Absturz gebremst
Absturz gebremst

Die acht DGB-Gewerkschaften zählten zum Ende des vergangenen Jahres zusammen noch 6.371.475 Mitglieder. Ein Jahr zuvor waren es noch rund 70.000 mehr gewesen, was einem Minus von rund 1,1 Prozent entspricht. 2006 hatten immerhin insgesamt 190.000 Mitglieder dem DGB den Rücken gekehrt.

Gleichwohl ist die Gesamtsituation der DGB-Gewerkschaften nicht gerade rosig. Das zeigt eine Untersuchung über den Organisationsgrad aus dem vergangenen Jahr. Demnach gehörten im Jahr 1998 noch 23,1 Prozent aller Arbeitnehmer einer Gewerkschaft an – neun Jahre später lag der Organisationsgrad gerade noch bei 17,8 Prozent. Damit war der Anteil der Gewerkschafter an den Arbeitnehmern im Schnitt um 0,6 Prozentpunkte pro Jahr zurückgegangen. Hält der Trend weiter an, werden die Arbeitnehmervertretungen 2020 nicht einmal mehr für jeden zehnten Beschäftigten sprechen.

Durch die neuen Zahlen dürfte sich daran nicht viel ändern. Denn der Zuwachs an Jobs im vergangenen Jahr spiegelte sich in den Mitgliederstatistiken der Gewerkschaften nur unzulänglich wider, und der aktuell drohende Arbeitsplatzabbau wird erfahrungsgemäß wieder etliche Mitglieder kosten. Denn Neueintritte aus Angst vor der Krise wiegen die Verluste in aller Regel nicht auf.

Zum Gegensteuern fahren die Gewerkschaften bislang im Wesentlichen zwei Strategien:

1. Sie stärken die innerbetriebliche Gewerkschaftsbasis. Diesen Weg beschreitet vor allem die IG Metall, indem sie ihre Tarifpolitik betriebsnäher gestaltet. Die Metallgewerkschafter stimmen betrieblichen Bündnissen für Arbeit immer häufiger zu, wenn sie sie auch häufig instrumentalisieren, um bei den Belegschaften Ängste wegen angeblich drohender Arbeitsplatzverluste zu schüren. Andererseits akzeptieren sie weitgehend alle Instrumente, um im Abschwung Entlassungen zu vermeiden, wie Kurzarbeit oder die Nutzung von Öffnungsklauseln.

Dies entspricht genau den Wünschen der Arbeitnehmer, wie eine vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap durchgeführte Umfrage im Mai vergangenen Jahres – noch vor der aktuellen Finanzmarktkrise – ergab. Demnach erwarteten 46 Prozent der Beschäftigten von den Gewerkschaften, dass sie sich für einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen einsetzen. Lediglich 32 Prozent gaben hingegen an, sie sollten sich vor allem um höhere Löhne und Gehälter bemühen.

2. Die Gewerkschaften versuchen ihre Wertschätzung in der Gesellschaft zu steigern. Nicht zuletzt deshalb haben sich DGB-Chef Michael Sommer und seine Mitstreiter auf die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn fixiert und sich jüngst in einer Großaktion speziell für die Rentner eingesetzt: Beide Themen sind emotional besetzt und versprechen viel öffentlichen Beifall.

Was den in der Vergangenheit unternommenen Versuch der Mitgliederwerbung via Stimmungsmache gegen die Regierungspolitik erst möglich gemacht hat, ist das stete Auseinanderdriften von SPD und Arbeitnehmerorganisationen: Vor zehn Jahren war ein Drittel der potenziellen SPD-Wähler Mitglied in einer Gewerkschaft, heute gilt das bloß noch für jeden vierten. Dafür sind die Linkswähler den Gewerkschaften umso stärker zugetan. Während 1998 gerade ein Fünftel von ihnen organisiert war, traf dies nur drei Jahre später bereits auf ein Drittel der PDS- und Linkspartei-Anhänger zu.

Dr. Hagen Lesch

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