Ausstieg aus der Kernenergie Image

Die strukturellen Veränderungen, wie sie nun in der Energieversorgung zu erwarten sind, werden Gewinner und Verlierer hervorbringen. Unternehmen, die stark vom Produktionsfaktor Strom abhängen, werden voraussichtlich zu Letzteren gehören. Rund die Hälfte der im Rahmen des aktuellen IW-Umweltexpertenpanels befragten Wirtschaftsvertreter können einem stromintensiven Unternehmen/Unternehmensverband zugeordnet werden. Hiervon gaben fast 60 Prozent an, dass ein frühzeitiger Atomausstieg negative oder stark negative Konsequenzen für ihr Unternehmen/ihre Mitgliedsunternehmen haben könnte. Gerade einmal 6 Prozent glauben, vom Atomausstieg profitieren zu können. Wie die Antworten auf weitere Fragen des Expertenpanels zeigen, liegen die Gründe dafür vorwiegend in der Erwartung von Preisrisiken. Fast 90 Prozent aller Befragten gehen davon aus, dass die Strompreise anziehen werden. Auch steigende CO2-Zertifikatspreise halten die meisten für wahrscheinlich. Tatsächlich wird sich das Preisgefüge auf dem Strom- und Zertifikatsmarkt verändern, geht man davon aus, dass vermehrt teurere Erzeugungs- oder Reservekapazitäten zum Einsatz kommen, Investitionen in den Netzausbau getätigt werden oder mehr CO2-intensive Kohle verstromt wird. Wichtige Produktionsprozesse der Eisen- und Stahlindustrie oder auch der Chemie-, Papier- und Glasindustrie könnten damit in Deutschland sehr viel teurer werden. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum die Mehrheit der Befragten auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bei einem national isolierten Atomausstieg geschwächt sieht. Ausgleichsmechanismen bei der Energiebesteuerung oder im Emissionshandel könnten hier entlastend wirken.

Abgesehen von Preisrisiken sehen zwei Drittel der Befragten auch höhere Energieeffizienzvorgaben durch den Staat auf sich zukommen. Denn Energieeffizienz gilt als Schlüsselkomponente einer zukunftsfähigen Energieversorgung. Weitere Potenziale werden jedoch vergleichsweise teuer zu realisieren sein, da Deutschland trotz eines relativ hohen Industrieanteils bereits zu den energieeffizientesten Volkswirtschaften in der EU zählt. Immerhin 40 Prozent der Befragten sorgen sich außerdem um die Netzstabilität bzw. eine konstante Stromversorgung im Falle einer frühzeitigen Abschaltung der AKWs.

Aber auch die Erwartung höherer Absatzchancen für die deutsche Wirtschaft bei Technologien zur Energieerzeugung oder -verteilung sowie für energieeffiziente Produkte ist groß. Über zwei Drittel aller Befragten vermuten einen solchen Wachstumstrend. Bei den nicht-stromintensiven Unternehmen hegen sogar drei Viertel der Wirtschaftsvertreter diesen Optimismus. Sie sehen die Laufzeitverkürzung auch insgesamt weniger kritisch. Über 75 Prozent bewerten einen Ausstieg neutral, positiv oder stark positiv.

Allerdings sind alle Befragten mehrheitlich der Meinung, dass das energiepolitische Wechselbad der wirtschaftlichen Planungs- und Investitionssicherheit geschadet hat. Es fehlen klare politische Signale, wie der Weg zum neuen Energiemix gestaltet wird. Bisher gibt es bis auf das nach jahrelangem Ringen verabschiedete Gesetz zur Erprobung von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung wenig Konkretes. Außerdem hat die Beliebigkeit, mit der energiepolitische Entscheidungen zuletzt getroffen und wieder revidiert wurden, das Vertrauen geschwächt. Keine Regierung vermag jedoch genau vorzugeben, was auf dem Weg zu einem neuen Energiemix technisch und wirtschaftlich möglich ist und was nicht. Eine Energiewende kann nur als Summe innovativer Anpassungsprozesse in Unternehmen und bei jedem Einzelnen gedacht und vollzogen werden. Kluge Rahmenbedingungen, die Energiepreise wirtschaftlich und sozial verträglich an reale Knappheiten bzw. externe Effekte des Energieverbrauchs heranführen, wären dazu ein wichtiger Schritt.

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