Schrumpfung trotz Fusion
Schrumpfung trotz Fusion

In diesem Jahr feierte ver.di ihren zehnten Geburtstag. Im März 2001 schlossen sich die Deutsche Postgewerkschaft (DPG), die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), die IG Medien und die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) zu einer Multi-Branchengewerkschaft zusammen. Durch die Verschmelzung der fünf Einzelgewerkschaften sollten angesichts sinkender Mitgliederzahlen Kompetenzen und Kräfte gebündelt, Rivalitäten zwischen den Gewerkschaften beigelegt und Kosten gespart werden.

Um die Heterogenität von Interessen innerhalb der Großorganisation abbilden zu können, wurde eine besondere Organisationsstruktur gewählt. Die übliche vertikale Integration (Bund, Landesbezirke, Bezirke) wurde mit einer horizontalen Integration verknüpft (Matrixorganisation). Dabei sollen insgesamt 13 Fachbereiche eine fachlich-branchenbezogene Repräsentation ermöglichen. Die Fachbereiche können ihre Tarifpolitik weitgehend autonom gestalten. Sie verfügen zudem über eine gewisse finanzielle Autonomie. Die Matrixorganisation soll ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Gesamtorganisation und ihren Untergliederungen schaffen und eine demokratische Organisation der Willensbildung „von unten nach oben“ garantieren (Dezentralität als Stärke).

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachbereiche und Ebenen verläuft nicht reibungslos. Jüngstes Beispiel: Während sich die ver.di-Spitze im letzten Jahr der (gemeinsam mit der BDA angestoßenen) Initiative des DGB zur gesetzlichen Verankerung des Grundsatzes „Ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ (Tarifeinheit) angeschlossen hatte, haben zunächst der Fachbereich Medien und inzwischen auch der Fachbereich Gesundheit und Sozialwesen den Bundesvorstand aufgefordert, der Initiative die Unterstützung zu versagen. Darüber hinaus haben sechs ver.di-Landesbezirke ihre Ablehnung bekundet. Der ver.di-Gewerkschaftsrat hat nun beschlossen, die Initiative nicht weiter zu unterstützen. Ungeschickt ist auch, dass die Gewerkschaft für die Abschaffung der privaten Krankenversicherung eintritt und damit ihre dort organisierten Mitglieder brüskiert. Um deren Interessen bemüht sich nun die neu gegründete Neue Assekuranz Gewerkschaft.

Zuvor hatte schon die Konkurrenz durch Berufsgewerkschaften ver.di zugesetzt. Seit 2001 sind wichtige Berufsgruppen wie Piloten, Flugbegleiter, Fluglotsen oder Ärzte dazu übergegangen, ihre tarifpolitischen Interessen über eigene Organisationen durchzusetzen. Die Tarifverhandlungen für Arzthelferinnen führt seit einigen Jahren der Verband medizinischer Fachberufe. In einigen Dienstleistungsbranchen ist der ver.di-Organisationsgrad inzwischen so gering, dass die Durchsetzungsfähigkeit schwindet. Weil die Gewerkschaft ihre Tarifforderungen nicht ihrer Durchsetzungsschwäche anpassen will, zogen sich Tarifverhandlungen zum Teil über viele Monate hin, zum Beispiel bei den Banken oder im Einzelhandel.

Die Schwäche ist eine Folge der Mitgliederverluste (siehe Grafik). Auf dem letzten Gewerkschaftstag (2007) wurde beschlossen, die Ressourcen besser für eine mitgliedernahe Arbeit einzusetzen und die Mitgliederwerbung in den Fokus der Gewerkschaftsarbeit zu rücken. Ein Jahr später stellte der Bundesvorstand dazu das Strategiepapier „Chance 2011“ vor. Danach soll die betriebliche Präsenz massiv gestärkt und die politische Gestaltungskraft stärker entfaltet werden. Die Fachbereiche sollen stärker miteinander kooperieren, um branchenübergreifende Tariffragen in gemeinsame Tarifbewegungen umzusetzen. Vorgeschlagen wird zudem, Ressourcen zwischen den Fachbereichen umzuverteilen. Änderungen von Arbeitsorganisation und Arbeitsabläufen sowie eine Priorisierung von Arbeitsfeldern und Aufgaben sollen mithilfe eines Prozessmanagements umgesetzt werden. Die Mitgliedergewinnung und der Erhalt gewerkschaftlicher Strukturen in Betrieben und Regionen sollen stärker von den Bezirksebenen wahrgenommen werden. Über den Stand der internen Diskussion ist derzeit wenig zu erfahren. Bis zum nächsten Gewerkschaftstag im September 2011 in Leipzig muss der Bundesvorstand aber Farbe bekennen.

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