Arebistkämpfe in Deutschland
Arebistkämpfe in Deutschland

Ist ein Arbeitgeber von einem Arbeitskampf betroffen, muss er dessen Beginn und Beendigung der Bundesagentur für Arbeit (BA) ebenso melden wie die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer und die Zahl der durch den Ausstand ausgefallenen Arbeitstage. Die Bundesagentur dokumentiert das Arbeitskampfgeschehen und informiert darüber regelmäßig im Rahmen einer Streikstatistik. Darin werden Streiks und Aussperrungen mit mindestens zehn beteiligten Arbeitnehmern und einer Mindestdauer von einem Tag (oder alternativ mit mehr als 100 Ausfalltagen) sowie Bagatellstreiks (alle anderen Streitigkeiten) nach Regionen und Branchen ausgewiesen. Die selten vorkommenden Aussperrungen werden nur als Summe der dadurch verlorenen Arbeitstage veröffentlicht.

Nach der BA-Statistik war 2010 aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive ein konfliktarmes Jahr. Insgesamt fielen 28.433 Arbeitstage arbeitskampfbedingt aus. Im Jahr 2006 waren es noch 428.739 Arbeitstage. Seitdem gehen die Ausfalltage stetig zurück (siehe Grafik). Die gute Bilanz des letzten Jahres beruht zum einen darauf, dass es in der Metall- und Elektro-Industrie nicht die üblichen Warnstreiks gab und im Öffentlichen Dienst partnerschaftlicher als in den Vorjahren verhandelt wurde. Zudem gab es kaum Rivalitäten durch Berufsgewerkschaften.

Die BA-Statistik basiert ausschließlich auf Arbeitgebermeldungen. Dabei ist unklar, ob die Arbeitgeber vollständig über die Konflikte informieren. Derartige Zweifel werden geweckt, weil das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut in der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) seit einigen Jahren eine alternative Statistik veröffentlicht, die hauptsächlich Angaben der Gewerkschaften heranzieht. Der Vergleich der beiden Erhebungen zeigt: Die WSI-Angaben sind um ein Vielfaches höher als die der amtlichen Statistik der BA. Allein im letzten Jahr kommt das WSI auf 173.000 Ausfalltage, für 2006 errechnete es 1,6 Millionen verlorene Tage. Große Unterschiede bestehen auch hinsichtlich der Zahl der streikenden Arbeitnehmer. Während die offizielle Statistik für 2010 knapp 13.000 Streikende ausweist, kommt das WSI auf 120.000. Das Institut befürchtet eine „systematische Untererfassung des tatsächlichen Arbeitskampfgeschehens“.

Ein weiteres Manko der offiziellen Statistik ist, dass lediglich die Zahl der bestreikten Betriebe ausgewiesen wird, aber nicht die Zahl der Arbeitskämpfe. Letztere wäre für internationale Vergleiche der Streikbeteiligung wichtig. Diese setzt die Zahl der Streikenden ins Verhältnis zur Zahl der Streiks. Außerdem wäre eine Erhebung der Streikhäufigkeit sinnvoll, um zu sehen, ob die Zersplitterung des Tarifsystems und der wachsende Gewerkschaftswettbewerb zwischen Branchen- und Berufsgewerkschaften dazu führen, dass sich Konflikte häufen. Zieht man allein die ausgefallenen Arbeitstage heran, wird das Problem der streikmächtigen Berufsgewerkschaften möglicherweise unterschätzt: Streiken anstelle einer Branchengewerkschaft mehrere kleine Berufsgewerkschaften, kann die Zahl der ausgefallenen Arbeitstage unverändert bleiben oder sogar sinken, wenn die kleinen Gewerkschaften einen Arbeitgeber schneller (oder mit weniger Streikenden) zum Nachgeben zwingen. Der isolierte Blick auf diesen Indikator würde diese strukturelle Veränderung, die für die betroffenen Arbeitgeber von erheblicher Brisanz sein dürfte, verdecken. Beim zusätzlichen Blick auf die Zahl der Ausstände würde hingegen erkennbar, ob es infolge der Zersplitterung auch mehr Konflikte gibt.

Positiv ist, dass die amtliche Statistik seit 2008 nachrichtlich auch Bagatellstreiks ausweist. Diese Ergänzung kann die Lücke zwischen arbeitgeber- und gewerkschaftsbasierten Berechnungen aber nicht schließen. Um mehr Aussagekraft zu gewinnen, sollten die Arbeitgebermeldungen künftig mit den Angaben der Gewerkschaften über ihre Streikunterstützungsleistungen abgeglichen werden.

Schlichtung ist weiterhin nötig
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