Die Bedeutung der Gewerkschaften
Die Bedeutung der Gewerkschaften

Im Auftrag der Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftung befragte das IfD im Mai 2011 insgesamt 1.798 Bundesbürger zu ihren Einstellungen gegenüber Gewerkschaften und Streiks. Die Frage, ob Gewerkschaften heute noch wichtig sind, beantworteten gut drei Viertel der Befragten mit ja (Grafik). Dabei sind aber zwei in etwa gleich große Gruppen voneinander zu unterscheiden. Die Mitglieder der ersten Gruppe (39 Prozent aller Befragten) haben eine uneingeschränkt positive Sicht. Sie meinen, dass die Gewerkschaften auch viel für die Arbeitnehmer tun. Die zweite Gruppe (37 Prozent aller Befragten) erachtet die Gewerkschaften zwar als wichtig, meint aber, die Arbeitnehmerbünde müssten sich ändern und moderner werden. Ablehnung gibt es selten: Lediglich jeder zehnte Befragte gab an, Gewerkschaften seien heute generell überholt.

Im Vergleich zum Jahr 2006 hat sich die Gruppe mit einer uneingeschränkt positiven Einschätzung um 9 Prozentpunkte vergrößert, die Gruppe mit der differenzierten Einschätzung („wichtig, aber zu wenig modern“) schrumpfte um 7 Prozentpunkte. Das ablehnende Prädikat „überholt“ vergaben damals 16 Prozent. Insgesamt wurden die Arbeitnehmerbünde im letzten Jahr also deutlich besser beurteilt als vor fünf Jahren.

Warum hat sich diese verbesserte Einschätzung nicht in steigenden Mitgliederzahlen niedergeschlagen? Eine Erklärung könnte sein, dass sich die Erwartungen verändert haben, die die Beschäftigten an die Organisationen stellen. Aus der Allensbach-Umfrage geht hervor, dass Ende der 1990er Jahre jeweils 43 Prozent der Befragten angaben, die Gewerkschaften sollten sich für höhere Löhne und einen besseren Kündigungsschutz einsetzen. Nach einer langen Phase der Lohnzurückhaltung hat sich das Gewicht zwischen diesen beiden Zielen nun aber verschoben. Zuletzt gaben 61 Prozent der Befragten an, die Gewerkschaften sollten sich für höhere Löhne einsetzen, die Dringlichkeit des Kündigungsschutzes bejahten lediglich 47 Prozent. Besondere Priorität wird auch der Besserstellung von Zeitarbeitnehmern eingeräumt (42 Prozent). Im Gegenzug ist die Dringlichkeit der Themen Arbeitszeitverkürzung und Teilzeitarbeit gesunken. Ende der 1990er Jahre sprachen sich noch 25 Prozent (17 Prozent) dafür aus, dass sich die Gewerkschaften für mehr Teilzeit (kürzere Arbeitszeit) einsetzen, zuletzt lediglich 11 Prozent(9 Prozent). Deutlich an Gewicht verloren hat auch das Thema Mitbestimmung (damals 38, zuletzt 29 Prozent).

Der zunehmende Wunsch nach Lohnerhöhungen setzt die Gewerkschaften doppelt unter Druck. Die IfD-Umfrage zeigt nämlich auch, dass die Bevölkerung Spartengewerkschaften eine bessere Interessenvertretung zutraut als den Branchengewerkschaften. Während 42 Prozent erwarten, dass Spartengewerkschaften eine höhere Durchsetzungsfähigkeit besitzen, glauben lediglich 30 Prozent, dass Branchengewerkschaften tarifpolitisch mehr bewegen können. Um sich gegenüber den Spartengewerkschaften zu profilieren, müssen die Branchengewerkschaften eine offensivere oder eine nach Berufsgruppen differenziertere Tarifpolitik verfolgen und möglicherweise auch mehr Konflikte in Kauf nehmen.

Allerdings sollten die Ergebnisse der Umfrage auch nicht überinterpretiert werden. Denn erstens wurden nicht nur Arbeitnehmer, sondern die gesamte Bevölkerung befragt. Aus Arbeitnehmersicht spielt die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes aber eine größere Rolle als aus der Sicht eines Nichterwerbstätigen. Zweitens haben Spartengewerkschaften bislang nicht dauerhaft bessere Tarifabschlüsse durchgesetzt als Branchengewerkschaften. Zwar konnten Piloten oder Lokführer im Zuge ihrer tarifpolitischen Autonomie zweistellige Lohnsteigerungen durchsetzen. Danach kehrten aber auch diese Gruppen zur tarifpolitischen Normalität zurück. Dass ihnen trotzdem eine höhere Durchsetzungsmacht zugewiesen wird, dürfte mit dem konfliktfreudigen Auftreten zusammenhängen, mit dem die Berufsgruppengewerkschaften ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Und drittens genießen Branchengewerkschaften ein höheres Ansehen: Jeder zweite Befragte zieht Branchengewerkschaften vor, nur jeder fünfte Berufsgruppengewerkschaften.

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