Gewerkschaftsmitglieder in Schweden
Gewerkschaftsmitglieder in Schweden

Die Gewerkschaftslandschaft in Schweden ist klar strukturiert. Die drei großen Dachverbände, Landsorganisationen i Sverige (LO), Tjänstemännens Centralorganisation (TCO) und Sveriges Akademikers Centralorganisation (SACO) beherbergen nahezu alle der 60 Einzelgewerkschaften, die sich nach Berufs- und Bildungsgruppen voneinander abgrenzen. Die LO organisiert vor allem Arbeiter, die TCO vereint überwiegend Angestellte und die Mitglieder der SACO sind zumeist Akademiker. Die LO und die TCO sind weitestgehend nach Branchen organisiert, die SACO ist nach den Berufen der Mitglieder strukturiert. Durch diese klare Abgrenzung konkurrieren die Gewerkschaften kaum miteinander. Zusammen zählen die Dachverbände fast 3,4 Millionen Gewerkschaftsmitglieder (siehe Grafik). Da auch die Arbeitgeberseite einen hohen Organisationsgrad vorweist, gelten für schätzungsweise 90 Prozent der Arbeitnehmer Tarifverträge, im öffentlichen Sektor beträgt der tarifliche Geltungsbereich sogar 100 Prozent.

Im schwedischen Modell hat die Tarifautonomie höchsten Stellenwert – mit dem Abkommen von Saltsjöbaden wurde bereits 1938 von den Sozialpartnern vereinbart, ohne Einschluss staatlicher Vertreter zu verhandeln. Daher gibt es weder verbindliche Rechtsvorschriften gegenüber den Tarifparteien noch ein Institut der Allgemeinverbindlichkeitserklärung. Auch sprachen sich die Gewerkschaften im Jahr 2008 gemeinsam mit den Arbeitgebern gegen einen gesetzlichen Mindestlohn aus, um ihre Tarifautonomie zu schützen. Der schwedische Gesetzgeber kann lediglich normative Vorschläge über bestimmte Vertragsinhalte wie z.B. Arbeitszeit und Urlaub machen.

Die Tarifverhandlungen finden mehrheitlich auf Branchenebene statt, wobei sich seit Ende der 1990er Jahre ein starker Trend zur „dezentralen Flexibilisierung“ abzeichnet. Während auf Branchenebene häufig nur noch generelle Rahmenregeln z.B. über Mindesterhöhungen oder Auffangregeln für den Fall des Scheiterns lokaler Verhandlungen ausgehandelt werden, findet der konkrete Lohnfestlegungsprozess größtenteils auf lokaler Ebene statt. Das schwedische Schlichtungsinstitut „Medlingsinstitutet“ zeigt in seinem Jahresbericht von 2010, dass generelle Lohnerhöhungen lediglich für 6 Prozent der Beschäftigten beschlossen wurden. 94 Prozent der in 2010 ausgehandelten Tarifverträge überließen lokalen Akteuren auf Unternehmens- und Betriebsebene einen Spielraum für die konkrete Festlegung der Lohnerhöhungen. Für 8 Prozent der Beschäftigten wurde in 2010 sogar ein Tarifvertrag ohne jeglichen Rahmen für Lohnerhöhungen beschlossen.

Es gibt auch branchenübergreifende Vereinbarungen, die meist auf qualitative Themen wie z.B. Altersversorgung oder Hilfen bei Massenentlassungen bezogen sind.

Neben den Tarifverhandlungen übernehmen die Gewerkschaften durch gewählte Repräsentanten verschiedener gewerkschaftlicher Betriebsgruppen auch die Interessenvertretung in den Betrieben und ersetzen Betriebsräte. Damit hat Schweden eine sogenannte „single channel form of representation“.

Doch auch schwedische Gewerkschaften haben schon bessere Zeiten erlebt – insbesondere unter den jungen Arbeitnehmern ist der Organisationsgrad vergleichsweise niedrig (36 Prozent im Jahr 2008). Zudem verloren die Gewerkschaften mit der massiven Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung im Januar 2007 viele Mitglieder. Obgleich die Gewerkschaftsmitgliedschaft nicht an eine Mitgliedschaft in der Arbeitslosenversicherung gebunden ist, sank der gewerkschaftliche Organisationsgrad innerhalb des Jahres 2007 um mehr als 4 Prozent, im darauffolgenden Jahr um weitere 2,5 Prozent. Hierbei litt insbesondere die Arbeitergewerkschaft LO unter massiven und anhaltenden Verlusten – ihre Mitgliederzahl reduzierte sich von 2007 bis 2009 um fast 240.000 Personen. Die TCO hingegen konnte im Jahr 2009 bereits wieder Mitgliedergewinne verbuchen und die SACO hatte durchgehend steigende Mitgliederzahlen.

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