Internationale Arbeitskampfvergleiche können immer nur ein unvollständiges Bild von der Streikwirklichkeit abgeben, weil es in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Erfassungsmethoden gibt. Während in Belgien, Dänemark oder Deutschland ausschließlich Meldungen der Arbeitgeber herangezogen werden – hierzulande besteht sogar eine Meldepflicht bei der Bundesagentur für Arbeit – basieren die statistischen Angaben in Österreich ausschließlich auf Meldungen der Gewerkschaften. In den meisten Ländern sammeln die Behörden Daten beider Tarifparteien. Oft werden auch Presseberichte ausgewertet.

Die Angaben von Arbeitgebern und Gewerkschaften können beträchtlich differieren. Beim Telekomstreik im Jahr 2007 sprach die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di von rund 450.000 verlorenen Arbeitstagen; die amtliche Statistik weist aufgrund der eingegangenen Arbeitgebermeldungen aber lediglich knapp 193.000 verlorene Arbeitstage aus. Weitere statistische Verzerrungen können durch unterschiedliche Erfassungsgrenzen entstehen. Während hierzulande nur solche Konflikte in die Statistik eingehen, an denen entweder mindestens zehn Arbeitnehmer beteiligt waren (und dies mindestens einen Tag lang) oder bei denen mindestens 100 Arbeitstage ausgefallen sind, bestehen in Belgien, Italien, Österreich oder in den Niederlanden keinerlei Erfassungsgrenzen.

Arbeitskämpfe
Arbeitskämpfe

Trotz dieser Einschränkungen bieten internationale Streikvergleiche einen interessanten Einblick in die nationale Struktur der Sozialpartnerschaft. Denn die zwischen den untersuchten OECD-Ländern zu beobachtende große Bandbreite an ausgefallenen Arbeitstagen beruht sicherlich nicht allein auf statistischen Unschärfen. Auf der einen Seite gibt es streikanfällige Länder wie Spanien, Kanada und Frankreich, wo (je 1.000 Arbeitnehmer) bis zu 164 Arbeitstage streikbedingt ausfielen (Grafik). Auf der anderen Seite gibt es aber auch Länder wie Japan und die Slowakei, die nahezu konfliktfrei sind.

Deutschland belegt im internationalen Vergleich mit lediglich 5 Ausfalltagen je 1.000 Arbeitnehmer einen der vorderen Plätze. Nachbarländer wie Polen, Ungarn oder die Niederlande weisen mit 6 bis 9 verlorenen Tagen eine ähnliche Stabilität in den Arbeitsbeziehungen auf. Schweden, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten liegen mit 22 bis 30 Ausfalltagen im Mittelfeld.

Allgemein treten große Konflikte seltener auf. Das trifft vor allem für die Mittelmeerländer zu, aber auch für die angelsächsischen Volkswirtschaften. So kamen Italien und Spanien in den 1980er Jahren noch auf mehr als 600 Ausfalltage, Australien und das Vereinigte Königreich auf über 300. Die Ursachen für die rückläufigen Arbeitskampfvolumina sind vielfältig. Ein Teil lässt sich durch den sektoralen Strukturwandel erklären: Da die Beschäftigungsanteile in der Industrie sinken, dort aber häufiger als im Dienstleistungssektor gestreikt wird, gehen die Ausfälle automatisch zurück. Hinzu kommt, dass Streiks heute kürzer als früher dauern und mit weniger Teilnehmern auskommen. In der Industrie ist das die Folge einer größeren Streikeffizienz: Vernetzte und pufferlose Produktionsketten sind störanfälliger als weniger arbeitsteilige Wertschöpfungsketten mit Lagerhaltung. Schließlich wird die Streikmobilisierung der Gewerkschaften in vielen Ländern durch die anhaltende Mitgliederflucht geschwächt.

Hagen Lesch

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