Die Digitalisierung ändert die Wirtschaft und die Gesellschaft in rasantem Tempo. Disruption ist zum Schlüsselbegriff geworden. Alte asset-orientierte Geschäftsmodelle werden von neuen datengetriebenen und auf Vernetzung ausgerichteten Konzepten abgelöst. Digitalisierung bedeutet viel mehr als nur den Einsatz von modernen IKT- und Internettechnologien.

Dr. Roman Bertenrath

Leiter Strategie und Wachstum in der IW Consult

Roman Bertenrath

Manuel Fritsch

Referent in der IW Consult

Manuel Fritsch

Dr. Thorsten Lang

Referent in der IW Consult

Thorsten Lang

Dr. Karl Lichtblau

Sprecher der Geschäftsführung der IW Consult

Karl Lichtblau

Agnes Ricci

Referentin in der IW Consult

Agnes Ricci

Dr. Thomas Schleiermacher

Leiter Empirie und Methoden in der IW Consult

Thomas Schleiermacher

Im Kern geht es um die Virtualisierung von Prozessen und Produkten auf Basis von Daten, Datenmodellen und Algorithmen. Real existierende Dinge der analogenWelt werden als Datenpakete transformiert und sind so universell verfügbar. Damit entsteht eine Grenzenlosigkeit in der Verfügbarkeit von Dingen (Produkte, Prozesse, Ressourcen) mit Blick auf Raum und Zeit.

Digitalisierte Produkte oder Prozesse können gleichzeitig und ohne Einschränkungen von mehreren Akteuren genutzt werden. Das eröffnet enorme Effizienzgewinne und die Möglichkeit der Skalierung von Geschäftsmodellen. Gleichzeitig erlaubt das Internet eine Vernetzung von Menschen und Dingen zu sehr günstigen Kosten. Digitale Ökonomien sind deshalb durch eine „doppelte Nullgrenzkosten-Eigenschaft“ geprägt. Die Reproduktion des digitalen Wissens und die Verteilung über das Internet sind fast kostenlos.

Hinzu kommt, dass die digitale Vernetzung auch das Teilen von Daten und Wissen bedeutet. Kooperation und Kollaboration – also das simultane Arbeiten und Agieren am gleichen Objekt oder die Interaktionen in Echtzeit– bekommen eine neue Bedeutung. Es entstehen in diesen Netzwerken positive externe Effekte, die neue Wachstumschancen eröffnen. Neue Geschäftsmodelle, wie Suchmaschinen, Social-Media-Angebote oder Transaktions- und Vermittlungsplattformen wie Uber oder Airbnb wären ohne digitale Technologien gar nicht denkbar.

Dadurch leiten sich ökonomische Besonderheiten ab:

Monetarisierung: Aufgrund der Eigenschaft von Daten als öffentliche Güter ist die Realisierung von Erlösen schwierig. Die digitalen Geschäftsmodelle lösen das Problem entweder durch die Durchsetzung des Ausschlussprinzips (z. B. Lizenzen) oder durch Formen der indirekten Monetarisierung (bezahlen mit Daten/Werbung). Der zweite Weg ist wirklich neu.

Wissensdiffusion: Wissensdiffusion kann und soll in digitalen Geschäftsmodellen nicht vollständig verhindert werden. Die Bestimmung des optimalen Offenheitsgrades zwischen Wissensabfluss und der Nutzung des Know-hows Dritter gehört zu den zentralen Herausforderungen in digitalen Ökonomien.

Plattformen: Transaktions-, Vermittlungs- und Entwicklungsplattformen sind das infrastrukturelle Herzstück digitaler Ökonomien. Je größer sie sind, umso effizienter funktionieren sie. Nur in wenigen Ausnahmefällen sind aber Monopole zu erwarten – selbst diese Märkte sind jedoch bestreitbar, also von Konkurrenz bedroht.

Disruption: Digitalisierung bedeutet die Verwendung von breit einsetzbaren Technologien, die zu einer weitreichenden, über Branchengrenzen hinausgehenden schöpferischen Zerstörung alter Geschäftsmodelle führen können. Agilität ist die einzige Antwort, die bleibt.

Kollaboration: Durch die Digitalisierung eröffnen sich neue Möglichkeiten des gemeinsamen Arbeitens auf Wissensplattformen oder mit gemeinsamen Ressourcen. Oft geschieht dies in amorphen Strukturen mit unklaren Datennutzungsrechten und Erlösmodellen.

Die Digitalisierung ist erst am Anfang. Die Potenziale sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Nutzer, Konsumenten,
NGOs, Unternehmen und staatliche Institutionen sehen darin aber deutlich mehr Chancen als Risiken. Die digitale Transformation ist allerdings kein Selbstläufer – sie muss aktiv organisiert und gestaltet werden.

Wirtschaft: Die digitale Transformation der Wirtschaft steht am Anfang. Erst ein Fünftel der Unternehmen ist wirklich digitalisiert. Etwa 15 Prozent der Wertschöpfung entfallen auf digitale Produkte oder entsprechende digitale Komponenten. Großunternehmen sind weiter als die KMU. Unternehmen investieren verstärkt in die Digitalisierung – gut 9 Prozent ihrer Umsätze.

Gesellschaft und Konsumenten: Nur ein Drittel der Menschen in Deutschland sind digitale Vorreiter mit den entsprechenden Kompetenzen und der notwendigen Aufgeschlossenheit. Männer, Jüngere und Menschen mit höherem Einkommen und höherer Bildung sind digital affiner. Ausgeprägte digitale Kompetenzen sind über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg unabdingbar, denn Digitalisierung bedeutet eine direkte Einbeziehung der Konsumenten und Nutzer in die Wertschöpfungsketten. Das kann nur gelingen, wenn die Menschen die digitalenWerkzeuge beherrschen und eine positive Einstellung dazu haben.

NGOs: 80 Prozent aller NGOs stufen die Digitalisierung als wichtig oder eher wichtig ein. Es werden deutlich mehr Chancen als Risiken gesehen. Quer über alle NGOs bietet die Digitalisierung hilfreiche Werkzeuge für die Verbesserung der internen Verwaltungsabläufe, die Kommunikation und die Öffentlichkeitsarbeit. Für Lobbygruppen ist die Digitalisierung noch wichtiger.

Bildungseinrichtungen: Fast 90 Prozent der Einrichtungen halten die Digitalisierung für bedeutend. Das gilt insbesondere für die Verbesserung von Verwaltungsabläufen. Bei der Wissensvermittlung sind digitale Tool oder digitale Lerninhalte noch nicht ausreichend verbreitet.

Mit der Digitalisierung werden hoffnungsvolle Visionen mit wachsender Wertschöpfung, höheren Kundennutzen und zunehmender Produktivität erwartet. Auf der makroökonomischen Ebene sind diese Effekte noch nicht messbar. Mikroökonomische Studien zeigen aber, dass es bereits heute eine digitale Dividende gibt. Die digitalisierten Unternehmen haben ein deutlich höheres Umsatz- und Beschäftigungswachstum als die Vergleichsgruppe der digital weniger affinen Unternehmen. Analysen zeigen, dass sich in einem vierstufigen Reifegradmodell durch eine Verbesserung um eine Stufe die Umsätze um 11 Prozent und die Beschäftigung um 8 Prozent erhöhen. Auf dem Arbeitsmarkt werden gemessen an der Gesamtzahl der Arbeitsplätze insgesamt keine großen Effekte erwartet, wohl aber erhebliche Strukturverschiebungen zulasten von weniger qualifizierten Beschäftigten, Helfertätigkeiten und des klassischen Facharbeiters.Wichtiger werden für den Großteil der Beschäftigten Soft Skills, wie selbstständiges Arbeiten und Kommunikationsfähigkeiten. Der Robotereinsatz hat in Deutschland noch keine Arbeitsplätze gekostet, wohl aber in den USA.