Kampagne „Gute Arbeit – gut in Rente“ Image

Eine zentrale Position der Kampagne ist die Ablehnung der Rente mit 67. Der spätere Renteneintritt passe nicht zur Realität in den Betrieben, in denen kaum noch Beschäftigte jenseits der 60 arbeiten würden. Laut einer Umfrage der IG-Metall unter 3.716 Betriebsratsvorsitzenden aus dem eigenen Organisationsbereich, die im Juni und Juli dieses Jahres durchgeführt wurde, gebe es in über 90 Prozent der Betriebe zu wenige Maßnahmen, die eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung erlaubten oder speziell ältere Arbeitnehmer durch Qualifikationsprogramme förderten. Weiterhin fehle in 42 Prozent der Betriebe jede Möglichkeit, vor dem gesetzlichen Rentenalter flexibel aus der Erwerbstätigkeit auszutreten, wie z.B. durch das Modell der Altersteilzeit. Aufgrund dieser Mängel bewerten 79 Prozent der befragten Betriebsräte die Chancen, das heutige gesetzliche Rentenalter von 65 Jahren gesund und leistungsfähig zu erreichen, negativ.

Die Folge dieser Missstände seien wiederum Arbeitslosigkeit und Altersarmut, was die Rente mit 67 und andere Einheitsmodelle als „grandiose Fehlentscheidung“ brandmarke. Von den politisch Verantwortlichen werden Maßnahmen erwartet, die dafür sorgen, dass Arbeitnehmer in belastenden Tätigkeiten überhaupt das gesetzliche Rentenalter erreichen können. Kritisiert wird aber auch, dass sich die meisten Arbeitgeber der Branche vor der Verantwortung drückten, den Übergang in den Ruhestand flexibel und damit für jeden machbar zu gestalten.

Damit wird der Betrieb zum zentralen Ansatzpunkt der Kampagne. Neben Werbe- und Infomaterial bietet die IG-Metall Unterstützung bei der Organisation von Info-Points oder Sprechstunden des Betriebsrats zum Thema Rente an, um die Belegschaft eines Betriebs zu mobilisieren. Mit kurzen, vorgefertigten Fragebögen von der Gewerkschaft kann die Situation im eigenen Betrieb erfasst werden, um betriebliche Aktionen vorzubereiten und eine Argumentationsgrundlage gegenüber dem Arbeitgeber zu schaffen. Aber auch die Öffentlichkeit soll von der Kampagne erfasst werden. Hierzu finden kleine Pressegespräche mit Betriebsräten statt sowie regionale Mitgliederversammlungen, die als Podiumsdiskussionen mit betrieblichen und kommunalen Experten die Anstrengungen und Ziele der IG-Metall an Presse und Öffentlichkeit vermitteln sollen. Neben dieser öffentlichen Mobilisierung zielen aber gerade die Aktionen der Kampagne in den Betrieben auch auf die Werbung neuer Mitglieder ab.

Unabhängig von der hinreichend erörterten Tatsache, dass an der Rente mit 67 aus demografischen Gründen kein Weg vorbeiführt, ist zu hinterfragen, ob die Kampagne wirklich in die Betriebe der M+E-Industrie gehört. Zuletzt lag der relative Anteil von Arbeitnehmern über 60 bei knapp 5 Prozent. Seit 2000 hat sich aber die Zahl der Mitarbeiter in der Altersklasse „60-plus“ von rund 85.000 im Jahr 2000 auf 173.000 in 2011 verdoppelt (Grafik). Die Arbeitgeber der M+E-Industrie weisen darauf hin, dass die Beschäftigungsquote der über 60-Jährigen aufgrund des Fachkräftemangels weiter gesteigert werden müsse. Eine erhöhte Beschäftigung von Älteren liegt also im gemeinsamen Interesse der Tarifpartner, die sich auch schon auf erste Schritte einigen konnten. Zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit im Alter finden sich Regelungen im Tarifvertrag „Qualifizierung“ von 2006 und in dem Projekt der M+E-Verbände „länger leben. länger arbeiten. länger lernen.“, die auf konsequente Weiterbildung und altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung setzen. Der Tarifvertrag „Flexibler Übergang“ von 2008 bricht mit der lange geübten Praxis, ältere Arbeitnehmer vorzeitig in den Ruhestand zu entlassen, um Arbeitsplätze für die junge Generation zu schaffen. Genau diese im Konsens von Politik und Tarifpartnern etablierte Frühverrentungspraxis hat dafür gesorgt, dass die Beschäftigungsquote der Älteren immer noch recht niedrig ist. In den Jahren 2000 bis 2011 hat sich die Erwerbstätigenquote der 60 bis 64-Jährigen von 20 auf 44 Prozent erhöht. Das zeigt, dass sich der Paradigmenwechsel schon jetzt in den Beschäftigungsquoten niederschlägt. Um dies weiter zu beschleunigen, müssen weiter gemeinsame Anstrengungen unternommen werden, um die Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer zu steigern.

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