Im Rahmen der alle zwei Jahre durchgeführten Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) werden fast 1.500 Arbeitnehmer schriftlich unter anderem danach gefragt, ob sie Mitglied einer Gewerkschaft sind. Die Frage ist allgemein gehalten; es wird also nicht ermittelt, welcher Organisation sich ein Arbeitnehmer angeschlossen hat. Die letzte ausgewertete Befragung aus dem Jahr 2008 förderte aus Sicht der Gewerkschaften wenig Erfreuliches zutage: Landesweit war lediglich jeder fünfte Arbeitnehmer organisiert.

Mitgliederstruktur der Gewerkschaften
Mitgliederstruktur der Gewerkschaften

Zwar besteht ein Gefälle zwischen Regionen, Altersgruppen, Geschlechtern oder Beschäftigungsstatus. Diese Unterschiede sind aber nicht besonders ausgeprägt. Die markantesten Unterschiede zeigen sich zwischen Arbeitern, Angestellten und Beamten (siehe Tabelle). Die Staatsdiener sind landesweit noch zu fast 27 Prozent Mitglied einer Gewerkschaft, bei den Angestellten sind es nur gut 18 und bei den Arbeitern 19 Prozent, also ein Drittel weniger. Zudem sind Vollzeitbeschäftigte häufiger als Teilzeitler organisiert und es besteht ein Ost-West-Gefälle: Im Westen fällt der Organisationsgrad mit knapp 21 Prozent rund 5 Prozentpunkte höher aus als im Osten. Männer sind zwar insgesamt häufiger als Frauen Mitglied. Allerdings war die Organisationsneigung der Frauen im Osten zuletzt höher als die der Männer.

Bei den Altersgruppen sind die Unterschiede abgesehen von der Kohorte der 30- bis 39-Jährigen gering. Diese Gruppe weist einen nach unten abweichenden Organisationsgrad auf. Bei der jüngeren Kohorte (18 bis 29 Jahre) ist die Beitrittsneigung um 3 Prozentpunkte höher. Laut „Shell Jugendstudie 2010“ steigt auch der Anteil Jugendlicher, die sich gewerkschaftlich betätigen. Damit sind die Voraussetzungen nicht schlecht, den negativen Mitgliedertrend umzukehren. Ein wichtiges Instrument bilden dabei die Kampagnen, mit denen die Gewerkschaften seit einigen Jahren versuchen, ihr Trillerpfeifen-Image abzulegen.

Anders als Massenkundgebungen wie am Tag der Arbeit sind Kampagnen in der Regel dezentral organisiert. Sie dienen nicht nur dazu, Themen zu besetzen; sie dienen auch zur direkten Ansprache. In Kampagnen sollen Betroffene beteiligt werden und wo dies gelingt, entstehen Emotionen und möglicherweise eine Affinität. Je besser eine Kampagne inszeniert wird, desto größer wird auch die daraus resultierende öffentliche Imagewirkung.

Die allgemeine Wahrnehmung von Gewerkschaften wird aber nicht nur durch Kampagnen, sondern auch durch deren politische Programmatik beeinflusst. Während der Finanz- und Wirtschaftskrise punkteten die Gewerkschaften durch lohnpolitisches Augenmaß. Bewährt hat sich auch der Schulterschluss zwischen Arbeitgebern, Regierung und Gewerkschaften beim Kurzarbeitergeld. Zudem haben die Organisationen sozialpolitische Themen aufgegriffen, die viele Arbeitnehmer bewegen. Das gilt vor allem für die Forderungen, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen, Banken und Finanzmärkte stärker zu regulieren oder die Rente mit 67 wieder zurückzunehmen. Ob die Gewerkschaften daraus Kapital schlagen können, ist ungewiss. Denn der Wirtschaftsaufschwung und der sich verstärkende Fachkräftemangel können schnell dazu führen, dass diese Themen an Relevanz verlieren oder anders bewertet werden. Zudem kann die scharfe Gewerkschaftskritik an den Sparmaßnahmen der Bundesregierung auch nach hinten losgehen. Mit den Protesten gegen die Agenda 2010 stellten sich die Bünde schon einmal ins Abseits.

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