Arbeitskampf bei Amazon Image
Amazon liefert alles – nur keinen Tarif. Foto: AdrianHancu/iStock

Keine Frage, der Streik von Beschäftigten des Internetversandhändlers Amazon hat seine guten Gründe. Zu Recht prangert die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di an, dass der US-Konzern gänzlich nach eigenem Gusto über das Lohnniveau und die Arbeitsbedingungen entscheiden will. Der manchesterkapitalistische Dogmatismus, mit dem Amazon seiner Belegschaft in Deutschland einen Tarifvertrag verweigert, verträgt sich nicht mit der Sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik. Sozialpartnerschaftsfeindliche Arbeitgeber, die Arbeitsbedingungen wie Gutsherren festlegen, passen weder in die heutige Zeit noch in die hiesigen Verhältnisse. Deswegen wäre es ver.di durchaus zu wünschen, dass der Arbeitskampf Erfolg hätte. Und trotzdem war es falsch, den Arbeitskampf angefangen zu haben. Das mag auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingen, ist aber keiner. Denn ver.di hat sich durch eigenes Verschulden in eine Sackgasse manövriert.

Seit mehr als drei Jahren versucht ver.di, mit einer Strategie der Nadelstiche tarifvertraglich geschützte Einkommens- und Arbeitsbedingungen bei Amazon durchzusetzen. Immer wieder ruft die Gewerkschaft die Beschäftigten an einzelnen oder mehreren Amazon-Standorten zu temporären Streiks auf. Doch bisher hat die Gewerkschaft nicht einmal die Aufnahme von Gesprächen durchsetzen können. Amazon sitzt die Auseinandersetzung einfach aus. Das verwundert nicht. Es mangelt schlichtweg an einem ausreichenden ökonomischen Druck. Denn die Streiks sorgen zwar für ein konstantes negatives Grundrauschen, führen jedoch nicht zu schmerzhaften Umsatzeinbrüchen und die Kunden bekommen von den Arbeitsniederlegungen praktisch nichts mit. Auch wenn ver.di trotzig darauf beharrt, dass der Arbeitskampf wirke: Bislang fehlen Belege, wonach es zu spürbaren Lieferverzögerungen oder gar Lieferausfällen gekommen ist. Amazon verfügt europaweit über 29 Logistikzentren, die inzwischen so eng miteinander vernetzt sind, dass notfalls Aufträge im benachbarten Ausland bearbeitet werden können. Doch solch ein Aufwand ist kaum nötig. Denn aufgrund des bescheidenden Organisationsgrads ist die Streikbeteiligung überschaubar. Mehr als 11.000 fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt der Onlinehändler in Deutschland. Gerade mal ein Fünftel, wohlwollend gezählt, beteiligte sich in der Spitze an den einzelnen Streikaktionen. Bis heute ist es nicht gelungen, alle deutschen Standorte gleichzeitig in den Arbeitskampf einzubeziehen. Ver.di konnte im Laufe des Konflikts zwar Mitglieder hinzugewinnen, aber bei weitem nicht genug, um den Versandriesen in die Bredouille zu bringen.

Ein Streik gibt nur dann Sinn, wenn er effektiv ist. Deswegen überlegen sich Gewerkschaften in der Regel vorab ganz genau, wann und wo sie dazu aufrufen. Die Tageszeitungsjournalisten zum unbefristeten Ausstand aufzurufen, käme ihnen beispielsweise nie in den Sinn: zu gering der Organisationsgrad, zu groß die Angst vor dem Scheitern. Da akzeptiert ver.di lieber Abschlüsse, die entgegen den eigenen Forderungen weit unter denen in anderen Bereichen liegen, beispielsweise im kampffähigeren Öffentlichen Dienst. Das ist eine kühle wie pragmatische Abwägung. Bei Amazon war das offenkundig anders. Entgegen der sonstigen Gewerkschaftslinie spielten hier der magere Organisationsgrad und die mangelnde Kampfkraft keine Rolle. Im Gegenteil: Über den Streik sollte beides erst hergestellt werden – ein Kamikazeunternehmen.

Augenscheinlich fehlte es an einer realistischen Einschätzung der Kräfteverhältnisse. Fahrlässig wurde die Hartleibigkeit der Gegenseite unter- und die eigene Mobilisierungsfähigkeit ebenso wie die negativen Auswirkungen auf die Kunden überschätzt. Ohne sich eine Ausstiegsstrategie zu überlegen, ist ver.di in einen Arbeitskampf gegangen, der unter den gegebenen Bedingungen nicht zu gewinnen ist. Die Gewerkschaft steckt in einem Dilemma: Sie hat keine Idee, wie sich Amazon zum Einlenken bewegen lässt. Aber sie weiß auch nicht, wie sie ihren Arbeitskampf beenden könnte, ohne als die große Verliererin dazustehen. Was bleibt, sind Durchhalteparolen – und ein paar Meldungen in den Medien, die von Mal zu Mal kürzer werden. Das ist bitter, denn die Beschäftigten hätten Besseres verdient. Dass Amazon alles liefert, nur keinen Tarif, bleibt ein Ärgernis.

Pascal Beucker, taz-Redakteur

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