Unternehmensgewerkschaften und Gewerkschaftsmitglieder in Japan
Unternehmensgewerkschaften und Gewerkschaftsmitglieder in Japan

Am 30. Juni 2009 wurden in Japan 26.696 Unternehmensgewerkschaften mit insgesamt gut 10 Millionen Mitgliedern verzeichnet. Das entspricht einem geschätzten Organisationsgrad von 16,1 Prozent. Mitte der 1990er Jahre waren noch 12,6 Millionen Arbeitnehmer organisiert (siehe Grafik). Wie in vielen anderen Industrieländern gehen die Mitgliederzahlen und der gewerkschaftliche Organisationsgrad stetig zurück. Im Jahr 1949 lag der Organisationsgrad noch über 55 Prozent. Die Zahl der Gewerkschaften entwickelte sich hingegen bis in die 1980er Jahre hinein positiv und fällt erst seitdem. Gründe sind vor allem die Verlagerung der Beschäftigung von der Industrie auf den Servicesektor und die steigende Zahl der Teilzeitbeschäftigten und Zeitarbeitnehmer, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Aufgegliedert nach Wirtschaftszweigen stellte im Jahr 2008 das Produzierende Gewerbe mit 27,6 Prozent den größten Anteil an allen Gewerkschaftsmitgliedern, gefolgt vom Groß- und Einzelhandel mit 10,8 Prozent und dem Öffentlichen Dienst mit 10,3 Prozent.

In großen Unternehmen kann es auch Gewerkschaften für einzelne Betriebe oder Betriebsteile geben. Dabei gilt der Grundsatz „Ein Unternehmen – eine Gewerkschaft“ nicht immer. In der „pluralen Unternehmensgewerkschaft“ konkurrieren zwei oder mehrere Unternehmensgewerkschaften miteinander um die Stammbelegschaft eines Unternehmens. In der „neuen Gewerkschaft“ schließen sich bestimmte Gruppen von Arbeitnehmern zusammen. Der einzelne Arbeitnehmer ist nur Mitglied „seiner“ Unternehmensgewerkschaft. Er kann einer übergeordneten Gewerkschaftsorganisation nicht beitreten.

Auf der mittleren Ebene entstehen übergeordnete Organisationen, wenn sich mehrere Unternehmensgewerkschaften einer Branche zu einer Branchenföderation zusammenschließen. Diese verhandeln nicht selbst, sondern koordinieren die Tarifverhandlungen der Unternehmensgewerkschaften. Die oberste Ebene stellt der aus mehreren Branchenföderationen gebildete Dachverband, in Japan auch „Nationales Zentrum“ oder „Zentralorganisation“ genannt. Neben dieser branchenbezogenen Struktur existiert auch eine regionale Struktur.

Mit 6,8 Millionen Mitgliedern ist RENGÔ der größte von drei Dachverbänden. Die Dachverbände sind nicht tariffähig, sondern vertreten die Arbeitnehmerinteressen gegenüber der Politik. Innerhalb von RENGÔ ist die im Januar 1954 gegründete Gewerkschaft der regionalen und lokalen öffentlichen Beschäftigten JICHIRÔ mit rund 900.000 Mitgliedern die größte Gewerkschaftsorganisation Japans.Tarifverhandlungen finden in Japan jährlich statt. Obwohl das Gewerkschaftsgesetz regionale Tarifverträge vorsieht, werden sie in der Praxis größtenteils auf betrieblicher Ebene ausgehandelt. Tariffähig ist in Japan, von wenigen Ausnahmen abgesehen, allein die Unternehmensgewerkschaft. Während der „Frühjahrsaktion“ (Shuntô-Offensive) kommen Gewerkschaftsvertreter mit der Geschäftsführung zusammen, um über Löhne und Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Bedeutenden Anteil am japanischen Entgelt haben die zweimal im Jahr ausgezahlten Boni. Sie werden separat zum Gehalt verhandelt. Mit dem Zusammenbruch der „Bubble Economy“ zu Beginn der 1990er Jahre schrumpften die Spielräume für Lohnerhöhungen. Die regulären Lohn- und Bonuserhöhungen sind bescheiden ausgefallen: Neben Nullrunden mussten die Mitarbeiter auch häufig Lohnsenkungen hinnehmen. Dennoch sind Arbeitskämpfe in Japan die Ausnahme. Vorrangige Ziele der Gewerkschaften sind die Konjunkturbelebung, Verbesserungen für sog. atypisch Beschäftigte (Zeitarbeitnehmer, Teilzeitbeschäftigte) und der Arbeitsplatzerhalt.

Angestellte im Öffentlichen Dienst haben kein Recht, Tarifverhandlungen zu führen oder Tarifverträge abzuschließen. Ihre Gehälter werden im Rahmen von Gesetzen oder Verordnungen festgelegt, die zum Teil auf den Empfehlungen der Staatlichen Personalbehörde NPA und lokaler Personalkommissionen basieren.

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