In vielen Berufen sind Fachkräfteengpässe regional begrenzt: In einer Region mangelt es an Fachkräften für die offenen Stellen, während es in anderen Regionen Deutschlands passend qualifizierte Arbeitslose gibt, die in ihrer Heimat schlechte Beschäftigungschancen haben. Bis zu 98.000 Stellen hätten 2018 sofort besetzt werden können, wenn die Mobilität der Arbeitslosen größer gewesen wäre. Um dieses Binnenwanderungspotenzial (vgl. Burstedde / Risius, 2017, Berufsgattungen nach Arbeitsagenturbezirken) zu nutzen, müsste die Umzugsbereitschaft von Arbeitslosen erhöht werden, da Pendeln zum Ausgleich regionaler Passungsprobleme häufig nicht ausreicht.

Dieser Kurzbericht untersucht die Mobilität von Arbeitslosen und die Fähigkeit von Regionen, innerdeutsche Arbeitskräfte aus größerer Entfernung zu gewinnen. Wir verwenden Daten der Bundesagentur für Arbeit. Eine Sonderauswertung der Beschäftigtenstatistik erfasst für jeden der 401 Stadt- und Landkreise, in welchem Kreis ehemals Arbeitslose wohnten, bevor sie 2018 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnahmen. Diese Daten haben zwei Vorteile: Zum einen beobachten sie die tatsächliche Mobilität und nicht bloß eine theoretische Umzugsbereitschaft. Zum anderen können wir Informationen über Entfernungen ableiten und Mobilität im Nahbereich ausschließen, die in der Regel über Pendeln statt Umzüge realisiert wird. Um nur „entfernte Regionen“ zu betrachten, schließen wir in unserer Analyse alle Beschäftigungsaufnahmen aus, für die nicht mindestens drei Kreisgrenzen überquert werden mussten. Die durchschnittliche Distanz eines Kreises zu all seinen überübernächsten Kreisen beträgt 93 Kilometer (Abstand der geometrischen Schwerpunkte). Die Größen und Entfernungen von Kreisen unterscheiden sich zwar stark, diese Vorgehensweise sollte Pendler jedoch größtenteils ausschließen: Nur 6,5 Prozent der Pendler leben mehr als 50 Kilometer von ihrem Arbeitsort entfernt (Burstedde / Risius, 2017).

Ob eine Region für Arbeitskräfte aus anderen Regionen attraktiv ist, messen wir in dieser Untersuchung mit dem Fernsaldo: Der Fernsaldo einer Region ergibt sich aus der Differenz der Arbeitslosen, die aus entfernten Regionen eine Beschäftigung in der jeweiligen Region aufnehmen, minus den Arbeitslosen, die für eine Beschäftigung in entfernte Regionen abwandern. Um die Größe des jeweiligen Arbeitsmarktes zu berücksichtigen, wird diese Differenz ins Verhältnis zur Gesamtbeschäftigung des Kreises gesetzt. Im Landkreis München zum Beispiel haben 2018 insgesamt 11.540 vormals Arbeitslose eine Beschäftigung aufgenommen. Bei 3.163 Personen davon lag der Wohnort zuvor mindestens drei Kreise entfernt. Auf der anderen Seite haben nur 620 vormals im Landkreis München wohnende Arbeitslose eine Beschäftigung in entfernten Regionen aufgenommen. Der Landkreis München hat im Fernbereich also netto 2.543 Arbeitskräfte hinzugewonnen. Im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigtenzahl von 232.315 (Juni 2018) ergibt sich ein Fernsaldo von 1,09 Prozent. Der Landkreis München konnte die Zahl seiner Beschäftigten also binnen eines Jahres um mehr als ein Prozent erhöhen, weil er netto arbeitslose Arbeitskräfte aus anderen Regionen angezogen hat. Da der gesamte Beschäftigungszuwachs im Landkreis München im selben Zeitraum 4,0 Prozent betrug, geht ein Viertel der Neubeschäftigung allein auf die Mobilität von Arbeitslosen zurück. Überregionale Rekrutierung kann also einen wesentlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten.

Ein Blick auf die Karte zeigt, dass deutlich mehr Stadt- und Landkreise arbeitslose Arbeitskräfte verlieren als gewinnen. Insgesamt weisen nur 112 der 401 Kreise positive Fernsalden auf. Einige Großstädte wie Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und Köln können viele Arbeitslose aus entfernten Regionen gewinnen. Berlin hingegen weist 2018 einen negativen Fernsaldo auf – Arbeitslose nehmen also öfter eine Beschäftigung in der Ferne auf, als dass sie aus der Ferne nach Berlin kommen.

Der bereits erwähnte Landkreis München hat bundesweit den höchsten Fernsaldo (+1,09 Prozent) und scheint besonders attraktiv für Arbeitslose von weiter weg zu sein. Man beachte, dass dies Arbeitsuchende aus der Landeshauptstadt München nicht miteinbezieht, sondern ausschließlich Personen, die zuvor mindestes drei Kreise entfernt gewohnt haben. Ähnlich erfolgreich bei der überregionalen Rekrutierung von Arbeitslosen sind Mainz (+1,04 Prozent) und Ingolstadt (+1,01 Prozent). Am anderen Ende finden sich die Städte Gera (-1,09 Prozent) und Herne (-1,07 Prozent), sowie der Landkreis Kusel (-1,06 Prozent) mit den drei höchsten Negativsalden. Diese drei Kreise liegen alle in Regionen, die strukturelle Schwierigkeiten haben und in denen regionalpolitischer Handlungsbedarf besteht (Oberst et al., 2019).

Arbeitslose ziehen bevorzugt in Regionen mit guten Perspektiven. Die wahrgenommene Attraktivität einer Region äußert sich unter anderem in den Mietpreisen. Regionen mit hohem Mietniveau (F+B, 2018) haben tendenziell höhere Fernsalden (Korrelation +0,56). Arbeitslose sind also durchaus bereit, für einen neuen Job höhere Mieten zu zahlen. Niedrige Wohnkosten allein scheinen hingegen keine besondere Anziehungskraft zu entfalten. Die Chancenbetrachtung wird dadurch gestützt, dass auch niedrige Arbeitslosenquoten positiv mit dem Fernsaldo zusammenhängen (Korrelation -0,24).