Ausstieg aus der Kernenergie Image

Diese Entscheidung hat erhebliche wirtschaftliche Folgen. Schon im März wurden die sieben ältesten Kraftwerke und das Kernkraftwerk Krümmel zunächst vorläufig, inzwischen dauerhaft, stillgelegt. Damit mussten kurzfristig rund 5 Prozent des Stroms auf andere Weise erzeugt werden. Der gesamte Kernenergieausstieg verlangt sogar den Ersatz von 22 Prozent der Stromerzeugung.

Kurzfristig gibt es nur wenige Möglichkeiten, den ungeplant schnellen Wegfall von Kernkraftwerken zu ersetzen:

  • Bestehende fossile Kraftwerke: Vorhandene fossile Kraftwerke können besser ausgelastet und stillgelegte Kraftwerke reaktiviert werden. Dies bedeutet, dass Kernenergiestrom direkt durch Strom aus Gas oder Kohle ersetzt wird.
  • Importe: Über die europäischen Netzverbindungen können zusätzliche Strommengen nach Deutschland eingeführt werden. Dies bedeutet, dass Deutschland zum Nettoimporteur von Strom wird.

Der beschleunigte Atomausstieg ist mit erheblichen Kosten verbunden. Die Ursache sind unterschiedliche Stromerzeugungskosten der verschiedenen Energieträger. Strom aus Kohle und Gas zu erzeugen ist teurer als die Produktion in bestehenden Kernkraftwerken. Käme der zusätzliche Strom aus Sonnen- und Windenergie, wären die Zusatzkosten noch höher.

Wenn es gelingt, die Kernenergie durch bestehende effiziente Kraftwerke auf Basis von Steinkohle, Braunkohle oder Erdgas zu ersetzen, müssen lediglich die variablen Kosten miteinander verglichen werden. Kosten des Netzausbaus oder Investitionen in erneuerbare Energien werden hier nicht mit berücksichtigt. Diese fallen zwar für den Umbau der Energieerzeugung hin zu erneuerbaren Energien an, werden aber nicht durch den beschleunigten Kernenergieausstieg verursacht.

Durch den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie ergeben sich Kosten in Höhe von 47,3 Milliarden Euro bei einer vollständigen Ersetzung mit Steinkohle, 35,2 Milliarden Euro bei Braunkohle und 61,3 Milliarden Euro im Fall von Gaskraftwerken. Sofern neue Kraftwerke gebaut werden müssen, sind Fixkosten mit anzusetzen. Dann erhöhen sich die Kosten für eine Laufzeitverkürzung auf 65,1 Milliarden Euro im Fall von Steinkohle, 47,9 Milliarden Euro bei Braunkohle und 74,4 Milliarden Euro beim Neubau von Gaskraftwerken.

Im Durchschnitt der betrachteten Szenarien ist mit einer Kostenbelastung für die Ersetzung der Stromerzeugung von konservativ geschätzt 47,9 Milliarden Euro beim Ersatz durch bestehende Kraftwerke und 62,5 Milliarden Euro für Strom aus neuen Kraftwerken zu rechnen. Damit werden durchschnittlich 55,2 Milliarden Euro an zusätzlichen Stromerzeugungskosten durch die Laufzeitverkürzung verursacht.

Die Sorgen vor höheren Kosten sind auch bei den betroffenen Unternehmen angekommen. Ein Anstieg der Strompreise um 1 Cent würde für die Industrie zu Mehrkosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro führen. 88,4 Prozent der Umweltexperten der Wirtschaft, die im April 2011 hierzu befragt wurden, sehen höhere Strompreise als wahrscheinliche Konsequenz einer Rücknahme der Laufzeitverlängerungen an. 77,4 Prozent befürchten zudem höhere Preise für Kohlendioxid-Zertifikate. Damit werden die Risiken einer entsprechenden energiepolitischen Entscheidung insgesamt als wahrscheinlicher eingeschätzt als die Chancen, die beispielsweise im Absatz für bestimmte Branchen oder in vermehrter öffentlicher Energieforschung liegen können. Unter dem Strich gehen 43,8 Prozent der Befragten von einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aus, nur 17,2 Prozent von einer Verbesserung.

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20. Juni 2017

Interview mit Tobias Paulun „Mit einem liquiden Markt sollte man nicht spielen“Arrow

Damit die EU eines Tages eine Energieunion mit grenzüberschreitendem Handel und einer gemeinsamen Energiepolitik wird, hat die EU-Kommission in ihrem neuen „Strommarktdesign“ unter anderem vorgeschlagen, die Preiszonen im Strommarkt neu zu definieren. Was die European Energy Exchange (EEX) davon hält, erläutert Tobias Paulun, Mitglied des EEX-Vorstands, im iwd. Zunächst aber erklärt er, was die Energiebörse in Leipzig überhaupt macht. mehr auf iwd.de

19. Juni 2017

Sandra Parthie / Thilo Schaefer Auf dem Weg in die EnergieunionArrow

Die EU-Kommission will den europäischen Energiebinnenmarkt voranbringen und hat deshalb ein neues Konzept für den Strommarkt vorgeschlagen. Dazu sollen unter anderem die grenzüberschreitende Zusammenarbeit aus- und Staatseingriffe abgebaut werden. Um die Investitionen in weitere Netze und Erzeugungskapazitäten anzuregen, ist zudem ein neuer Zuschnitt der sogenannten Strompreiszonen in der Diskussion – ein Plan, der in Deutschland auf Widerspruch stößt. mehr auf iwd.de