Seit der Wiedervereinigung verlieren die Gewerkschaften kontinuierlich Mitglieder. Während die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Einzelgewerkschaften zusammen mit den Organisationen des Deutschen Beamtenbundes und des Christlichen Gewerkschaftsbundes im Jahr 1991 noch insgesamt 13,7 Millionen Mitglieder zählten, waren es zuletzt noch 7,8 Millionen. Den größten Aderlass hatte dabei der DGB zu verzeichnen.

Durch eine Reihe von Kampagnen haben die acht im DGB zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften den Mitgliederschwund vor allem im Jahr 2008 abbremsen können. Diese positive Entwicklung hat sich nach Einschätzung maßgeblicher Gewerkschaftsfunktionäre auch im letzten Jahr fortgesetzt. Insgesamt standen 396.876 Austritten 290.324 Neueintritte gegenüber.

DGB-Gewerkschaften
DGB-Gewerkschaften

Dadurch ging die Zahl der Organisierten bis zum Jahresende 2009 um 106.552 auf 6,26 Millionen zurück (Grafik). Zwar verloren die Einzelgewerkschaften insgesamt 1,7 Prozent ihrer Mitglieder (2008: 1,1 Prozent). Angesichts von Wirtschaftskrise und Beschäftigungsabbau könne dies aber als eine weitgehende Stabilisierung der Entwicklung interpretiert werden. Positiv sei auch die im Vergleich zum Vorjahr deutlich verringerte Zahl an Austritten, weil sie auf eine bessere Mitgliederbindung hindeute. Im Jahr 2008 gab es noch rund 445.000 Austritte.

Unter den acht Einzelgewerkschaften schnitt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am besten ab. Sie verzeichnete 18.520 Neueintritte, denen 12.301 Austritte gegenüberstanden. Daraus ergibt sich ein Saldo von 6.219 Mitgliedern, was einem Zuwachs von 2,5 Prozent entspricht. Die GEW konnte bereits 2008 eine steigende Mitgliederzahl vorweisen. Damals fiel das Plus mit 3.107 Personen aber nur halb so groß aus wie 2009. Eine Trendwende gelang auch der Gewerkschaft der Polizei. Die kleinste aller DGB-Gewerkschaften gewann 1.217 Mitglieder hinzu. Das entspricht einem Anstieg um 0,7 Prozent. Ursächlich für den Umschwung könnte sein, dass die beiden Gewerkschaften vergleichsweise homogene Mitgliederinteressen vertreten, die im zurückliegenden Aufschwung auch offensiv vertreten wurden. So setzte die GEW im Sommer 2009 zusammen mit ver.di eine eigene Entgelttabelle für Erzieherinnen und Pädagogen mit besserer Bezahlung durch.

Die größten Verluste mussten die Eisenbahnergewerkschaft Transnet (3,7 Prozent) und die IG Bauen-Agrar-Umwelt (3,2 Prozent) verkraften. Transnet hatte bereits 2008 fast 5 Prozent seiner Mitglieder verloren. Viele Lokführer waren damals zur konkurrierenden Lokführergewerkschaft GDL gewechselt, weil diese höhere Lohnforderungen stellte. Um die eigene Schlagkraft zu erhöhen, hat Transnet beschlossen, mit der dem Deutschen Beamtenbund angeschlossenen GDBA (Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter) zu fusionieren.

Die IG Metall konnte nicht ganz an ihren Vorjahreserfolg anknüpfen. Während die Mitgliederzahl 2008 fast stabil geblieben war, gab es 2009 wieder mehr Verluste. Den 121.955 Austritten standen nur 84.412 Neueintritte gegenüber. Eine noch höhere Zahl an Austritten hatte ver.di zu beklagen. Der größten deutschen Dienstleistungsgewerkschaft kehrten 152.899 Mitglieder den Rücken.

In diesem Jahr wird die Mitgliederentwicklung in einem erheblichen Maß von der Beschäftigungsentwicklung abhängen. Wenn die IG Metall oder die Chemiegewerkschaft in der Tarifrunde das Thema „Beschäftigungssicherung“ ganz oben auf die Agenda setzen, geschieht dies nicht zuletzt auch aus organisationspolitischen Gründen.

Hagen Lesch

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