Seit dem Jahr 2001 haben die Gewerkschaften des DGB knapp 1,8 Millionen Mitglieder verloren. Um diesen negativen Trend umzukehren und die eigene Verhandlungsmacht in Tarifverhandlungen zu stärken, rücken viele Gewerkschaften seit einigen Jahren die Mitgliederentwicklung in den Fokus ihrer Arbeit. Dazu wird zwischen „expansiver“ und „intensiver“ Mitgliederentwicklung unterschieden. Unter „expansiver“ Entwicklung wird die (erstmalige) Organisierung von ganzen Betrieben oder Branchen verstanden, unter „intensiver“ Entwicklung die Steigerung der Mitgliederzahlen in bereits organisierten Betrieben und Branchen. Diese Strategie ist durchaus erfolgreich. In den letzten Jahren hat sich die Dynamik der Mitgliederverluste spürbar abgeschwächt.

Ein Organizing bietet sich insbesondere an, wenn es konkrete, betriebliche oder branchenspezifische Probleme gibt. Das Organizing besteht aus drei Schritten. Im ersten Schritt (Mitgliederbefragung) werden persönliche Gespräche zwischen Gewerkschaftern und Beschäftigten oder Mitgliederbefragungen (durch)geführt. Dies hilft, eine von außen nur schwer einzuschätzende Problemlage besser einordnen zu können. Hierbei steht die subjektive Wahrnehmung der Arbeitssituation durch die Beschäftigten im Mittelpunkt. Im zweiten Schritt (Zielsetzung) werden die Probleme, die sich bei diesen Befragungen herauskristallisieren, thematisiert und Ziele abgeleitet. Handelt es sich um einen gänzlich unorganisierten Betrieb, werden im dritten Schritt (Aktion) öffentlichkeitswirksame Aktionen organisiert, welche die Probleme und Wünsche der Beschäftigten aufgreifen. Dabei spielt die Einbindung der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle. Durch die Mobilisierung der Öffentlichkeit sollen etwa Unternehmen, die keine Tarifverträge anwenden, unter Druck gesetzt werden, Tarifverhandlungen zu führen oder Betriebsräte einzurichten. Aktionen wie Demonstrationen, Warnstreiks oder Streiks führen gleichzeitig dazu, dass auch unorganisierte Beschäftigte Kontakte zur Gewerkschaft knüpfen und im Rahmen der gemeinsamen Aktion dazu motiviert werden, in die Gewerkschaft einzutreten. Sind in einem Betrieb bereits gewerkschaftliche Strukturen vorhanden, besteht die Aktion darin, aus den Informationen der Mitgliederbefragungen Forderungen für die nächste Tarifrunde abzuleiten. So wird den Beschäftigten schon vor Beginn einer Tarifverhandlung eine breite Plattform gegeben, auf der sie sich persönlich einbringen können.

Bevor eine Aktion beginnt, muss allerdings abgeschätzt werden, welcher Organisationsgrad nötig ist, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Dieser Mindestorganisationsgrad ist keine feste Größe. Er variiert stark mit den branchenspezifischen und sozio-ökonomischen Bedingungen und muss somit im Einzelfall bestimmt werden. Um die Durchsetzungsfähigkeit zu steigern, kann schon im Vorfeld einer Tarifverhandlung der Organisationsgrad durch gezielte Aktionen oder Werbegespräche im Betrieb gesteigert werden. So führte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in einer breit angelegten „Organizing Kampagne“ beim Hamburger Sicherheitsdienst Gespräche mit 1.500 Wachleuten. Dadurch konnte ver.di am Schluss nicht nur eine spürbare Tariferhöhung durchsetzen, sondern auch rund 200 neue Mitglieder gewinnen.

Durch die Beteiligung der Beschäftigten an der Entscheidungsfindung und an den Zielsetzungen im Vorfeld einer Tarifverhandlung sind die Arbeitnehmer nicht nur persönlich involviert; sie haben auch einen größeren Anreiz, für die Forderungen der Gewerkschaft aktiv einzutreten. Klassischerweise fungierte die Gewerkschaft als Dienstleister und Interessensvertretung, die ihre Mitglieder über die Tarifgeschehnisse informierte. Durch das Organizing verändert sich die Rolle der Gewerkschaft. Sie mutiert vom Vertretungsorgan zu einer mitgliederbestimmten Organisation. Das setzt allerdings voraus, dass die Gewerkschaftsfunktionäre bereit sind, einen Teil ihrer Gestaltungsmacht an die Mitgliederbasis abzutreten.

Diese neue strategische Herangehensweise wird auch „bedingungsgebundene Tarifarbeit“ genannt. Sie ist vor allem bei Haus- und Firmentarifverträgen wirkungsvoll. Bei Flächen- oder Branchentarifverträgen mit einer größeren Reichweite ist diese Art der Mitgliedergewinnung hingegen deutlich schwerer umzusetzen. Paula Hellmich

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21. Juni 2017

Adam Giza Gewerkschaften unter DruckArrow

Die Arbeitnehmervertretungen kommen zunehmend unter Druck. Nicht einmal mehr jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland war 2015 Mitglied in einer Gewerkschaft. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. mehr auf iwd.de

IW-Gewerkschaftsspiegel, 8. Juni 2017

Paula Hellmich / Hagen Lesch DGB-Organisationsgrad: Nordwesten stärker, Südosten schwächerArrow

Ende 2015 zählten die acht im DGB zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften zusammen über 6 Millionen Mitglieder. Die Hälfte davon verteilt sich auf die drei großen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Am stärksten sind die DGB-Gewerkschaften jedoch im Saarland und in Bremen, am schwächsten in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. mehr

IW-Gewerkschaftsspiegel, 8. Juni 2017

Adam Giza Tarifbindung: Jeder Zweite bekommt TarifentgeltArrow

Zur Schätzung des Anteils tarifgebundener Arbeitnehmer in Deutschland wurde bisher auf das IAB-Betriebspanel und die Verdienststrukturerhebung zurückgegriffen. Mit dem Sozio-oekonomischen Panel steht nun eine dritte Datenbasis zur Verfügung. Danach wurde 2015 knapp jeder zweite Arbeitnehmer nach einem Tarifvertrag bezahlt. mehr