erhöhen (Bundeskartellamt, 2016, 20). Vermutlich aufgrund der Reform gingen 2006 lediglich sieben Anträge in sechs Verfahren ein. Danach ist die Beliebtheit der Bonusregelung bis 2015 nahezu kontinuierlich gestiegen. In diesem Jahr wurde mit 76 die höchste Anzahl an Anträgen verzeichnet. Bezüglich der Verfahren mit Bonusanträgen wurden mit jeweils 41 in den Jahren 2013 und 2014 die höchsten Werte erreicht.