In der deutschen Industrie haben sich die Gewichte mit Blick auf die Beschäftigtenstruktur verschoben: Anteilig arbeiten immer weniger Arbeitnehmer in der Produktion, immer mehr Mitarbeiter sind in internen Dienstleistungsbereichen wie „technischen Diensten“ oder „Forschung und Entwicklung“ beschäftigt, die für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen unentbehrlich sind (Eickelpasch, 2014). Folgt die forschungsintensive Pharmaindustrie ebenfalls diesem Muster? Oder ist die Branche als typischer Vertreter der Spitzentechnologie davon ausgenommen, weil der Produktionsanteil ohnehin vergleichsweise gering ist?

Methode

Um dieser Frage nachzugehen, werden die Informationen zum ausgeübten Beruf der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach der Klassifikation der Berufe (KldB 2010) genutzt. Die KldB 2010 ist hierarchisch in fünf Gliederungsebenen aufgebaut. Jede Gliederungsebene ist durch eine Ziffer verschlüsselt. Je tiefer die Ebene ist, desto höher ist die Ähnlichkeit der auf dieser Ebene zusammengefassten Berufe. Die ersten vier Ziffern ordnen Berufe anhand ihrer berufsfachlichen Merkmale zu. Dabei bilden die ersten drei Stellen eine Berufsgruppe, die auf der vierten Stelle weiter nach Spezialisierungsschwerpunkten differenziert wird. Zum Beispiel fasst die Berufsgruppe „Maschinenbau und Betriebstechnik“ (Klassifikationseinheit 251) Beschäftigte nach ihren Fachkompetenzen zusammen. Die vierte Stelle bildet innerhalb dieser Berufsgruppe weitere Untergruppen wie zum Beispiel „Maschinenbau-, Betriebstechniker ohne Spezialisierung“ (Klassifikationseinheit 2510). Die fünfte Ziffer spiegelt die Komplexität der ausgeübten Tätigkeit wider und unterscheidet vier Komplexitätsgrade: „Helfer“, „Fachkraft“, „Spezialist“ und „Experte“ (Bundesagentur für Arbeit, 2011a).

Die Berufe der KldB 2010 werden in Anlehnung an Eickelpasch/Behrend/Krüger-Röth (2017) in produktionsorientierte Berufe, primäre und sekundäre Dienste gruppiert – ein Konzept, das ursprünglich auf die Unterscheidung nach Tätigkeitsschwerpunkten zurückgeht (Wolff, 1990; Tessaring, 1994):

  • Zur Produktion gehören demnach Berufe der Rohstoffgewinnung und -aufbereitung sowie der Herstellung industrieller Güter.
  • Als primäre Dienste werden allgemeine Dienstleistungen wie Reinigen, Bewirten, Lagern und Transportieren sowie die Handels- und Bürotätigkeiten zusammengefasst.
  • Produktionsnahe Dienste bilden die Gruppe der sekundären Dienstleistungsberufe. Dazu zählen überwiegend akademische Berufe, die neben den Tätigkeiten der Leitung, der Organisation, des Managements und der Beratung typische MINT-Berufe einschließen, die für die Forschung und Entwickelung innovativer Produkte eine besondere Rolle spielen (Cordes/Gehrke, 2015).

Die Zuordnung der Berufe zu Produktion, primären und sekundären Diensten erfolgt im Wesentlichen anhand der ersten drei und der fünften Ziffer der KldB 2010. So übernimmt zum Beispiel ein Mitarbeiter, der mit seinen Fachkompetenzen unter „Maschinenbau und Betriebstechnik“ erfasst wird, als „Helfer“ Zuarbeiten oder einfache Tätigkeiten bei der Wartung und Montage von Maschinen und Anlagen und wird damit der Produktion zugerechnet. Ein Mitarbeiter mit der gleichen Berufsfachlichkeit, aber mit dem Anforderungsniveau „Experte“, ist in der Entwicklung von Maschinen und Geräten sowie in der Konstruktion und technischen Planung tätig und wird entsprechend den sekundären Diensten zugerechnet (Bundesagentur für Arbeit, 2011b).

Bei der Zuordnung der pharmazeutischen und chemischen Berufe fällt die vierte Stelle der Schlüsselzahl stärker als bei anderen Berufen ins Gewicht. Denn andernfalls führt die Zuordnung zu Produktion, primären und sekundären Diensten zu deutlichen Abweichungen im Vergleich zu der tatsächlich ausgeführten Tätigkeit, die aufgrund der vergleichsweise hohen Beschäftigtenanzahl in diesen Berufen kaum vernachlässigbar sind. Damit wird beispielsweise eine sachgerechte Unterscheidung in Chemikanten (Produktion) und Laboranten (sekundäre Dienste, Forschung und Entwicklung) möglich. Als Restgröße werden die Berufe ohne Tätigkeitsangabe und vertrauliche Daten zusammengefasst.

Beschäftigungsstruktur

Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Produktionsberufen liegt in der Pharmaindustrie aktuell bei 26,2 Prozent. In den Jahren 2013 bis 2017 schwankte dieser in einem engen Korridor von 0,2 Prozentpunkten und ist damit weitgehend stabil geblieben. Im Vergleich dazu kam es im Durchschnitt des gesamten Verarbeitenden Gewerbes zu einer leichten Abnahme des Beschäftigtenanteils in Produktionsberufen. Er ist von 48,4 Prozent im Jahr 2013 auf 47,8 Prozent im Jahr 2017 zurückgegangen.

In der Industrie ist eine leichte Verschiebung des Beschäftigtenanteils von der Produktion hin zu den sekundären, produktionsnahen Diensten festzustellen. Dieser Befund fügt sich nahtlos in das Bild früherer Forschungen ein, die einen Rückgang produktionsorientierter Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe beobachten (Eickelpasch, 2014). Im Gegensatz dazu sind in der Pharmaindustrie die Beschäftigtenanteile in der Produktion und den Diensten annähernd konstant geblieben.

Insgesamt stieg die Beschäftigung in der pharmazeutischen Branche zwischen den Jahren 2013 und 2017 um 5,9 Prozent, in den produktionsorientierten Berufen um 6,1 Prozent. Dieses Wachstum war dynamischer als im Industriedurchschnitt, der im gleichen Zeitraum ein Beschäftigungsplus von 3,9 Prozent aufwies. Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Beschäftigung in den produktionsorientierten Berufen nur um 2,5 Prozent und damit unterdurchschnittlich gewachsen.

Im Niveau bleibt in der Pharmaindustrie der Beschäftigtenanteil in der Produktion zwar unter dem industriellen Durchschnitt. Dies resultiert aus branchenspezifischen Strukturen. Denn typisch für die forschungsintensive Pharmaindustrie ist die enge Verzahnung von Forschung und Entwicklung mit der Produktion. So finden Produktionsprozesse entlang der gesamten pharmazeutischen Wertschöpfungskette statt: Von der Entwicklung eines Produkts über die Testphase in flexiblen Produktionsanlagen bis zur Ausdehnung der Produktion auf kundengerechte Produktionsmengen. Der gesamte Prozess wird von technischen Diensten unterstützt. So arbeiten Beschäftigte aus den Bereichen Produktion, Forschung und Entwicklung sowie technischen Diensten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg eng zusammen. Versteht man deshalb diese Schnittmenge als „Produktion im weiten Sinne“, dann reduziert sich der Abstand zum industriellen Durchschnitt. Folglich scheint der Pharmastandort Deutschland nicht nur ein forschungsintensiver, sondern auch ein produktionsrelevanter Standort zu sein.